Im Zickzack durch Europa
Allgemein , Reisebücher , Rezensionen / 24. Februar 2026

„Wo Züge sind, da sind auch (meistens) Geschichten“, scheibt Tom Chesshyre in seinem Reisebericht „Bummelzug nach Istanbul“. Diese Geschichten waren mit ein Grund dafür, dass der Journalist mit Freund Danny per Interrail durch Europa fuhr – auf den Spuren des berühmten Orient-Express. Allerdings nicht auf die luxuriöse Tour, sondern „auf eine Art und Weise, die signifikant weniger angeberisch war (und deutlich preiswerter)“. Jeder Tag ein Anfang Der Freund ist für zwei Wochen mit von der Partie, den Rückweg von Istanbul tritt Tom Chesshyre allein an. Im Buch zeichnet er die Reise minutiös nach, erzählt alte Geschichten aus dem Orient-Express, der nicht nur Agatha Christie zu Krimis inspiriert hat, sondern auch Graham Greene. Und natürlich erleben die beiden „mittelalten Männer“ bei ihrer Tour d‘Europe auch neue Geschichten. „Es ist, als würde man jeden Tag eine neue Seite aufschlagen“, stellt Freund Danny fest: „Jeder Tag ist wie ein neuer Anfang.“ Fremde Europäische Union Über Nürnberg, das den beiden Reisenden wegen der NS-Geschichte vor allem „bizarr“ erscheint, und Wien geht es weiter in den Osten des Kontinents. Dabei stolpern sie auch noch über die Kulturhauptstadt des Jahres 2023, Timisoara. Vor allem aber wundern sie sich, wie anders als im Westen es hier überall…

Im Schatten des Zweifels
Rezensionen , Romane / 20. Februar 2026

Gianrico Carofiglio war Anti-Mafia-Staatsanwalt, Richter und Senator. Mit seinen Kriminalromanen um den sympathischen und klugen Avvocato Guerrieri hat der in Bari geborene Schöngeist weltweit Erfolg. In seinem neuesten Krimi „Der Horizont der Nacht“ ist Guerrieri mit einem Mordfall beschäftigt, vor allem aber mit mit seiner eigenen Psyche. Ein klarer Fall Eigentlich ist der Fall klar: Die reiche Unternehmerin Elvira Castell hat den zwielichtigen Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester Elena erschossen. Elvira ist überzeugt, dass Petacci ihre Schwester in den Selbstmord getrieben hat. Dass er auch weiterhin in der Wohnung der Toten zu bleiben gedenkt, bringt Elvira noch mehr gegen ihn auf. Sie stellt ihn zur Rede und erschießt ihn im Streit. Duell vor Gericht War es so? Guerrieri, von seinem Freund Octavio um anwaltliche Unterstützung gebeten, zweifelt. Womöglich käme auch Notwehr infrage. Die Klientin wirkt auf ihn fast unheimlich gelassen. Berührt sie der Todesschuss so wenig? Mit Hilfe eines Freundes Tancredi kommt er einer ermittlungstechnischen Schlamperei auf die Spur. Neben dem Toten lagen die Scherben einer Kristallflasche. Könnte Petacci Elvira damit bedroht haben? Vor Gericht liefert sich Guerrieri ein Duell mit dem Staatsanwalt, der klar auf Mord plädiert. Der Anwalt erringt einen Teilerfolg. Elvira Castell wird zwar schuldig gesprochen, muss aber nur…

