Hass und Hetze statt Shelter
Rezensionen / 12. Oktober 2021

QAnon-Anhänger, Querdenker, Esoteriker – Corona scheint Verschwörungstheorien jeglicher Art zu beflügeln. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Ursula Poznanski das Thema aufgreifen würde. Die österreichische Autorin ist mit ihren Büchern (fast) immer am Puls der Zeit. Auch mit  Shelter, ihrem neuen Roman, in dem eine Schnapsidee zu ungezügelter Hetze führt. Hashtag Shelter In Partylaune bringen ein paar Jugendliche über Social Media eine Fake-Realität unters Volk – von Aliens, die sich Menschen als Wirte aussuchen, um irgendwann unseren Planeten zu kapern. Hashtag Shelter läuft schnell aus dem Ruder und entwickelt sich aus der virtuellen zu einer realen Hexenjagd. Im Zentrum der Hasskampagne steht der Schauspiel-Eleve Benny, der sich immer mehr verfolgt fühlt. Octavios Spielchen Denn es gibt einen einen neuen Player, Octavio. Er hat in Windeseile die Story gekapert und nutzt sie für seine Zwecke. Benny will den Spuk so schnell wie möglich beenden, doch seine Aufklärungsversuche machen ihn nur zur Zielscheibe der „Octavianer“ und entfremden ihn von seinen Freunden. Die Sache eskaliert, es gibt die ersten Verletzten. Mit heißer Nadel So weit so nachvollziehbar und auch spannend. Doch die Auflösung bleibt diesmal eher unbefriedigend, obwohl es Poznanski gelingt, gegen Ende noch eine Breitseite gegen den Heiler-Wahn unterzubringen.  Da…

Liebe statt Mord
Rezensionen / 11. Oktober 2021

Nicola Förg hat sich als Krimi-Autorin einen gewissen Ruf erschrieben. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass die Autorin auch eine engagierte Tierfreundin ist. In ihrem neuen Roman, der überraschenderweise kein Krimi ist, kann man das nicht überlesen. Hintertristerweiher ist ein Familienroman geworden, der sich über 80 Jahre erstreckt und an den unterschiedlichsten Orten spielt und auch von einer großen, unerfüllten Liebe erzählt. Ein Tod und ein großes Erbe Am Anfang steht ein Tod: Die Französin Isabelle hat sich für den Freitod in der Schweiz entschieden und hinterlässt ihrer Nichte Aurelie ein großes Erbe. Doch es gibt eine Bedingung: Um das ganze Erbe zu bekommen – auch die Latifundien am Meer in Frankreich -, muss Aurelie ein Jahr lang den Tiergnadenhof und die dazu gehörige Seegaststätte am Hintertristerweiher weiterführen. Eine Zumutung, findet Aurelies Ehemann Eike, bis er erfährt, wie groß das Erbe wirklich ist und seine Frau dazu drängt, es doch anzunehmen. Das kann nicht gut gehen… Die Toten erzählen Geschichte Doch in dem Roman geht es nicht nur um die Lebenden, auch die Toten erzählen Geschichte, vom Weltkrieg, von Kriegsgefangenen, dem Holocaust – und einer Liebe in gefährlichen Zeiten. Förg wechselt die Zeitebenen wie die Plätze springt vor und zurück…

Verliebt sein – was ist das?
Rezensionen / 9. Oktober 2021

Fanny geht gern in die Schule, und sie spielt am liebsten mit Ester. Doch als Ester sich wünscht, dass Fanny in sie verliebt sein soll, trübt sich die Freundschaft ein. Fanny will nicht verliebt sein, sie will Spaß haben und lustige Sachen machen – am liebsten mit Ester. Nur ohne die ganze Küsserei Aber Ester ist ihr böse, und Fanny ist traurig. Freundschaftskummer ist fast so schlimm wie Liebeskummer. Wie gut, dass sie so eine einfühlsame Oma und eine verständnisvolle Mama hat. So lernt Fanny, dass man nicht verliebt sein muss, um andere gern zu haben: „Jemanden richtig gern haben ist ja fast wie verliebt sein“, sagt Mama. „Nur ohne die ganze Küsserei.“ Auch Mamas machen Arbeit Sara Ohlsson lässt Fanny von ihren Nöten mit dem Verliebtsein und ihrem Alltag erzählen. Das kann manchmal richtig lustig sein: „Kinder machen so viel Arbeit“, sagte Mama. Aber ehrlich gesagt, macht eine Mama auch ganz schön viel Arbeit. Man muss alle Stifte aufräumen, wenn man gerade herausgefunden hat, wie man Pferde malt, und man muss beim Tischdecken helfen und seine Jacke aufhängen und das Tablet weglegen und leise singen, wenn sie telefoniert. Mit einer Oma hat man viel weniger Arbeit.“ Witzige Illustrationen Man…

