Was will Greta?
Rezensionen / 19. Dezember 2019

Greta Thunberg kennt heute jedes Kind. Die 16-jährige Schwedin mit den Zöpfen ist zur Ikone der Umweltbewegung geworden, seit sie sich mutterseelenallein mit einem Plakat „Skolstrejk for Klimatet“ vor den Schwedischen Reichstag in Stockholm setzte, um gegen den Klimawandel zu protestieren. Das ganze Jahr über gingen auf aller Welt junge Menschen auf die Straße, um wie Greta  gegen Umweltverschmutzung und Erderwärmung zu demonstrieren. Angst um die Zukunft unserer Welt „Fridays for Future“ sollte zum Weckruf für die Politik werden. Denn vor allem die jungen Menschen fürchten um ihre Zukunft. Die Italienerin Viviana Mazza, die auch schon über das Leben der jungen pakistanischen Menschenrechtlerin geschrieben hatte, erzählt in dem Büchlein „Jeden Freitag die Welt bewegen“, wie aus einer oft gemobbten schwedischen Schülerin mit Asperger Syndrom eine Heldin unserer Tage wurde. Sie zeigt auf, was Greta bewegt und was ihre Altersgenossinnen und -genossen auf die Straße treibt. Was tun gegen den Klimawandel? Im  Anhang werden die wichtigsten Begriffe rund um den Klimawandel  erklärt.  Auch,  was jeder Einzelne dagegen unternehmen kann, lässt sich hier nachlesen. Das Büchlein ist leicht zu lesen, es regt zum Nachdenken an und sensibilisiert vielleicht auch die Eltern oder Lehrer, sich Gedanken über die Zukunft ihrer Kinder und Kindeskinder…

Vincent Klink genießt in Wien
Rezensionen / 17. Dezember 2019

Nein, ein Wiener Kochbuch hat Vincent Klink nicht verfasst, eher einen literarischen Spaziergang mit einigen Rezepten. Es geht in dem lesenswerten Buch auch nicht nur um Gast- und Kaffeehäuser – die wichtigsten sind im Anhang extra aufgeführt. Vincent Klink nimmt die Leser mit auf einen genussreichen Bummel durch Wien, lässt sie am Nebentisch Platz nehmen, wenn er mit seiner Frau parliert und sich über die berühmte Wiener Melange amüsiert, die dank Zuwanderung entstanden ist. Kann man seiner Meinung nach doch „Volk und Sitten“ am besten im Gasthaus studieren. Schließlich ersetze „ein bratendurftendes Gasthaus jeden Psychotherapeuten“.  Plaudernd von Gasthaus zu Gasthaus Und so „hangelt“ sich das Paar schon auf dem Weg nach Wien von Gasthaus zu Gasthaus – vom Hofgut Hafnerleiten bei Bad Birnbach, „Fluchtort für gestresste Großstädter“ über das Schlosshotel Dürnstein in der Wachau bis zum Sacher. Schon die Anreise gibt dem belesenen Koch Gelegenheit für kurzweilige Geschichtslektionen und überraschende Gasthaus-Entdeckungen am Wegrand. Und erst recht in Wien findet Klink reichlich Gelegenheit zu plaudern – über das Sacher und den hauseigenen Lungenstrudel etwa, über die Habsburger und den Sisi-Mythos und natürlich über Wien, „die Kapitale des gekochten Fleisches“. Nebenbei wettert Klink gegen die „Erbsenzählerei“ in Deutschland, wo im Restaurant jeder…

