Tödliches Spiel
Rezensionen , Romane / 16. August 2026

Sie ist jung, sie ist intelligent, und sie will unbedingt dazu gehören. Cora ist die Ich-Erzählerin in Franziska Gänslers neuem, bestürzendem Roman „Orca“. Eine junge Frau knapp jenseits der Pubertät, die in der Corona-Zeit in eine Total-Isolierung abgerutscht ist. Sie ist Stipendiatin eines Elite-Gymnasiums, wo Unternehmertöchter oder der Nachwuchs von Managern ungeniert ihren Reichtum zur Schau stellen – mit Taschen, T-Shirts, Schuhen, Kosmetik. Anschluss gesucht Cora kann da nicht mithalten und versucht verzweifelt, mit Fake-Produkten den Anschluss zu schaffen. Bis sie eine Schulfreundin aus der Grundschule wieder trifft: Olympia, wild und unangepasst. Schnell gerät Cora in den Bann dieses Mädchens, das so selbstgewiss wirkt, so charismatisch. Die beiden verleben in einer leer stehenden Villa, die Olympia sauber hält, einen traumhaften Sommer. Das Ende kommt, als der Besitzer Umweltaktivisten in der Villa einquartiert, um so etwas wie eine Öko-Kommune zu gründen. Verlust-Ängste Ariel ist eine der Aktivistinnen, zornig und entschlossen. Olympia ist fasziniert – und Cora eifersüchtig. Sie will ihre beste Freundin nicht verlieren, will wieder unbedingt dazu gehören. Diesmal nicht zu den Reichen und Schönen, sondern zu den Aktivisten, denen Reichtum und Macht ein Dorn im Auge sind. Und doch steht sie wieder am Rand, fühlt sich ausgeschlossen: „Ich konnte…

Europa erfahren
Reisebücher , Rezensionen / 11. August 2026

Sommer, Sonne, Reisezeit. Viele reisen innerhalb der europäischen Union und profitieren dabei vom Euro. Auch sonst hat die EU für Reisende einige Vorteile gebracht. Aber derzeit ist sie bedroht wie nie. Höchste Zeit, sich Gedanken zu machen, wie die EU die Krise überstehen kann. Dabei kann das Büchlein „Das beste Europa aller Zeiten“ von Katja Sinko und Peter Jelinek helfen. Die beiden haben so einige Ideen, die ohne große Systemreform umsetzbar wären. Ihr Ziel ist ambitioniert: Das beste Europa aller Zeiten. Sackgasse Nationalismus Aber wer will das nicht? Man sieht doch deutlich, wohin der Nationalismus führt – nicht nur in Russland. Wollen wir wieder neue Grenzen errichten und uns gegen die Nachbarn abschotten, mit denen wir Jahrzehnte friedlich zusammengelebt haben? Katja Sinko und Peter Jelinek sind sicher: „Ohne Brüssel und insbesondere das Europäische Parlament wären wir beim Klimaschutz, der liberalen Demokratie, unserem Wohlstand und unseren Rechten heute schließlich nicht da, wo wir sind.“ Allemannsrätt für alle Es lohnt sich also, sich für das beste Europa einzusetzen, und da könnten die einzelnen Staaten ihre eigenen Stärken einbringen: Estland die Digitalisierung, Luxemburg die kostenlose Mobilität, Skandinavien den Umgang mit der Natur. Dazu gehört auch das „Allemannsrätt“, das Skandinavienurlaubende schon lange schätzen. Allerdings…