Mexikanische Schattenwelten
Rezensionen / 8. Oktober 2021

Ich bin mir nicht sicher, ob J.R. Bechtle mit „Der Schatten von Tulum“ einen Abenteuer- oder nicht doch eher einen Fantasy-Roman geschrieben hat. Alles beginnt eher realistisch mit dem deutschstämmigen Investment-Banker Jake Friedman, der im Zenit seiner Karriere steht. Gerade deshalb plagen den Spezialisten für das Mexiko-Geschäft Abstiegsängste. Beflügelt werden sie durch einen milliardenschweren Mexikaner, der Friedman auszutricksen droht. Eine rätselhafte Entführung Doch noch gehören er und seine Frau Sharon zur New Yorker Society. Bis Friedman in Mexiko nach einem heftigen Streit mit seinem Geschäftspartner Opfer einer Entführung wird. Kollegen und Familie vermuten dahinter handfeste geschäftliche Interessen. Auch Friedmann sieht sich lange als Opfer einer Intrige. Der Hippie Harry Simms Doch dann wallen Erinnerungen auf – an eine längst vergangene Episode in Tulum. Damals, als er das Leben noch vor sich hatte. Als er sich Harry Simms nannte, sich als Hippie fühlte und unsterblich in die junge Indigene Rosha verliebte. Als er sich im LSD-Rausch selbst verlor. Erinnerungen an den zerzausten Weisen, der immer wieder seinen Weg kreuzte, an ein Versagen, das er lange verdrängt hat. Zwischen Wahn und Wirklichkeit In der Realität wird dem Entführten klar, dass seine Vergangenheit dabei ist, ihn einzuholen und die Gegenwart dagegen keine Chance…

Dreistimmige Abrechnung
Rezensionen / 7. Oktober 2021

Wer kennt sie nicht, die stillen Helferinnen in den (fast) leeren Wohnungen? Ohne die Polinnen oder Rumäninnen, die monatelange ihre Familie gegen einen zu pflegenden Alten oder eine Alte eintauschen, wären viele Familien überfordert. Marco Balzano hat sich in seinem neuen Roman „Wenn ich wiederkomme“ dieser Frauen angenommen, die auch in Italien unabkömmlich sind. Es ist eine dreistimmige Abrechnung mit unserer Gesellschaft geworden, die ihr Wohlleben auf die Ausbeutung anderer gründet. Verwaiste Familie Die Rumänin Daniela hat einen Taugenichts als Mann und zwei heranwachsende Kinder. Um ihnen ein besseres Leben zu sichern, stiehlt sie sich heimlich aus dem Haus und geht sie als ungelernte Altenpflegerin nach Italien. Die verlassene Familie muss sich neu organisieren, und tut sich damit schwer. Sohn Manuel fühlt sich von der Mutter verraten, Tochter Angelica von der neuen Mutterrolle, in die sie zwangsweise schlüpft, überfordert. Der Vater flieht in einen Job als LKW-Fahrer. Schließlich übernehmen die Großeltern die Erziehung des Jungen. Das geht gut, bis der Großvater stirbt – und Manuel in einem existentiellen Nirvana zurück lässt. Marco Balzano lässt erst den Jungen aus seiner Perspektive erzählen und erteilt dann der Mutter das Wort, die ihr schlechtes Gewissen kaum beruhigen kann. Nachdem Manuel als Folge eines…