Dreimal Frauen-Power
Rezensionen / 14. Dezember 2019

In Europa haben Frauen schon längst Gleichberechtigung erlangt, auch wenn sie beruflich in den höheren Etagen noch unterrepräsentiert sind. Dafür sind sie an den Universitäten gut vertreten und auch in der Politik: Wir haben eine Bundeskanzlerin und sogar eine Verteidigungsministerin. Mit Ursula von der Leyen steht eine Frau an der Spitze Europas, und gerade erst hat Finnland Sanna Mann zur Ministerpräsidentin gewählt und damit zur jüngsten Regierungschefin Europas.  Soviel Frauen-Power war noch nie. Doch es war ein langer Weg, bis Frauen auch nur einen Zipfel der Macht ergattern konnten. Und ohne tatkräftige und entschlossene Frauen wären wir sicher auch heute noch nicht soweit. Drei Bücher stellen ganz unterschiedliche Frauen vor, die ihrer Zeit weit voraus waren. Sophie von Hatzfeld, die rote Gräfin Renate Feyl widmet sich in ihrem Roman „Die unerlässliche Bedingung des Glücks“ dem aufregenden Leben der „roten Gräfin“, Sophie von Hatzfeld (1805 bis 1881) – wohl eine der ersten Sozialistinnen und Vorkämpferinnen der Emanzipation. Als Lebensgefährtin des Arbeiterführers Ferdinand Lassalle ging Sophie in die Geschichte ein. Renate Feyl versucht in ihrem Roman, dieser widersprüchliche Frau nahe zu kommen. Dafür taucht die Autorin tief in die aristokratische Gesellschaft jener Zeit ein, in der Frauen besten Falls einen literarischen Salon…

Stadtabenteuer: Mittendrin statt außen vor
Rezensionen / 11. Dezember 2019

Acht Bücher sind es bereits. Sie führen nach Amsterdam, Berlin, Hamburg, Lissabon, New York, Prag, Rom und Wien. Aber was heißt hier „führen“, diese Stadtabenteuer-Bücher laden dazu ein, in eine Stadt einzutauchen, ihren Alltag zu erleben, ihre Menschen – und, weil man ja trotzdem Tourist bleibt, auch ihre Sehenswürdigkeiten. Alle Bücher sind liebevoll gestaltet, etwas schräg, mit Ortsskizzen und Illustrationen, mit vielen Tipps zum Schlafen, Essen, Trinken, Ausgehen und Einkaufen. Zentral aber sind die Abenteuer, von denen viele umsonst zu haben, andere aber nur mit Guide zu erleben sind. Burlesque und Sketch Night Da hat sich die Autorin Dorothea Martin zum Beispiel in New York in der „Kathedrale des Kommerz“, dem Woolworth Building, umgesehen und in die Zeit seiner Eröffnung versetzen lassen. Sie hat sich auf Governor‘s Island „fast wie in einem apokalyptischen Filmset“ gefühlt, hat bei „Nurse Bettie“ Spaß am Burlesque-Abend gehabt und sich im Mitmach-Theater hinter einer Pest-Maske versteckt. Sie hat in der Sketch Night jede Menge Möchtegern-Zeichner getroffen und sich in der Dämmerung im Green Wood Cemetery gegruselt. Betreutes Kiffen und Mikroben-Zoo Auch Diana Stanescu hat in Amsterdam alles gegeben – bei einer Coffeeshop-Tour mit „betreutem Kiffen“ hat ihr Magen rebelliert, und auf der höchsten Schaukel Europas…

Eine Kakerlake als Premier
Rezensionen / 6. Dezember 2019

Ich schätze Ian McEwan und ich schätze auch sein Engagement gegen den Brexit. Aber ich fürchte, mit seinem mit heißer Nadel gestrickten Roman „Die Kakerlake“ hat er sich keinen Gefallen getan und seiner Sache auch nicht. Und leider hat sich der sonst so besonnene Autor auch noch an Kafka vergriffen. Die Minister teilen die Herkunft des Premiers Denn in seinem Mini-Roman wird eine Kakerlake zum britischen Premier. Und nicht nur das: „Fast jeder im Kabinett teilte seine Ansichten. Weit wichtiger aber – und bis zu diesem Augenblick hatte er nichts davon geahnt – sie teilten seine Herkunft“. Premier Jim Sams (nach Kafkas Gregor Samsa) hat also freie Hand für sein unsinniges Unterfangen, die Geldströme einfach umzudrehen: „‘Wider den Strom!‘ lautete einer der vielen unwiderstehlichen Slogans“ des Reversalismus, denen nur der Außenminister widersteht. Kein Problem für Jim Sams. Eine MeeToo-Kampagne löst auch dieses Problem. „Nichts war so befreiend wie ein engmaschiges Lügennetz. Deshalb also wurden Menschen Schriftsteller.“ Festmahl für das Kakerlaken-Kabinett Der Schriftsteller McEwan braucht für sein Romanchen vier Kapitel. „Ein überlanger Witz“, kritelte der „Telegraph“ in Anspielung auf die grotesken Überzeichnungen im Buch, in dem auch Trump eine Rolle zukommt. Als Präsident Tupper hätte er gerne den Reversalismus als seine…