Das Ei der Geschichte
Rezensionen , Romane / 9. August 2026

Belinda Bauer gilt als „Großbritanniens originellste Krimiautorin“. Sie wurde gar für für den Man Booker Preis nominiert. Mit Recht, wie der neue Roman „Das Ding der Unmöglichkeit“ zeigt. „Ein großartiges Leseerlebnis“ bescheinigt Krimi-Kollegin Val McDermid dem Buch über Sammelwahn, Geldgier und gestohlene Eier, das auf tatsächlichen Begebenheiten beruht. Celies Schuld Belinda Bauer führt uns zurück ins Jahr 1926. Das Leben ist karg, vor allem auf der Metland-Farm, wo Enid Sheppard ihre fünf Kinder ohne Mann durchzubringen versucht. Nur der achtjährige Robert, der wohl nicht ganz richtig im Kopf ist, bleibt ihr als Hilfe. Schuld an allem war die kleine Celie, weißhäutig und weißhaarig und so ganz anders als die vier Geschwister – was den Ehemann aus dem Haus trieb. Doch es ist Celie, die das Leben auf der Farm grundlegend verändert. Und schuld daran ist ein Ei. Das Metland-Ei An den steilen Klippen der Küste beobachtet das kleine Mädchen, wie sich Männer abseilen, um den dort nistenden Vögeln ihre Eier zu stehlen. Die lassen sich gut an Sammler verkaufen, je seltener, desto teurer. Wegen eines Felsvorsprungs war es den Leuten auf der Metland Farm nicht möglich, sich abzuseilen – bis Celie kam – klein und fest entschlossen. Zusammen mit Robert…

Schwindendes Leben
Rezensionen , Romane / 2. August 2026

Ein Roman ist das nicht. Was aber ist Alexandra Stahls „Tschikago“ dann? Eine Sammlung von Erinnerungsgeschichten? Die Autorin sieht das so: „Dass ich einmal ein Buch mit Gary Oldman, dem Fleischwurst-Willi, Max Frisch und Brad Pitt beginnen würde, hätte ich niemals geglaubt, ich hätte nicht einmal daran gedacht, aber vielleicht geht es in diesem Buch genau darum. Um die Dinge, an die man nicht denkt, bis sie passieren. Und um die Dinge, an die man nicht denken will, bis sie passieren.“ Die Großeltern Dinge wie der Tod, mit dem die Menschen im Berliner Seniorenheim täglich konfrontiert sind. Dort leitet die Erzählerin fast ein Jahrzehnt lang eine Biografiegruppe, nachdem ihr Großvater gestorben ist. Mit der Geschichte der Großeltern, die nur einmal im Leben in Hamburg waren und natürlich nie in „Tschikago“, beginnt das Buch. Der Großvater hatte zwar daran gedacht, nach Amerika auszuwandern, blieb aber zeitlebens im Dorf in Unterfranken. 57 Jahre hielt die Ehe, auch wenn die Großeltern sich gern stritten. Was ist wahr? Alexandra Stahl erzählt anrührend von diesem kleinen Leben in der fränkischen Provinz: Von der Katzenliebe der Großmutter. Vom Großvater, der alle Hauptstädte dieser Welt kannte. „Alles in diesem Buch ist wahr“, schreibt die Autorin gleich zu…

Ein Monster gegen Langeweile
Kinderbücher , Rezensionen / 29. Juli 2026

Urlaub mit Kindern kann wunderbar sein, wenn nur nicht die Anreise wäre. Ganz gleich, ob im Auto, im Zug oder im Flugzeug, die Frage, „Wann sind wir endlich da?“ droht spätestens nach einer Stunde. Kein Wunder, für Kinder ist eine längere Anreise einfach nur ätzend. Hauptsache kreativ Dagegen kann man allerdings etwas machen. Selbst kreativ werden mit Wortspielen zum Beispiel. Den Kids ein Harry-Potter-Hörbuch auf die Ohren geben. Oder man besorgt sich das Kreativ-Reise-Malbuch aus dem Reisedepeschen Verlag. Das ist zwar extra für eine Zugreise konzipiert, kann aber genauso gut mit ins Auto oder in den Flieger genommen werden. Buntstifte nicht vergessen! Mal- und Wortspiele Denn hier geht‘s kreativ zur Sache. Das heißt, es wird so einiges zu Papier gebracht: all die Sachen im Urlaubskoffer zum Beispiel, oder die Landschaft, die man durchs Fenster sehen kann. Der Reiseproviant, die Teppichmuster, die mitreisenden Personen… Mit dem Malen sind die Kids schon eine ganze Weile beschäftigt. Schließlich schaut das Monster zu, dass auch alles ordentlich ausgemalt und reingezeichnet wird. Das Monster hat natürlich auch noch jede Menge Ideen für lustige Spiele wie Blindmalen, Wortkette, Wörtersammeln. Da können sich dann auch die Erwachsenen beteiligen – wenn sie wollen. Das wichtigste ist doch, dass…