Familienzusammenführung auf jüdisch
Rezensionen / 7. Oktober 2021

Nach „Mischpoke“ nun also „Schlamassel“. Und wieder taucht Marcia Zuckermann tief in die Familiengeschichte der Kohanim und anderer Juden ein. Am Beginn der turbulenten Verwicklungen, der Tragödien und Dramolette steht John Segall, der mit einem der letzten Kindertransporte nach England entkommen war. 1962 kommt er nach Europa, um eine Mizwa zu erfüllen, eine Sohnespflicht gegenüber seinem von den Nazis ermordetem Vater. Weitläufige Verwandtschaft Auf der Suche nach seinen Wurzeln wird er mit seiner über viele Länder versprengten Mischpoke konfrontiert. Anhand dieser oft skurrilen Charaktere beschreibt Marcia Zuckermann ohne jede Larmoyanz den Leidensweg der europäischen Juden, die den Horror des Dritten Reichs überlebten. Glück und Unglück liegen da schier untrennbar beieinander. Mit jüdischem Witz macht Zuckermann selbst die schlimmsten Erlebnisse der weitläufigen jüdischen Verwandtschaft erträglich. Die Folgen des Holocaust Doch selbst wenn die Vernichtungslager nur am Rand erwähnt werden, sind  der Holocaust  und seine Folgen auch in dieser Familiengeschichte allgegenwärtig. Da ist das Foto mit dem Strick um den Hals des Vaters, das John zu seiner Expedition verpflichtet. Da ist das feindliche Umfeld in England, das den elternlosen jüdischen Kindern das Leben schwer gemacht hat. Da ist die Reise auf dem Seelenverkäufer gen Palästina, die viele Passagiere nicht überlebten. Da ist…

Lied der Freundschaft
Rezensionen / 7. Oktober 2021

Sofia Lundberg erzählt gern von zwischenmenschlichen Beziehungen, von Freundschaft, Liebe, Verbundenheit. Das gilt auch für den dritten Roman der schwedischen Journalistin „Der Weg nach Hause“. Viola und Lilly sind beste Freundinnen, sie wachsen in enger Nachbarschaft auf und sind bis in die späten Teenager-Jahre unzertrennlich. Das verwöhnte Einzelkind Viola und Lilly aus einer armen aber stolzen Großfamilie ergänzen sich gegenseitig. Symbolträchtiges  Datum Als Lillys Mutter bei der Geburt des kleinen Sture stirbt, ist es Viola, die Lilly Halt gibt. Den Todestag der Mutter und den Geburtstag des Bruders begehen die beiden Mädchen jahrelang gemeinsam. Das Datum begleitet auch durch die Kapitel des Buches. Doch alles andere ändert sich. Lillys Bruder Alvin wird für Viola bald mehr als ein großer Bruder. Lilly verstrickt sich in eine Affäre mit einem verheirateten Mann und muss wegen illegalen Schnapsbrennens ins Gefängnis. Karriere als Sängerin Ihre Zukunft sieht düster aus, doch dann macht sie dank ihre Stimme Karriere als Sängerin, wird weltweit gefeiert – und scheint Viola und ihre Freundschaft vergessen zu haben. Bis Viola, inzwischen Witwe und Urgroßmutter, einen Anruf aus Paris bekommt. Von Lilly, die sich verabschieden will. Die alte Viola macht sich samt Tochter, Adoptivtochter und Enkelin auf den Weg, um die…

Zum Fürchten schön
Rezensionen / 5. Oktober 2021

 Zerbrechlicher Planet ist der Titel dieses Bildbandes, der die „Zeichen des Klimawandels“ abbildet. Das Thema spielte auch bei der Wahl eine wichtige Rolle. Und diejenigen, die nicht wählen konnten, hatten noch am 24. September in ganz Deutschland bei Fridays-for-Future-Demonstrationen ein starkes Zeichen gesetzt. Argumentationshilfe könnte ihnen dieser beeindruckende Bildband  liefern, der in bestürzenden Bildvergleichen zeigt, was Klimawandel in der und für die Natur bedeutet. Wissen und nicht glauben „Wir wissen von der Klimakrise und glauben sie nicht“, schreibt der Wissenschaftsjournalist Fritz Habekuß im Vorwort. Wer die großformatigen Bildseiten aufschlägt, muss an die Klimakrise glauben. Denn sie konfrontieren die Betrachtenden mit den Auswirkungen des Klimawandels in all ihren Fassetten. Mit vernichtenden Tropenstürmen, die Wohnhäuser und Infrastruktur zerstören und Menschen heimatlos machen. Mit Winterstürmen, Eislawinen, Blizzards, Kältewellen. Wobei die Zerstörer auf den Fotos oft verstörend schön sind und die Schäden, die sie anrichten, erschreckend. Sehen und nicht erkennen Auf den ersten Blick sichtbar sind die schmelzenden Gletscher im Bildvergleich. Weniger sichtbar aber nicht minder gefährlich ist der tauende Permafrost, sind die sich ausbreitenden Wüsten und die austrocknenden Seen. Dazu kommen Waldbrände, Dürren und Hochwasser – alles dokumentiert mit eindrucksvollen Satellitenbildern. Ein bisschen Hoffnung Und ganz zum Schluss sozusagen als Trostpflästerchen werden noch…