Lesend in der Welt: Bücher für Reisende
Rezensionen / 2. Dezember 2019

Erstaunlich aber wahr: Die Frankfurter Buchmesse hat eine Renaissance des gedruckten Buchs festgestellt. Trotz Netflix und Kindle scheint die Faszination eines schön gemachten Buches immer noch groß. Das gilt vor allem auch für Reisebücher mit oft großformatigen Fotos. Sie machen sich auch auf dem weihnachtlichen Gabentisch gut, auch wenn man sie manchmal gerne selbst behalten würde. Aber auch ein kleines Buchgeschenk kann zeigen, dass sich der Schenkende Gedanken gemacht hat. Hier sind sieben Bücher für ganz unterschiedliche Reise-Wünsche: Reisen in Fantasiewelten In Fantasiewelten entführt Salman Rushdie die Leser in seinem neuen Roman Quichotte. Auf 460 Seiten entwickelt der in Indien geborene Autor eine Geschichte, in der Reales mit Fiktionalem, Paranoisches mit Zukünftigen verschmilzt. Die Leser fühlen sich wie in einer Geisterbahn, die noch dazu Achterbahn fährt. Die Loopings sind Zeitsprünge. Der Roman ist ein mitreißender Tanz zwischen Sein und Schein, Magie und Realität und gleichzeitig eine scharfsinnige Abrechnung mit der Gegenwart und mit dem „Land der Freien“, den USA: Rassismus, Opioid-Krise, Fake-News, ein Präsident, der Lügen salonfähig macht. Nebenbei bleibt noch Platz für irrwitzige Fantastereien, für Science-Fiction- und Fantasy-Visionen. Salman Rushdie. Quichotte, C. Bertelsmann, 461 S., 25 Euro  Reisen ins Abenteuer Es ist sicher nicht jedermanns Sache, im Stall zu…

Herbergssuche in New York
Rezensionen / 27. November 2019

Geplant war diese moderne Herbergssuche nicht, genauso wenig wie das Baby.  Aber plötzlich stand die junge Familie auf der Straße. Keine dauerhafte Bleibe in Sicht. Und so entschlossen sich die Journalisten Christina Horsten und Felix Zeltner mit ihrer kleinen Emma, in New York zu Stadtnomaden zu werden und jeden Monat ein anderes Viertel des Big Apple zu bewohnen. Das ist leichter geplant als durchgeführt. Die ganze New Yorker Vielfalt Ging am Anfang dank Freunden noch alles relativ glatt, kamen zwischendurch unerwartete Probleme hoch, die den beiden Stadtnomaden die ganzen schönen Pläne zu verhageln drohten. Aber sie haben durchgehalten, auch wenn ihre Räder in Harlem am Ende nur Gerippe waren, auch wenn Felix auf einen Betrüger hereingefallen ist, auch wenn nicht alle Wohnungen ihren Erwartungen entsprochen haben. Dafür haben sie New York in seiner ganzen Vielfalt kennen gelernt, haben neue Freunde gefunden und einen finanzierbaren Kindergarten für die kleine Emma. Raus aus der Komfortzone Den anfänglichen Unkenrufen von Eltern und Freunden zum Trotz sind sie zusammen geblieben und haben die Herausforderungen gemeinsam durchgestanden. Geholfen dabei haben ihnen die vielen positiven Erfahrungen, die sie auf ihrer Umzugsodyssee gemacht haben. Die haben sie auch über Tiefschläge getragen und ihnen immer wieder das Gefühl…

