Liebe und Wut

11. September 2022

Kann es sein, dass traumatische Erlebnisse der Vorfahren auch noch die Nachkommen belasten? Alex Schulman ist überzeugt davon, dass sein Großvater, der Schriftsteller Sven Stolpe, an seinen unvermittelten Wutanfällen Schuld trägt. Weil er damit nicht nur seine Frau schockiert, sondern auch seinen Kindern Angst einjagt, beschließt er, dieser Wut auf den Grund zu gehen. Dabei stößt er auf ein Familiengeheimnis, das ihn zu einem Roman inspiriert. In „Verbrenn alle meine Briefe“ beschreibt Alex Schulman die eigenen Probleme, dokumentiert seine Expedition in die Familiengeschichte und konzentriert beides in einer  anrührend poetische Liebesgeschichte.

Die Wut des Großvaters

Die Wut des Großvaters, davon ist der Enkel überzeugt, hat die ganze Familie vergiftet: „Meine Mutter war die Jüngste von vier Geschwistern, sie hatte zwei Brüder und eine Schwester. Ich versuche, mich zu erinnern, aber ich glaube, ich habe nie alle vier zusammen gesehen. Sie hassten einander in wechselnden Konstellationen, Konflikte zogen sich über Jahrzehnte hin.“ Auch er selbst scheint davon vergiftet.

Die Angst der Großmutter

Alex Schulman erinnert sich an die Ferien bei den Großeltern, an den ewig unzufriedenen, mürrischen Großvater und die beflissene, ängstliche Großmutter. „Ich erinnere mich an ihre ständige Unterwürfigkeit, ihre Angst vor seiner Wut… Ich begriff nicht, warum sie ihn nicht verließ – es war, als wäre sie ihm etwas schuldig.“

Die Wurzel von allem

Der Enkel muss tief graben in alten Chroniken muss ein Tagebuch und die Briefe der Großmutter lesen, um den Grund für diese Unterwürfigkeit zu finden: Es war im Sommer 1932, als das Ehepaar Stolpe zu Gast in der Literatur-Stiftung war gemeinsam mit dem noch jungen Schriftsteller Olof Lagercrantz. Und Karin Stolpe, von ihrem berühmten Schriftsteller-Gatten gegängelt und überwacht, verliebt sich in den schüchternen, jungen Mann. Lagercrantz erwidert diese brennende Liebe mit jugendlicher Schwärmerei.

Die Folgen der Wut

Ohne über die Folgen nachzudenken, beschließt Karin, sich von Sven Stolpe zu trennen. Doch die Liebenden haben ihre Rechnung ohne den Tyrannen gemacht. Sven Stolpe ist skrupellos genug, seine Frau mit einem Gewaltakt zum Bleiben zu erpressen. Damit zerstört er ihr Leben, aber auch sein eigenes und das des Rivalen: „Der eine geht in eine lebenslange Finsternis ein. Der andere hört niemals auf zu träumen.“

Leben in der Erinnerung

Und die Frau, deretwegen beide Schriftsteller sich ihre Leben lang literarisch bekriegen? Karin Stolpe fürchtet um ihr Leben. „Verbrenn alle meine Briefe“, bittet sie den Geliebten. Sie bringt vier Kinder zur Welt, funktioniert als Ehefrau und als Mutter. Aber sie lebt nur in der Erinnerung an ihre große Liebe. In Olofs Gedichten könnte sie das Echo dieser Liebe auch 40 Jahre später spüren.

Poetische Liebesgeschichte

Alex Schulman erweckt diese so kurze wie tragische Liebesgeschichte in seiner Imagination zum Leben – feinfühlig und behutsam. „Ich liebe ihre Liebe“, schreibt er. Womöglich kann diese Liebe auch seine Wut besänftigen. Jetzt, da er weiß, woher sie kommt.

Info Alex Schulman. Verbrenn all meine Briefe, dtv, 300 S., 23 Euro

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