Auf Du-und-Du mit dem Täter
Rezensionen , Romane / 21. Juli 2026

„Nicht“ ist der Titel des neuen Romans von Dror Mishani. Nur dieses kleine Wort „nicht“. Hundebesitzer gebrauchen es oft, wenn sie ihre Vierbeiner zur Raison bringen wollen. Auch Eltern von kleinen Kindern. „Nicht“ würde man am liebsten auch der Hauptfigur in diesem besonderen Krimi zurufen, wieder und wieder. Denn diese verstrickt sich in ein Lügengespinst, das alles nur immer schlimmer macht. Eine neue Liebe Dabei hat Eli, der 52-jährige trauernde Witwer, gerade wieder angefangen zu leben – und zu lieben. Denn er hat auf einer Dinnerparty von Freunden die Cellistin Lia kennengelernt, die ihm sehr gefällt. Und auch Lia scheint Eli zu mögen. Dror Mishani schildert die Annäherung der beiden poetisch und federleicht: „Deine Seeler tschilpt wie ein Vögelchen, das gerae aus dem Ei schlüft, das ist das sonderbare Bild, das dir in dem Moment einfällt. Es herrschte Finsternis, und plötzlich bricht ein Lichtstrahl herein.“ Der vierbeinige Lebensgefährte Nicht ganz so leicht ist die Annäherung an Lias derzeitigen Lebensgefährten, den Hund Felix. Der hatte sich an Elis Vorgänger gewöhnt, den „Virtuosen“ Peter, mit dem Lia in einem Quartett auftritt. Das Drama beginnt damit, dass Lia mit den Musikern eine Konzertreise nach Wien unternimmt und Felix in die Obhut von Eli…

Oh, wie schön ist dieses Land!
Reisebücher , Rezensionen / 21. Juli 2026

Nein, diese „Foto Eskapaden in Deutschland“ sind kein Fotobuch für Selfie-Enthusiasten. Es geht nicht darum, nicht selbst so vorteilhaft wie möglich ins Bild zu setzen. Biggi Bauer und Florian Manuel Westermann wollen dazu ermuntern, die oft unerwartete  Schönheit dieses Landes mit dem Handy oder dem Fotoapparat zu erkunden. Die viel diskutierte Künstliche Intelligenz bleibt dabei außen vor. Kreuz und quer durch Deutschland Die PhotoTravellers waren für das Buch kreuz und quer durch Deutschland unterwegs – am Meer ebenso wie in den Bergen. Sie haben Felsenlandschaften und Schluchten erkundet, das Wattenmeer und die Heide, Fachwerkstädtchen und Metropolen. Immer unter dem Gesichtspunkt, das Gesehene in besonders eindrucksvollen Fotografien festzuhalten. Tipps für die Highlights Wer es ihnen gleichtun will, kann die Tourbeschreibungen nutzen, die zu den abgebildeten Sehenswürdigkeiten führen.Die Fotografen sparen auch nicht mit Tipps, wie sich die Highlights am besten in Szene setzen lassen – durch neue Perspektiven, unterschiedliche Belichtungen, durch Spiegelungen und den Blick für Details. Wer außergewöhnliche Motive fotografieren will, muss nicht nur darauf achten, wo die Sonne steht, es gilt auch, Tagesrandzeiten zu nutzen wie die blaue Stunde in der Dämmerung. Das Motiv im Fokus Die 30 Foto Eskapaden sollen gewiss nicht dazu führen, dass Fotografen und Fotografinnen sich…