Mit offenen Augen in die Welt
Reisebücher , Rezensionen / 19. Februar 2026

„Mal gucken“ denkt sich Josefine Gauck immer wieder auf der Weltreise, die sie mit ihrer Familie unternimmt. „Mal gucken“ ist auch der Titel des Buches über diese ungewöhnliche Reise einer fünfköpfigen Familie. Denn neben den zwei Jungs ist auch die kleine, sehbehinderte Pauli mit von der Partie. Sie soll noch soviel wie möglich von der Welt sehen, ehe sie ihr Augenlicht ganz verliert, wünschen sich die Eltern. Mal gucken Bei der Vorbereitung der einjährigen Auszeit planen sie nur das Nötigste. „Mal gucken“ wird zum geflügelten Wort – bis zum Ende dieses aufregenden Jahres, das in einer Lebensentscheidung mündet. Kanada, die USA, Neuseeland, Australien sind die Stationen, schließlich noch Bali, wo Josefine Gauck sich angekommen fühlt. Erntehelfe und Hundehüter Die Erlebnisse ihrer Reise werden noch länger nachhallen.  Die Familie hat viel unternommen, um den Kindern die Welt zu zeigen.  Sie waren mit einem Riesencamper unterwegs und mit einem kleinen Wohnmobil, in dem sie kaum Platz hatten. Sie arbeiteten als Erntehelfer auf einem Biohof, wohnten als Haustierhüter in einer weitläufigen Villa, nächtigten in einem heruntergekommenen Trailer und in den unterschiedlichsten airbnb-Unterkünften. Zwischendurch gönnten sie sich auch Hotelnächte, um wieder zu duschen und in einem Bett zu schlafen. „Ich müsste lügen, wenn ich…

Verschränkte Erinnerungen
Rezensionen , Romane / 15. Februar 2026

Den gelben Pullover, dem dieser autofiktionale Roman von Ursula März den Titel verdankt, gab es wirklich. Zum Schulanfang hatte sich die kleine Ursula den gelben Pulli aus dem trendigen Perlon heiß gewünscht. Und dann hat ihre Freundin Siggi das gute Stück mit einem einzigen Schnitt zerstört. In einer Schublade überdauerte der gelbe Pullover die Freundschaft. Denn mit der gern Ärger provozierenden Siggi war es nach der Grundschule aus. Die Anarcho-Pippi Ursula März‘ Beschreibung der Kinderfreundin erinnert ein bisschen an eine Anarcho-Pippi: „Siggi war meine einzige Freundin. Und ich, was erstaunlicher war, ihre. Auch sie nahm in ihrer Klasse die Position einer Außenseiterin ein, wenn auch aus anderen Gründen. Sie besuchte nach wie vor die protestantische Volksschule und hatte in sechs Jahren nichts ausgelassen, um das Wohlwollen ihrer Lehrer wie ihrer Mitschüler zu verspielen.“ Das Wirtschaftswunder In dem Buch reflektiert die Autorin auch die Anfänge des Wirtschaftswunders, schreibt über den Sparzwang des Vaters, die Fernsehabende im Haus der Tante, den Kleinstadt-Klatsch in Herzogenaurach, die Fremdheit der dort lebenden „Amis“ und die Emanzipation beim Rauchen. Die Zwangsgemeinschaft All das hat sie im Gepäck, als sie 1989 im Winter nach Stromboli reist und dabei einer scheinbar disfunktionalen englischen Familie begegnet. Eine Woche lang…

Gemeinsam stark
Reisebücher , Rezensionen / 10. Februar 2026

„Die Reise unseres Lebens“, so auch der Titel ihres Buches, war für Alexander Källner und Lovis Wiefelspütz die gemeinsame einjährige Weltreise. Das liegt auch daran, dass Alex „körperlich behindert“ ist, wie er selbst schreibt, und deshalb auf Hilfe angewiesen. Die bekommt er auf der Reise von seinem besten Freund Lovis, der mit AHDS zu kämpfen hat. In ihrem Buch beschreiben sie abwechselnd ihre Reise-Erfahrungen, aber auch den nicht ganz leichten gemeinsamen Alltag. Ein Balanceakt Lovis ahnt, dass „diese Reise ein Balanceakt werden wird zwischen dem, was Alex und ich wollen und dem, was wir schaffen können“. Er attestiert dem Freund „an liebenswerten Größenwahn grenzende Ideen“, weiß aber auch „diese Reise ist für mich bereits vor dem ersten Tag eine Reise zu mir selbst“. Hilfe leisten und annehmen Einfach ist das Ganze weder für Lovis, der Alex‘ körperliche Pflege übernehmen und ihn bei Barrieren unterstützen muss, noch für Alex, der diese Hilfe immer wieder annehmen muss, nicht. Es gibt Diskussionen, ja auch Streit – was die Freunde nicht verschweigen. Spontane Hilfsbereitschaft Aber die schönen, die unvergesslichen Reise-Erlebnisse überwiegen. Die vielen Freunde, die sie in aller Welt finden, die spontane Hilfsbereitschaft der Menschen, die Fremdheit und Schönheit der Reiseziele. Alexander Källner, der…

