Nicola Förg ist nicht nur Krimi-Autorin, sondern auch Reisejournalistin. Da liegt es nahe, dass sie ihre Reise-Erfahrungen auch in ihren Krimis einbringt. In „Schroffe Klippen“ geht es für Irmi Mangold nach Irland. Dabei ist Irmi ja eigentlich im Ruhestand. Aber ihre Mitbewohnerin Louise setzt auf die legendäre Spürnase der Ex-Kommissarin, um den mysteriösen Tod der jungen Anja aufzuklären. Doch kein Selbstmord? Anja war mit Louises Tochter Babsie befreundet, und die glaubt nicht an den Selbstmord ihrer Freundin. Louise muss Irmi nicht lange überreden, sich um den Fall zu kümmern. Zumal es gerade in der Beziehung zum abwesenden Lebensgefährten kriselt. Für die Lesenden ist das Ganze am Anfang allerdings schon etwas sehr konstruiert. Das legt sich im Lauf der „Ermittlungen“, bei denen wieder Student Malcolm eine wichtige Rolle spielt. Die verschwundene Tochter Die beiden „Laien-Ermittler“ sind schnell mittendrin in diesem Kriminalfall. Anja hatte als Remote Workerin für ein Pharmaunternehmen gearbeitet und mit ihren beiden Teenager-Kinder Kilian und Kim in einem Luxus-Wohnwagen gelebt. Nach ihrem Tod – sie war am Fuß der Klippen gefunden worden – war Kim verschwunden. Der Vater hatte Kilian mit zurück nach Deutschland genommen. Die Greyhound-Mafia Irmi und Malcolm machen sich also auch auf die Suche nach der…
John Boyne hat sich viel vorgenommen. Das neueste Projekt „Elemente“ des irischen Autors besteht aus vier Geschichten „Wasser“, „Erde“, „Feuer“ und „Luft“. Sie sind durch das Thema Missbrauch miteinander verbunden . Boyne hat sich vorgenommen, in jeder dieser Geschichten einen Aspekt des Missbrauchs zu beleuchten. Entsprechend ändern die Erzählperspektiven von einer „Enablerin“, die den Missbrauch durch Wegschauen erst ermöglicht, über die eines Komplizen und einer Täterin bis zu der eines Opfers. Schuldig durch Unwissen Im ersten Band „Wasser“ steht Vanessa Carvin im Mittelpunkt, eine Frau Anfang 50, die durch die Taten ihres Mannes ihr bisheriges Leben auf den Kopf gestellt sieht und sich den Folgen durch die Flucht auf eine abgelegene Insel zu entziehen sucht. Mit kurz geschorenen Haaren und neuem Namen will sie sich neu erfinden. Doch in der Einsamkeit der Hütte am Meer drängt sich ihr die Frage auf, ob sie durch Unwissen mitschuldig geworden ist. Nichts sehen, nichts hören John Boyne lässt Vanessa ihr Leben an der Seite ihres erfolgreichen Mannes Revue passieren. Brendan, der Schwimmtrainer, ist ein irischer Macho, der Vanessa ins Korsett einer traditionellen, katholischen Familie zwingt. Sie wird Mutter, bekommt zwei Töchter und scheint mit ihrem Hausfrauendasein zufrieden. Kleine Risse in der gutbürgerlichen Fassade…
Ein Dorf in Irland, in dem die Zeit stehen zu bleiben scheint: Niall Williams hat das fiktive Faha in mehreren seiner Romane zum Leben erweckt – auch in seinem neuen Buch „Das ist Glück“. Es ist das Jahr 1958, in Faha brennt noch das Torffeuer im Kamin, das Wasser kommt aus dem Brunnen, das Licht lässt sich noch nicht an- und ausschalten. Die Menschen hier leben wie im 19. Jahrhundert – und sie scheinen zufrieden. Trotz des Regens, der „von hinten und von vorn und aus allen anderen Richtungen kam“. Sonne und Strom Und dann, mitten in der Karwoche, hört es plötzlich auf zu regnen. Faha erlebt Tage voller Sonnenschein und fast spanischer Hitze, während die Vorbereitungen zur Elektrifizierung beginnen. Und das Dorf wird Zeuge einer Liebesgeschichte, die das Zeug zur Legende hat. Denn mit der Sonne kommt Christy ins Dorf, der für die Elektrifizierung werben soll. Für den Ich-Erzähler Noel, genannt Noe, wird der welterfahrene Mann schnell zum Freund und Wegweiser. Große Gefühle Nicht alle im Dorf heißen die kommenden Errungenschaften für das Dorf gut. Auch Noels schrullige Großeltern Ganga und Doady, bei denen Christy sich einquartiert hat, wehren sich dagegen. Der Untermieter bringt einiges durcheinander in dem Dorf,…