Georgien: Kleines Land, große Vielfalt
Rezensionen / 19. November 2019

Georgien gehört zu den Reisezielen, die voll im Trend liegen – und das nicht erst seit der Frankfurter Buchmesse 2018, bei der es Partnerland war. Die georgische Literatur ist aufregend, die Sprache fremd, die Schrift mit ihren runden Schnörkeln malerisch. Wer Lust hat, in das Land zu reisen, das frühzeitig christianisiert wurde und in dem Stalin geboren wurde, kann sich Appetit und Anregungen holen in dem informativ gestalteten Bildband  Highlights Georgien. Zwischen Tiflis und Kutaissi Die Autorin Eva Dietrich stellt  50 Ziele vor, der Fotograf Thomas Stankiewicz hat sie mit teilweise großformatigen Fotos in Szene gesetzt. Wer durch die 185 Seiten blättert, entdeckt die große Vielfalt des kleinen Landes – von den subtropischen Wäldern am Schwarzen Meer bis zu den Steppen an der Grenze zu Aserbaidschan, von der trendigen Hauptstadt Tiflis (Tbilisi) bis zum alten Kutaissi, möglicherweise einst Hauptstadt des antiken Kolchis). Zu sehen sind hohe Gipfel, wilde Schluchten aber auch auch mediterrane Täler und malerische Dörfer vor allem im Weinland Kachetien und natürlich uralte Klöster, Kirchen und Mönchshöhlen. Ein Museum für den Massenmörder Dietrich schreibt über die schmackhafte Küche des Landes, über Geschichte und Legenden, Glauben und Tradition, Wein und Lebenslust. Auch mit dem Schicksal deutscher Einwanderer, die in…

Apocalypse now
Rezensionen / 17. November 2019

Was könnte man sich schlimmeres vorstellen als die Explosion eines Kernkraftwerks? Ein GAUwie damals in Tschernobyl und das mitten in Deutschland. Das bayerisch-schwäbische  Gundremmingen wird bedroht. Offensichtlich von skrupellosen Tätern, die womöglich auch den Mann der Bundeskanzlerin und die Frau des französischen Präsidenten entführt haben. Doch was wollen die? Verletzliche Infrastruktur Christian von Ditfurth macht in seinem neuen hochspannenden Thriller Ultimatum apokalyptische Ereignisse möglich. Und er zeigt, wie nah wir dran sind an solchen Gefahren, wie verletzlich unsere Infrastruktur ist, wenn wirklich intelligente Täter am Werk sind. Die Polizei ist zunächst ebenso hilflos wie der Direktor des Kernkraftwerks, dem die Täter Frau und Sohn entführt haben. Es gibt zwar Forderungen an die Kanzlerin, aber die sind unerfüllbar. Der Kanzlergatte kehrt zurück ebenso wie die Präsidentenfrau – beide um eine Hand ärmer. Die wahren Täter bleiben im Hintergrund Was sind das für Täter, fragt sich der kluge und besonnene Ermittler Eugen de Bodt und versucht, sich in die Köpfe der Erpresser zu versetzen. Einen kennt er, ein geniales Superhirn, das aus dem Knast verschwand. Was sich für Bodt allmählich herauskristallisiert ist nicht weniger als eine geplante Apokalypse. Die Russen sind involviert, aber auch da gibt es Tote. Und die Täter? Ein…

Ein Fall mit Vergangenheit
Rezensionen / 5. November 2019

Dass Hakan Nesser zu Recht als einer der besten Krimi-Autoren Schwedens gilt, unterstreicht er mit seinem neuen Roman, der weit zurück in die Vergangenheit führt. Es ist schon ein merkwürdiger Verein, der sich anno 1958 im abgelegenen Ort Oosterby gegründet hat und der noch bis ins Jahr 2012 hineinwirkt. Zwei schulische Außenseiter gründen in dem fiktiven Örtchen den „Verein der Linkshänder“, bald schließt sich ein dritter an. Später kommen noch zwei Mädchen hinzu, Zwillinge. Noch später schließt sich ein Jugendlicher an, der alsbald auf die schiefe Bahn gerät. Auf der falschen Spur Jahrzehnte später sterben vier Vereinsmitglieder bei einem Hotelbrand. Ein Zwilling überlebt, weil er bei der seltsamen Reunion nicht dabei war. Weil der fünfte Linkshänder nicht mit verbrannte, scheint der Fall schnell gelöst. Er war wohl der Täter, wie der damals ermittelnde Kommissar Van Veeteren und seine Kollegen meinten. Es mussten weitere 20 Jahre vergehen, bis der mittlerweile längst im Ruhestand Lebende erkennt, dass er damals auf der falschen Spur war. Die Leiche des als Mörder Verdächtigten ist aufgetaucht – und Van Veeteren gefordert. Hakan Nesser holt in seinem neuen Krimi weit aus und bringt dabei auch seine Kommissare Van Veeteren und Barbarotti zu gemeinsamen Ermittlungen in einem überaus…