Brunetti und die letzten Dinge des Lebens
Rezensionen / 3. Juli 2019

Donna Leon ist inzwischen 76, und sie lebt schon seit geraumer Zeit nicht mehr in Venedig. Wie alt ihr Commissario Guido Brunetti ist, weiß man nicht so recht. Auf jeden Fall löst er in diesem Buch seinen 28. Fall. Aber in der Familie Brunetti und im Polizeipräsidium scheint die Zeit still zu stehen. Die Kinder leben immer noch zu Hause, der Vize-Questore ist immer noch kein einfacher Vorgesetzter und die schöne Signorina Elettra ein hilfreicher Engel mit digitaler Allwissenheit. Es geht um Väter und Söhne Und doch ist etwas anders in diesem Krimi mit dem Titel „Ein Sohn ist uns gegeben“. Es geht um Väter und Söhne, leibliche und angenommene und vor allem darum, dass ein Freund von Brunettis adligem Schwiegervater vor einer Dummheit bewahrt werden soll: Der alternde Gonzalo Rodriguez de Tejeda will seinen jungen Liebhaber adoptieren und zum Alleinerben einsetzen. Das Szenario nutzt Donna Leon für einen – nostalgischen  – Blick zurück in die Vergangenheit des Conte und seiner Freunde. Der schwule Spanier Gonzalo war von seinem Vater verstoßen worden, er hatte in Lateinamerika ein Vermögen gemacht und dort auch Freunde gefunden. In seiner Wahlheimat Venedig wurde der distinguierte Spanier auch zum Vertrauten Brunettis und seiner Familie –…

Küchenlatein aus dem Orient
Rezensionen / 3. Juli 2019

Florian Harms ist einer Versuchung erlegen. Mit einer ziemlich haarsträubenden Geschichte um die Jagd auf den besten Geschmack der Welt hat sich der ehemalige Spiegel-online- und derzeitige T-online-Chef als Krimi-Autor versucht und ist dabei wohl seinen eigenen Ambitionen zum Opfer gefallen. Der Journalist wollte nicht nur einen „kulinarisch gewürzten Reisekrimi“ schreiben, sondern die Leser auch über verschiedene Ebenen mit dem Alltag im Orient vertraut machen. Den hat Harms schon vor 16 Jahren für das Buch „Kulinarisches Arabien“ erkundet. Zuviel der Metaphern Der geheimnisvolle Geschmacksstoff, für den im Buch gemordet wird, könne als Metapher für das Erdöl verstanden werden, nach dem der Westen regelrecht süchtig ist, verriet der Autor in einem Gespräch mit „Meedia“, und der mordende Geheimorden als Metapher für islamisch-fundamentalistische Organisationen. Es könnten einige Metaphern zuviel sein, denn trotz eines ehrgeizig aufgebauten Spannungsbogens verzettelt sich der Geschichtenerzähler in Details und macht es seinen Lesern schwer, ihm durch unterschiedliche Perspektiven und Zeiten zu folgen. Hin und wieder geht auch der Journalist mit dem Autor durch, dann lesen sich Passagen wie eine gut recherchierte Reportage. Über die skandalöse Unersättlichkeit der Lebensmittelindustrie, über den ungesunden Aromen-Cocktail in vielen Nahrungsmitteln oder auch über die Politik im Nahen Osten. Lose Erzählfäden und ein roter…