Poetisch und empathisch erzählt die irische Autorin und Booker-Preisträgerin Anne Enright in ihrem neuen Roman „Vogelkind“ von Mutter und Tochter, die um ihre Selbstermächtigung ringen. Dabei wechselt Enright fast sprunghaft die Perspektiven zwischen der Tochter Nell, ihrer Mutter Carmel und deren Vater Phil. Der später mit seinen Gedichten berühmt gewordene Ire hat seine Familie verlassen, als seine Frau an Krebs erkrankte. Im Stich gelassen Kein Wunder also, dass die Beziehung kompliziert ist. Carmel ist das Vogelkind aus dem gleichnamigen Roman und zugleich eine Figur aus einem Gedicht des Vaters: „Das Vogelkind/Sah heraus/Aus der Höhle/Meiner Faust/Und hielt still“. Die Kleine ist Phils Liebling, auch wenn er schon im Gedicht den Abschied vorwegnimmt: „Der Rückstoß/Kaum zu spüren/Als sie aufstieg/Weg von mir“. Doch für Carmel war es der Vater, der sie im Stich gelassen hat. Und so fühlt sie sich auch als Erwachsene, unfähig für Beziehungen. Die scheinbar flatterhafte Tochter Nell scheint diese Unfähigkeit geerbt zu haben und sucht sich die falschen Männer aus. Komplexes Beziehungsgeflecht Mit dem Wechsel an Perspektiven, die sie auch stilistisch unterschiedlich gestaltet, lädt Anne Enright die Lesenden dazu ein, die Lebensentwürfe der Protagonisten zu vergleichen. Nell, die ihr Geld mit dem Schreiben von Reisetexten über Länder verdient, die…
Der Ire Paul Murray kann erzählen, seitenlang. Auch sein hochgelobter Roman „Der Stich der Biene“ ist ein dicker Brocken. Die 700 Seiten über eine dysfunktionale Familie in den irischen Midlands haben es 2023 sogar auf die Shortlist des renommierten Booker Prize geschafft. „Sie werden in diesem Jahr keinen traurigeren, spannenderen und lustigeren Roman lesen“ wird der Guardian auf dem Umschlag zitiert. Sinnbild des Zerfalls Tatsächlich ist diese Geschichte über den Niedergang der Familie Barnes teilweise urkomisch, teilweise Furcht erregend aktuell und immer spannend. Murray lässt die Lesenden hinter die Fassade blicken – auf eine irische Gesellschaft, wie man sie so nicht kennt. Der Zerfall der wohlhabenden Familie steht sinnbildlich für den Zerfall der Gesellschaft, die nach dem Motto zu leben scheint „Jeder für sich und Gott gegen alle“. Ein ungleiches Paar Im Mittelpunkt der Geschichte, die Paul Murray aus den unterschiedlichen Perspektiven der Familie erzählt, steht Dickie, der den prosperierenden Autosalon seines Vaters an die Wand fährt. Nach dem Unfalltod seines charismatischen Bruders Frank hat Dickie dessen Geliebte geheiratet, obwohl er während seines Studiums in Dublin seine Homosexualität entdeckt und mit einem Freund ausgelebt hat. Imelda kommt aus prekären Verhältnissen: Der Vater ein nichtsnutziger Säufer, die Brüder bis auf den…
Mit „Long Island“ knüpft Colm Tóibín an seinen Roman „Brooklyn“ an, in dem die junge Irin Eilis in den 1950er-Jahren zum Arbeiten nach New York kommt und dort heimlich den Italiener Toby heiratet. Bei einem Besuch in der Heimat trifft sie ihre Kindheitsliebe Jim wieder und verbringt mit ihm und den Freunden Nancy und George einen glücklichen Sommer. Rund 20 Jahre später lebt Eilis mit Tony und ihren Kindern in „Long Island“. Doch glücklich ist sie nicht. Denn Tony hat sie mit einer Nachbarin betrogen – und die erwartet ein Kind aus diesem Seitensprung. Flucht in die Heimat Eilis weigert sich strikt, dieses Kind aufzunehmen. Ganz im Gegensatz zur italienischen Großfamilie, die darin kein Problem sieht. Die Irin fühlt sich zunehmend unverstanden in dem Familienverbund und beschließt, zum 80. Geburtstag ihrer Mutter nach Irland zu reisen, um sich über ihre Gefühle klar zu werden. Jim und seine Pläne Doch es kommt anders als geplant. Denn in der irischen Kleinstadt lebt immer noch Jim, der nie geheiratet hat. Allerdings hat er sich nach langem Zögern dazu entschlossen, mit der inzwischen verwitweten Nancy ein neues Leben anzufangen. Bringt Eilis diese Pläne ins Wanken? Es ist vor allem die Sprachlosigkeit der Protagonisten, die…
Irland ist für viele Sehnsuchtsziel. Wie einst Heinrich Böll haben sie auf der grünen Insel ihr Glück gefunden. Wer noch auf der Suche ist, bekommt Hilfe von der Reisebuchautorin Cornelia Lohs. 80 „Glücksorte in Irland“ verspricht sie und gerät schon beim Vorwort ins Schwärmen. Glück an der Westküste Wer ihr durch die 167 Buchseiten folgt, wird mit Sicherheit fündig, wenn auch vor allem an der Westküste. Hier hat Cornelia Lohs nicht nur grandiose Landschaften erkundet, sie hat auch magische Plätze gefunden, sich in die irische Sagenwelt vertieft und in die Kunstwelt der Moderne. Sie hat himmlische Aussichten genossen und irdische Genüsse. Sie ist in der City gepaddelt, im Park geradelt und hat im Doppeldecker-Bus Sightseeing mit Tee und Scones ausprobiert. Liebesschloss Kylemore Abbey Es gibt viel zu sehen und zu erleben auf der grünen Insel und damit auch viele Möglichkeiten, glücklich zu sein. Vielleicht ganz besonders beim „Schloss der Liebe“, Kylemore Abbey in Connemara. Ja, auch Irland hat so etwas wie das indische Taj Mahal. Auch Kylemore erinnert an eine unsterbliche Liebe, wie Lohs schreibt: Der Arzt Mitchell Henry hatte für seine geliebte Frau Margaret das 50-Zimmer-Schloss errichten lassen. Als die neunfache Mutter mit nur 45 Jahren bei einer Ägypten-Reise…