Ochsentour zum Erfolg
Rezensionen / 29. September 2021

Das erste Geoheft 1976 war für den 15-jährigen Michael Martin „das Fenster zur Welt“. Auch ein professioneller Diavortrag beeindruckte den Schüler nachhaltig. Mehr als 40 Jahre später ist in Gersthofen bei Augsburg Geborene selbst ein erfolgreicher Vortragsreisender. Geo widmete den vielfach Ausgezeichneten sogar eine Sonderausgabe. „Ich will mehr als schöne Bilder zeigen und abenteuerliche Geschichten erleben“, schreibt Michael Martin im Vorwort zu seinem Buch „Die Welt im Sucher“.  In dem Buch nimmt er  die Lesenden nicht nur auf seine Reisen mit, er lässt sie   auch teilhaben an den Anfängen seiner Karriere. Und am  Ende gewährt der Profi auch noch Einblicke in seine Ausrüstung. Mauerblümchen und Orchideenfach Der Vater prägte ihn, schreibt der heute 58-Jährige dankbar. Auch der Mutter habe er viel zu verdanken. In der Schulzeit fühlte er sich eher als „Mauerblümchen“, das Ingenieurstudium tauschte er gegen das „Orchideenfach“ Geographie, das er nach langen elf Jahren immerhin mit einem Diplom abschloss – inzwischen Vater einer Tochter und erfahrener Reisender. Mit dem Mofa nach Marokko Immerhin führte seine erste Reise den 17-Jährigen schon nach Marokko – mit dem besten Freund und auf einem Mofa. Als Fotograf, schreibt Martin, sei er Autodidakt. Doch er profitierte von der „Goldenen Zeit der Reisefotografie“, auch…

Zwischen Tokio und deutscher Provinz
Rezensionen / 23. September 2021

Nippon ist das Land der aufgehenden Sonne.  So sieht sich Japan selbst.  Der Journalist Andreas Neuenkirchen hat sich für dieses Nippon entschieden und den ersten Kulturschock schon hinter sich. Er ist in Tokio angekommen. Spätestens seit Tochter Hana geboren wurde, nimmt er am Alltag seiner Wahlheimat teil – als Vater. Väter im Partnerlook Was das bedeutet, beschreibt der aus Bremen-Vegesack stammende Autor in seinem Buch Nippon Global mit viel Selbstironie: „In Japan sind Väter, die auf eigene Faust etwas mit ihren Kindern unternehmen, so ungewöhnlich, dass die Väter, die es doch tun, sich und ihren Nachwuchs oft im Partnerlook kleiden, damit die Zusammengehörigkeit offensichtlich ist und niemand die Polizei ruft: ‚Da ist ein Mann mit einem Kind auf der Straße – ohne Frau!‘“. Weihnachtsbaum mit Regenbogen Trotz der Jahre, die er inzwischen in der Heimat seiner Frau Junko verbracht hat, hat Neuenhausen das Wundern nicht verlernt. Über Weihnachten in Japan etwa und die Odyssee auf der Suche nach einem Weihnachtsbaum möglichst ohne Regenbogen-Deko. Über Corona und die väterlichen Pflichten bei der Tochter-Betreuung. Über Mangas, Kindergärten, Schriftzeichen und eine Art Stadtmarathon, bei dem der Deutsche viele neue Ecken seiner Wahlheimat kennenlernt. Schlaflos in Tokio Zum Schlafen kam er dabei nicht. Dazu…