Südengland: Mini-Ponys und Hexenmuseum
Rezensionen / 3. Juli 2019

Noch ist Großbritannien in der EU, das gilt auch für die großen Sommerferien, für die sich Südengland als Ziel anbietet. Cornwall und Devon locken mit traumhaften Stränden, angenehmen Temperaturen, romantischen Dörfern und zauberhaften Landschaften zwischen Meer und Moor. Familienurlaub „at its best“, findet die Journalistin Antje Gerstenecker, die mit ihren zwei Kindern immer wieder gerne in Englands Süden reist und von jeder Reise neue Tipps mitbringt. In dem Büchlein „Ab in die Ferien: Cornwall und Devon“ verspricht sie „74x Urlaubsspaß für die ganze Familie“, und das ist nicht zu viel versprochen. Tipps für Groß und Klein Schon in den Eingangskapiteln spürt man, dass Antje Gerstenecker weiß, wovon sie schreibt, und dieses Gefühl verstärkt sich noch bei den liebevoll präsentierten Tipps, die viel Rücksicht auf kindliche Präferenzen legen aber auch die Erwachsenen berücksichtigen. „Was Sie trotz Kindern gesehen haben sollten“ lautet ein Kapitel. Hier findet sich auch die Jamaica Inn im Bodmin Moor, die nicht nur mit jeder Menge Spukgeschichten, sondern auch mit einem kleinen Daphne-du-Maurier-Museum aufwartet. Wer in Devon unterwegs ist, kommt an dem Fischerdorf Clovelly nicht vorbei, das mit seinen steilen Gassen Maler und Schriftsteller inspiriert hat. Und dann wäre da das kleine Theater auf dem Gelände einer ehemaligen…

Die Via Appia unter den Füßen
Rezensionen / 3. Juli 2019

Paolo Rumiz ist Italiens emsigster Reiseschriftsteller, und er scheut keine Mühen. Für ein Buch hat er im Leuchtturm gewohnt, für ein anderes war er auf dem Po unterwegs. Doch was er und seine Reisefreunde bei der Wiederentdeckung der antiken Via Appia erlebt haben, hätte er sich nicht träumen lassen. Über 612 Kilometer gingen sie über die legendäre Römerstraße von Rom aus nach Brindisi. Jahrhunderte der Vernachlässigung Doch Jahrhunderte der Vernachlässigung haben die Appia beinahe aus dem Gedächtnis gelöscht: „Das ist ihre letzte Metamorphose,“ schreibt Rumiz, als er schon beinahe am Ziel ist und die Via Appia „im Hochofen des Stahlwerks“ gelandet ist. „Sie war Müllhalde, Tangente, Pipeline, Viehtrift, Weizenfeld. Jetzt ist sie Höllenfeuer.“  Der Schriftsteller  kann und will seinen Frust über die Ignoranz der italienischen Behörden nicht verleugnen, immer wieder hält er ihnen vor, was sie in ihrer Unwissenheit zerstört haben. Er ärgert sich über die stinkende Koake am Fuß der Felsenstadt Matera, immerhin Europäische Kulturhauptstadt 2019. Er trauert um die verlorenen Chancen des Südens, der zur Beute der Mafia zu werden droht, betrachtet besorgt die leeren Gehöfte und die Gespensterburgen und wütet gegen die gigantischen Windräder in der Basilikata, „das letzte Meisterwerk der Zerstörung“. Der Luxus, als erster über…

Tote Kumpel und ein alter Hass
Rezensionen / 3. Juli 2019

„All diese Reliquien, sagte sie, machen mein Herz zu Stein.“ Cécile, die Frau des Ich-Erzählers Michel Flavent in dem neuen Roman von Sorj Chalandon, kann nicht verstehen, warum ihr Mann in seiner Werkstatt eine längst vergangene Tragödie am Leben hält: Das Grubenunglück in der Zeche Saint Amé von Lievins, dem 42 Bergleute zum Opfer fielen. Auch Joseph Flavent, genannt Jojo, überlebte es nicht. Nach Meinung von Michel, der den älteren Bruder über alle Maßen bewunderte, wurde Jojo „im Alter von 30 Jahren durch die Grube ermordet“. Rachefeldzug nach 40 Jahren Als Cécile stirbt, fühlt sich Michel frei für den Rachefeldzug, den er seit 40 Jahren geplant hat. Ziel ist der Vorarbeiter, der damals für die Sicherheit des Schachts verantwortlich war und der bei der Trauerfeier für die toten Bergleute nicht geweint hat. Michel schließt sein Leben in Paris ab und kehrt heim ins ehemalige Revier, wo er per Zufall auf sein „Opfer“ stößt. Lucien Dravelle ist inzwischen ein alter Mann, der auf den Rollstuhl angewiesen und Michel eigentlich ganz sympathisch ist, „ein armer Teufel mit einem Atemgerät“, ein Greis im Rollstuhl. Dennoch hält er an seinem Plan fest. Das Gericht wird zur Bühne eines Familiendramas Bis dahin hat es der…