Rehabilitation einer Vergessenen
Rezensionen , Romane / 15. Juli 2026

Adèle Yon hat mit dem Buch „Mein wahrer Name ist Elisabeth“ einen Überraschungserfolg in Frankreich gelandet – ein Stück lange Zeit verleugneter Familiengeschichte. Die Ich-Erzählerin wird kurz nach ihrem 18. Geburtstag von ihren Großeltern bei einem Cannabis-Konsum über „Vorbelastungen“ in der Familie informiert. Neugierig geworden, findet sie heraus, dass ihre Urgroßmutter jahrzehntelang in der Psychiatrie einsaß und lobotomisiert wurde. Woher kommt die Wut? Adèle Yon hat sich tief in die Recherche gestürzt. Ihr Buch ist nicht nur eine buchstäblich aufregende Geschichte über eine unangepasste Frau, die in die Fänge der Psychiatrie geraten ist, weil ihre Angehörigen sich überfordert fühlten. Es ist auch eine Dokumentensammlung, verbunden mit Überlegungen, was dazu geführt haben könnte, dass ihre Urgroßmutter Betsy so anders war. Warum sie sich nicht unterordnen, kein Heimchen am Herd sein wollte. Woher ihre Wut kam. Die Angst der Frauen Diese Fragen haben auch einen persönlichen Hintergrund. Denn in ihrer Familie haben alle Frauen Angst – auch Adèle Yon selbst. Das wird ihr bei dem Gespräch mit den Großeltern klar. Nicht klar wird, was genau der Grund für diese Angst ist. Um welche psychischen Erkrankungen es sich handeln könnte, wird verschwiegen. Die Autorin will das Schweigen brechen, will wissen, welche Rolle der…

Von Kindern und Katzen
Kinderbücher , Rezensionen / 12. Juli 2026

„Die meisten Menschen sehen überhaupt nur wenig von dem, was da ist“, sagt Mond, der seltsame Junge in den zerrissenen Klamotten, den Jeremias auf der griechischen Insel Kreta trifft. Mond, was für ein seltsamer Name. Aber was ist nicht seltsam an dieser Geschichte, die Antonia Michaelis unter dem Titel „Katzenmond“ erzählt? Die geheimnisvolle Tür Ein unglaubliches Abenteuer, das ein bisschen an Alice im Wunderland erinnert. Nur, dass Jeremias hier nicht durch einen Spiegel geht, sondern eine Tür finden muss. Der Junge aus Deutschland ist mit seinen Eltern in den Sommerferien auf der Insel. Was ihm gleich auffällt, sind die vielen streunenden Katzen. Die Sorge der Katzen Und dann natürlich dieser seltsame Junge, zu dem Jeremias sich sofort hingezogen fühlt. Dabei weiß er nichts über Mond. Außer, dass er keine Eltern mehr hat und hin und wieder unter Autos schläft. Und, dass er den Katzen der Insel helfen will. Die sorgen sich um ihren Winterplatz, eine alte Villa. Ein Geschäftsmann im silbernen Anzug hat sie gekauft und will sie abreißen lassen, um eine noble Touristenunterkunft zu bauen. Der Katzenkönig Jeremias, der zu Hause kaum Freunde hatte, solidarisiert sich schnell mit Mond und den Katzen. Die dritte im Bunde ist Nyx, ein…

Immer am Meer entlang
Reisebücher , Rezensionen / 12. Juli 2026

Wandern boomt, Weitwandern liegt im Trend. Und was kann es schöneres geben, als am Meer entlang zu wandern – den Wind in den Haaren, den Blicke in die Weite? In dem Bildband „Legendäre Küstenwanderungen in Europa“ versammelt lonely planet die schönsten Wege zwischen Süd und Nord, Ost und West. Pilgerwege und Götterpfad Pilgerwege sind darunter wie der Caminho Portugues da Costa, eine weniger begangene Variante des portugiesischen Jakobswegs, oder die Via della Costa in Italien. Historische Wege wie der Sentiereo degli Dei, der Götterweg entlang der Amalfiküste, der Causeway Coast Way in Nordirland oder der an den D-Day erinnernde Alte Zöllnerpfad in der Normandie. Von Insel zu Insel Einige Küstenwanderungen führen über Inseln wie die Via Apsyrtides, die Cres und Losinj in der Kvarner Bucht verbindet, oder der finnische Archipelago Trail, bei dem kostenlose Fährfahrten eingeplant sind. Andere laden dazu ein, eine besondere Insel gründlich zu erkunden wie die Inseltour Hiiumaa, die in Estland auf die Spur der Leuchttürme führt, oder der Camino Real de la Costa auf La Palma. Wattenmeer und Steilküste Viele Wege führen über Felsen und durch Schluchten, bei der Wanderung von Hallig zu Hallig dagegen geht‘s übers Wattenmeer. Die durchquerten Landschaften sind oft spektakulär wie auf…