Wanderhäppchen in Nationalparks
Reisebücher , Rezensionen / 10. Februar 2026

Rund 4000 Nationalparks gibt es heute weltweit. Der erste war der Yellowstone-Nationalpark in den USA, der 1872 gegründet wurde. Die Idee, besonders schöne und unberührte Natur unter Schutz zu stellen, fand schnell weltweit Nachahmer. Mit dem Buch 500 Walks Nationalparks präsentiert Mary Caperton Morton Erlebniswanderungen weltweit als Appetithäppchen. Es müssen auch nicht immer anstrengende und lange Fußmärsche sein oder gefährliche Bergtouren, manche Nationalparks kann man auch bei entspannten Spaziergängen entdecken. Rim-Trail am Grand Canyon Der elf Kilometer Lake Louise Lakefront Trail in Kanada etwa ist sogar teilweise rollstuhlgeeignet. Das gilt auch für den spektakulären Rim-Trail im Grand Canyon Nationalpark, wo es Shuttlebusse ermöglichen, die 21 Kilometer lange Wanderung entlang der Abbruchkante der Grand Canyon Schlucht in Etappen zu machen. Leicht zu bewältigen ist auch der 1,7 Kilometer lange Volcano Trail in Costa Rica. Dagegen verlangt die Besteigung des 5897 Meter hohen Vulkans im Nationalpark Cotopaxi in Ecuador schon allein wegen der Höhe und der Gletscherwanderung Erfahrung, Ausdauer und Trittsicherheit. Herausforderung Watzmann Auch den 18 Kilometer langen Cliffs of Moher Coastal Walk im irischen Burren-Nationalpark entlang wandern will, muss sich auf eine mittelschwere Herausforderung gefasst machen und sollte schwindelfrei sein. Und die Watzmann-Tour im Nationalpark Berchtesgaden gilt schon wegen der Wegfindung…

In der Totenbäckerei
Rezensionen , Romane / 9. Februar 2026

Schon der ungewöhnliche Titel „Die Sonne und die Mond“ verspricht einen ungewöhnlichen Inhalt. Und Chris Kraus hält in seinem neuen Roman dieses Versprechen. Es geht um Freundschaft und Feindschaft, um das Leben und den Tod, um Sex und Liebe – und das in einer schrägen Mischung aus Slapstick, Trash, Tragikomödie und Märchen. Zwei Freundinnen Sie waren beste Freundinnen, Sonja, genannt Sonne und Jana von Mond – auch noch bei der sich anbahnenden gemeinsamen Bühnenkarriere. Doch dann kam es zum Bruch, weil Sonne sich von Jana verraten fühlte. Jahrzehnte später kommt die als Comedystar erfolgreiche Jana in das Bestattungsunternehmen „Sommernachtstraum“, mit dem Sonja ihren Lebensunterhalt verdient. Als alleinerziehende Mutter mit einem altklugen Sohn, der an der Bluterkrankheit leidet, hat sie es nicht einfach. Unterstützt wird sie vom erfolglosen Gelegenheitsmusiker Samuel, der eine Vorliebe für grenzwertige Witze hat. Patagonien und Feuerland Jana will Sonjas Hilfe bei der Beerdigung ihres Mannes, der mit ihrer schwangeren Psychotherapeutin wohl bei einem gemeinsamen Selbstmord ums Leben gekommen ist. Es sind ernste Themen, die Chris Kraus allerdings so nonchalant und mit viel Witz erzählt, dass man buchstäblich Tränen lachen kann. Allein schon die Namen: Das Bestattungsinstitut ist in einer ehemaligen Bäckerei angesiedelt, genannt Totenbäckerei. Die Leichen werden…