Pilgern auf japanisch
Rezensionen / 3. Juli 2019

Es gibt viele Gründe, warum sich Menschen auf Pilgerschaft begeben. Bei Lena Schnabl war es eine Krankheit. Das Pfeiffersche Drüsenfieber hatte die Journalistin für lange Zeit außer Gefecht gesetzt. Auf dem 1300 Kilometer langen japanischen Pilgerweg auf der Insel Shikoku, dem wohl ältesten der Welt, wollte die junge Frau, die unter anderem Japanologie studiert hat, sich wieder mit ihrem Körper versöhnen. Japan jenseits der Klischees Geleitet von dem Mantra „Alle. Dinge. Sind. In. Wahrheit. Leer.“ macht sie sich auf die Suche nach dem Nirvana und findet nicht nur 88 Tempel, ein Japan jenseits der Klischees mit ranzigen Unterkünften und vielen alten Leuten, sondern auch schrullige Mit-Pilger, die ihr trotz allem über manche Krise hinweghelfen. Ehrlich beschreibt Lena Schnabl solche Krisen, die ihrer kaum bewältigten Krankheit geschuldet sind aber auch ihrem unpassenden Schuhwerk und mancher falschen Planung: Mal ist „alles Drama“, dann wieder wunderbar. Erkenntnisse im Auf und Ab des Wegs Die Stimmungen wechseln mit den Tempeln, dem Wetter, der Begleitung und den Anforderungen des Wegs. Im Auf und Ab erkennt sie: „Durch die Begegnung mit anderen begegnet man nicht nur sich selbst, man begegnet vielen Dingen. Vielleicht sogar einer neuen Heimat.“ Aber immer wieder gibt es Rückfälle, fragt sie sich,…

Ein Lob der Weltverbundenheit
Rezensionen / 11. Juni 2019

Dass Reisen glücklich macht, suggeriert jeder Reisekatalog. Doch stimmt das wirklich? Philipp Laage müsste es wissen. Der Reisejournalist war schon als Jugendlicher viel unterwegs und ist es jetzt hauptberuflich. In dem außergewöhnlich schön aufgemachten Buch „Vom Glück zu reisen“, das er „mit der Brille eines wohlhabenden Mitteleuropäers“ geschrieben hat, singt Laage aber keineswegs der Hohe Lied des Reiseglücks. Die Bucket List hat ausgedient Gerade weil er viel von unserer Welt gesehen hat, weil er sich auch seine Gedanken zum Massentourismus gemacht und einiges darüber gelesen hat, ist Philipp Laage kritisch, was die Erwartungen an eine Reise angeht. Vom Abhaken einer Bucket List hält er nichts  („Fuck you, bucket list“ heißt ein Kapitel) , wichtiger sind ihm das Erleben, die Herausforderung, die Auszeit vom Alltag, die Begegnung mit anderen Menschen. Und da kann der Reisejournalist einiges erzählen. In das Buch eingestreut finden sich einige außergewöhnliche Reiseerlebnisse in Ländern, wo der normale Tourist kaum hinkommt. Auch sie machen das Buch lesenswert. Wenig Sympathie für die Selfie-Manie Es lebt aber auch von Laages Belesenheit, von seiner Distanz zu schnellen Urteilen und schnellen Posts. Instagrammable muss für ihn nichts sein auf seinen Reisen, auf wohlfeile Selfies verzichtet er weitgehend, er muss sich auch nicht…

