Ein Leben im Abseits

6. Mai 2019

Im Original heißt das Buch von Ann Weisgarber „The Glovemaker“, denn Deborah, die Hauptfigur, ist Handschuhmacherin. Die deutsche Ausgabe trägt den Titel „Unter Heiligen“ und weist damit schon auf einen ungewöhnlichen Inhalt hin. Die amerikanische Autorin nimmt ihre Leser mit in eine für uns fremde Welt, die der Mormonen Ende des 19. Jahrhunderts. Wie ihr Mann Samuel und ihr Schwager Nels ist Deborah Mormonin.

Leben in einer „Dazwischenwelt“

Doch ihre Familie praktiziert nicht die vom „Propheten“ Joseph Smith propagierte und von den US-Behörden verbotene Vielehe. In der Schlucht, in der sie sich mit einigen anderen Familien niedergelassen haben, leben sie zwar nach den Geboten ihrer „Kirche“ in einer Art „Dazwischenwelt“. Weil Männer, die mehrere Frauen haben, von der Polizei verfolgt werden, helfen Samuel und Nels ihnen, zu einem geschützten Unterschlupf zu kommen. Das hat sich herumgesprochen. Als Deborah mal wieder allein ist, weil Samuel sein Geld als fahrender Radmacher verdient, klopft ein Mann an ihre Tür.

Die Außenwelt als Spiegel der Innenwelt

Damit beginnt ein Drama, das Weisgarber aus den Perspektiven von Deborah und Nels schildert, wobei die winterliche Szenerie in der abgeschiedenen Schlucht zum Spiegel der inneren Zerrissenheit der Protagonisten wird. Beide sind fest verwurzelt in ihrem Glauben und ebenso fest entschlossen, gottgefällig zu leben. Und doch schleicht sich immer wieder ein leiser Zweifel an Maximen der „Heiligen“ ein, wie die Mormonen sich selbst nennen. Seit der fremde Mann an Deborahs Türe geklopft hat, liegt eine düstere Spannung über der Schlucht. Die junge Frau vermisst ihren Mann, sie muss allein entscheiden, was zu tun ist. Und sie tut, was sie für richtig hält – nicht ahnend, was sie mit ihrer Entscheidung heraufbeschwört. Und doch überkommen sie immer wieder Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Tuns und an den Geschichten ihrer „Kirche“.

Das Ungesagte führt zu Misstrauen und Missverständnis

Zwischen den Menschen bleibt vieles ungesagt und so wachsen die Missverständnisse. Weisgarber fühlt sich ein in das rigide Denken dieser mormonischen Siedler, die sich in einer ihnen feindlichen Umgebung behaupten mussten. Sie findet eine kraftvolle Sprache, um ein Leben zu beschreiben, das vollkommen vom Glauben bestimmt ist: „Wir gehörten einer Gemeinschaft an, die man aus New York nach Ohio, dann nach Missouri, nach Illinois und schließlich ins Utah-Terriutorium vertrieben hatte. Unser Prophet und sein Bruder waren von einem Mob ermordet worden. In Tennessee hatten man die Häuser von Heiligen angezündet. Einige waren getötet worden. Der Gouverneur von Missouri hatten einen Vernichtungsbefehl gegen uns erlassen. Wir wussten was passieren konnte.“
Es sind die kleinen Freiheiten, die den Unterschied machen und aus Deborah eine starke Frau.
Info: Ann Weisgarber. Unter Heiligen, Nagel & Kimche, 150 S., 22 Euro

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