Leben aus zweiter Hand
Rezensionen , Romane / 30. Januar 2026

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält oder eine ganze Reihe von Geschichten.“ Das Zitat aus Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ hat die Schauspielerin Judith Hoersch an den Anfang ihres Romans „Niemands Töchter“ gestellt. Tatsächlich geht es hier um eine Reihe von Geschichten, die sich erst allmählich zu einem Ganzen fügen. Vier Frauen Im Mittelpunkt stehen vier Frauen, die schicksalhaft verbunden sind. Judith Hoersch erzählt aus ihren unterschiedlichen Perspektiven und in Zeitsprüngen. Das macht die Lektüre am Anfang nicht ganz einfach. Man muss erst einmal die einzelnen Frauenschicksale sortieren, um dann Zusammenhänge zu erkennen. Vier Schicksale Da ist die junge Marie, die sich im hippen Westberlin der 1980iger Jahre in den sanften und klugen Leonhard verliebt und ihn doch verliert. Da ist die bodenständige Kinderkrankenschwester Gabriele, die ihr lang ersehntes Kind verliert, und sich in der Kinder- und Ehelosigkeit einrichtet. Da ist die grazile Isabell, die den Tod der Mutter nicht verwinden kann und Gefahr läuft, das eigene Trauma auf die kleine Tochter zu übertragen. Und da ist die erfolgreiche aber bindungsunfähige Alma, die sich mit einer Lebenslüge konfrontiert sieht. Sie alle haben ihre ganz eigene Geschichte, manches haben sie selbst…

Eine Frau am Scheideweg
Rezensionen , Romane / 28. Januar 2026

Sie ist über die besten Jahre hinaus, die Ehe dümpelt dahin, der Mann geht seine eigenen Wege. Die Psychotherapeutin Terese ist frustriert. Kein Wunder, dass sie in Indien mit einem deutlich jüngeren Liebhaber auflebt. Bodo Kirchhoff denkt sich in seinem Roman „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ in den Kopf dieser Frau hinein – allerdings über den Mann, Vigo. Doppelt verschränkt versucht der Schriftsteller, aus Tereses Perspektive über ihre Sehnsüchte und Bedürfnisse zu schreiben, über die Entfremdung in der Ehe und die Träume, die auch im fortgeschrittenen Alter noch da sind. Schwieriger Balanceakt Es ist ein Balanceakt, der auch dem stilsicheren Bodo Kirchhoff nicht immer gelingt. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, als Ich-Erzähler von einer Frau zu erzählen, niemals,“ sagte Kirchhoff in einem Interview. „Es ist immer ein Mann, der erzählt, wie er sich das denkt und vorstellt. Das ist das Wesentliche an diesem Buch.“ Es geht also um die Innenperspektive der Frau über die Vorstellungswelt des Mannes. Das wird an einer Stelle besonders heikel, als Vigo Terese gegen ihren Willen dazu bringt, mit ihm zu schlafen. Für ihn keine große Sache, für Terese mitentscheidend dafür, dass sie sich von Vigo trennt. Die indische Variante Dabei ist sie…

Inselträume mit Odysseus
Reisebücher , Rezensionen / 28. Januar 2026

Oft sind Reisen eine Flucht aus dem Alltag. Das gilt auch für Laura Coffey. In ihrem Buch „Odysseus und ich“ beschreibt die Journalistin ihre Reisen auf den Spuren des „listenreichen“ Helden, die ihr dabei halfen, die Unbilden ihres traurigen Alltags hinter sich zu lassen. Der Vater krebskrank, der Geliebte eine Enttäuschung, dazu noch Corona und das Gefühl des Eingesperrtseins. Das Epos als Reiseführer Laura Coffey versucht, der deprimierenden Realität in ihrer Heimat Großbritannien zu entfliehen – in sonnigere Gefilde und mit einer Ausgabe der Odyssee. Das Buch wird für sie zum Reiseführer durch die Inselwelt des Mittelmeers und durch ihre Gefühlswelt. Wobei die Autorin sich einige Freiheiten herausnimmt, was die Inseln der Odyssee angeht. Sie hält sich dabei an die englische Übersetzung von Emily Wilson, die ihrerseits wenig Interesse zeigte, die „Welt des Epos auf der realen Landkarte zu verorten“. Helden und Mythen So kommt es, dass Laura Coffey mehr in italienischen Gewässern unterwegs ist als in griechischen. Sie bereist Sizilien und die liparischen Inseln und bezieht sich dabei immer wieder auf die griechische Götter- und Sagenwelt. „Mythen schaffen Sinn, zeigen uns, wie wir uns zurechtfinden wenn wir verloren und allein sind und überhaupt nicht mutig fühlen. Sie geben uns…