Hütten: Himmelshäuser und Wolkenschlösser
Rezensionen / 11. Juni 2019

Zwar warnt der Deutsche Alpenverein noch vor Schnee in den Alpen, aber spätestens ab Pfingsten ist Wanderzeit in den Bergen. Da wächst auch die Lust auf eine Hütteneinkehr. Die Auswahl ist groß, der Charakter der Hütten höchst unterschiedlich – von modernen, umweltfreundlichen Passivhäusern bis zu traditionsreichen Schutzhäusern, von Luxusunterkünften bis zu einfachen Hütten mit Matratzenlager. Die einen sind nur mit einem schweißtreibenden Anstieg zu erreichen, die anderen auf breiten Feldwegen. Manche mögen‘s eng und kuschelig, andere punkten mit spektakulären Ausblicken oder mit üppiger Hüttenjause. Es gibt familienfreundliche Hütten und solche, in denen sich vor allem Alpinisten wohlfühlen. Die Hütten lassen Wanderherzen höher schlagen Wer sich da zurecht finden will, freut sich über Tipps von erfahrenen Bergfreunden. Bernd Ritschel ist so jemand. Der bekannte Bergfotograf hat Hunderte von Touren hinter sich und kennt sich aus in der Welt der Berge. Seine Liebe zu den Bergen teilen der Alpinjournalist Frank Eberhard aus Memmingen und die Freie Journalistin Sandra Freudenberg, die am liebsten Alpen-Reportagen schreibt. Nun hat das Trio Hütten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien auf- und ausgesucht, die als „neue Sehnsuchtsorte in den Alpen“ taugen. Allein schon beim Durchblättern der 240 Seiten schlägt jedes Wanderherz höher. Die Beschreibungen der einzelnen…

Literarisches Labyrinth
Rezensionen / 23. Mai 2019

„Ich kann dir alles verzeihen, nur nicht, dass du stotterst,“ sagt eine der alten Frauen, die „Der Stotterer“ in dem gleichnamigem Roman von Charles Lewinsky  mit dem Enkeltrick hereingelegt hat. „Von einem Stotterer kann man nicht träumen,“ resümiert der Mann, der in diesem Buch sein Leben erzählt. Dieser Johannes Hosea Stärkle kann zwar keinen geraden Satz sprechen, dafür fließen ihm die Worte beim Schreiben geradezu aus der Feder. Der Stotterer leidet an Schreib-Loghorroe, einer krankhaften Geschwätzigkeit. Vom Stotterer zum Bestseller-Autor Er schreibt nicht nur sein Leben auf – in Briefen an den „Padre“, wie er den Gefängnispriester nennt, und in einer Art Tagebuch. Nein, er erfindet auch Geschichten als eine Art „Fingerübung“ und beteiligt sich an einem Schreibwettbewerb. So erfolgreich, dass er zum Bestsellerautor werden könnte. Wobei auch diese Karriere einer großen Intrige zu verdanken ist, denn der Stotterer ist ein Meister der Manipulation. Mit seinen Briefen hat er den Padre dazu gebracht, ihm einen Job in der Bibliothek zu verschaffen, wo er zum Drogenkurier eines Mafia-Advokaten avancierte und später zum Schreiber fingierter Liebesbriefe. Darin war er schon als Schüler ein Meister.  Er weiß um die Macht des Wortes,  und er  hat keine Skrupel, davon zu profitieren. In der Grauzone…

Sind Maschinen die besseren Menschen?
Rezensionen / 23. Mai 2019

Ian McEwan stellt in seinem neuen aufregenden Roman „Maschinen wie ich“  nichts weniger als die großen Fragen unserer Zeit: Wie menschlich können Maschinen sein? Können Roboter Gefühle haben, Moralvorstellungen? Entwickeln sie womöglich selbstständig ein Bewusstsein und konkurrieren dann mit den Menschen? Was lässt sich programmieren und wo scheitert der Schöpfer? Adam und Eve heißen die Roboter in dem Roman, in dem sich der Mensch zum Schöpfer macht.  25 solcher humanoiden Roboter sind auf dem Markt, zwölf Adams, 13 Eves. Einen davon hat sich Charlie Friend geleistet, der Ich-Erzähler des Romans, ein Lebenskünstler, der nach etlichen gescheiterten Karriereversuchen mehr schlecht und recht vom Online-Aktienhandel lebt. 1982  in einer anderen Zeit Wir schreiben das Jahr 1982, und Ian McEwan ändert den Lauf der Geschichte: Er lässt Margaret Thatchers Rivalen Tony Benn an die Macht und später bei einem Attentat umkommen und John F. Kennedy ebenso am Leben wie John Lennon. Der 1912 geborene Computerpionier Alan Turig, der 1954 wegen seiner Homosexualität in den den Selbstmord getrieben wurde, ist bei McEwan auch noch unter den Lebenden und mitverantwortlich für das Projekt humanoider Roboter. Charlie bewundert den Mann, und er ist verliebt in seine Nachbarin Miranda, eine Studentin. Mit Adam will er auch ihr…