Liebe und Leid in den Bergen
Rezensionen , Romane / 10. April 2026

Francesco Vidotto erzählt in „Meine Berge bist du“ eine bewegende Geschichte aus einer vergangenen Zeit. Der Ich-Erzähler lernt in den Dolomiten einen alten Mann kennen, der sich Guido Contin nennt. Die Dörfler nennen den schweigsamen Einzelgänger Cognac. Aber nachdem er  unter den Fundstücken des Erzählers das Porträt eines Mädchens gesehen hat,  wird der Alte gesprächig. Ein Leben in Briefen Er teilt mit dem Fremden Briefe an die Berge, die ein gewisser Onesto geschrieben hat. In diesen Briefen spielt sich ein ganzes Leben ab – angefangen von einer Entführung über das Wiedersehen mit der Mutter und dem Zwillingsbruder Santo bis zur großen Liebe und dem schweren Verzicht. Liebe und Schicksal Es ist ein hartes Leben in den Bergen vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs. Ein einfaches Leben voller Entbehrungen – auch für die allein erziehende Mutter der Zwillinge. Doch trotz der Armut erleben die Kinder ein liebevolles Zuhause, und die Brüder sind einander in herzlicher Zuneigung verbunden. Aber das Schicksal stellt sie auf eine harte Probe. Feindliche Wirklichkeit Onesto und Santo verlieben sich in die hübsche Celeste. Zusammen mit deren Bruder erleben sie die Natur in aller Unschuld als Abenteuer. Doch diese Natur kann auch unbarmherzig sein, noch unbarmherziger sind die…

Waisenkind auf Abwegen
Rezensionen , Romane / 9. März 2026

Waisenkind von Galit Dahan Carlibach ist ein widerspenstiger Roman, den man sich erst erschließen muss, ehe er einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann. Die israelische Autorin ist in Sderot, Aschdod und Jerusalem aufgewachsen und kennt das Land von innen. Ihr Roman Waisenkind ist auch ein Porträt dieser sehr zwiespältigen Gesellschaft. Schlimme Erfahrungen Die junge, rothaarige Avital wächst in mehr als prekären Verhältnissen auf dem Land bei den Großeltern auf. Keine gute Ausgangsbasis: Die Großmutter ist Alkoholikerin, der Großvater pädophil. Kein Wunder, dass Avital da Reißaus nimmt. Allerdings schlittert das junge Mädchen auf der Suche nach ihrem unbekannten Vater von einem Desaster ins nächste, wird missbraucht und alkoholabhängig. Große Veränderung Erstaunlich , wie resilient Avital trotz aller Rückschläge ist. Das liegt womöglich auch an den wenigen Menschen – in dem Fall vorwiegend Männern – die ihr ohne Hintergedanken helfen. Und dann tritt der alte, reiche Achituv in ihr Leben, und von einem Tag auf den anderen ändert sich alles. Suche nach dem Vater Klingt schon nach happy end? Doch das ist es nicht. Denn da kommt Ramon dazwischen, der charismatische, rothaarige Mann von Achituvs Tochter. Das muss ihr lang ersehnter „Lear“ sein, glaubt Avital. Lear, so nennt sie…

Wege zur Veränderung
Reisebücher , Rezensionen / 7. Dezember 2025

„Rebellinnen zu Fuß“ ist viel mehr als die Geschichte des Wanderns aus Frauensicht. Anneke Lubkowitz beweist anhand von elf literarischen Wanderinnen, dass Frauen schon früh den Mut hatten, sich den Konventionen zu widersetzen und ihre eigenen Wege zu finden. Und während sie über Sophie von La Roche und Mary Shelley, über Mathilde Anneke und Annette von Droste-Hülshoff, über Bettina Brentano, Else Lasker-Schüler oder Simone de Beauvoir und Octavia Butler schreibt, ist sie selbst auch unterwegs, erspürt die Natur auf den Spuren ihrer „Heldinnen“. Wanderin über dem Nebelmeer Am liebsten würde Anneke Lubkowitz den berühmten Wanderer über dem Nebelmeer von Caspar David Friedrich durch eine Wanderin ersetzt sehen. Denn ihre literarischen Wanderinnen hatten durchaus das Zeug dazu, neue Wege zu beschreiten – entgegen aller Gepflogenheiten ihrer Zeit. Und so lernen die Lesenden auch unbekannte Seiten dieser weitgehend bekannten Schriftstellerinnen kennen. Frühe Bucket list Wir erfahren, dass Sophie von La Roche „keinem Mann nachtreten“, sondern ihre eigenen Erfahrungen machen wollte – auch wandernd. Wir lesen, dass für Bettina Brentano das Wandern Dichten ohne Worte war und das Abholzen alter Bäume ein unentschuldbares Sakrileg. Mary Shelley macht sich in ihrem Reisebericht „Streifzüge durch Deutschland“ über einen Engländer lustig, der dabei war, „seine sächsische…

Ausgeliefert
Rezensionen , Romane / 16. Oktober 2025

Das Dream Hotel von Laila Lalami kann die Lesenden um den Schlaf bringen, erzählt es doch eine dystopische Geschichte, die erschreckend nah an der Gegenwart ist: Als Sara Hussein von einer Geschäftsreise nach Los Angeles zurückkehrt und den Flughafen verlassen will, wird sie von einem Angestellten des Amts für Risikobewertung aufgehalten und in ein Besprechungszimmer gebracht. Sie wird festgehalten, weil ihr Risikowert zu hoch sei: Die Analyse ihrer Traumdaten habe ergeben, dass sie zur Gefährdung für ihren Ehemann werden könnte. Zu seiner Sicherheit muss sie sich für mindestens einundzwanzig Tage unter Beobachtung begeben – in das Dream Hotel, eine ehemalige Schule. Die Überwachung An Sara ist eigentlich nichts auffällig. Sie arbeitet im Museum, ist verheiratet und hat kleine Zwillingstöchter.  Ihre Eltern kamen vor langer Zeit aus Marokko in die USA. Dass sie als  Gefährderin gelten könnte, ist Sara nie in den Sinn gekommen. Aber in dieser nicht allzu fernen Zeit kann es wohl jedem passieren, dass er auffällig wird. Da gibt es einen Riskscore, der die Gefährlichkeit der Individuen nach einem Algorithmus bewertet, eine nahezu allgegenwärtige OmniCloud und den Dreamsaver, den sich viele – auch Sara – implantieren haben lassen, um wieder durchzuschlafen. Allerdings erlauben die Betroffenen damit der Firma,…

Schwiegermutter: Die Unverstandene
Rezensionen , Romane / 15. Juni 2025

Schwiegermutter – das ist für viele Paare ein Schreckgespenst. Die Mutter des Partners oder der Partnerin kann eine echte Bedrohung für eine Beziehung sein. Wie in Moa Hergrens Roman „Schwiegermutter“. Nur, wer ist schuld daran, wenn alles schief läuft? Darum geht es in dem Roman, der zwar großenteils aus der Sicht der Schwiegermutter geschrieben ist, aber auch die anderen Beteiligten zu Wort kommen lässt. Symbiotische Beziehung Åsa ist alleinerziehende Mutter, seit Janne sie für eine andere verlassen hat. Mit Andreas verbindet sie die Kommunikationstrainerin eine symbiotische Beziehung. Doch nun ist Andreas mit Josefin zusammengekommen, der nach Åsas Meinung komplizierten Tochter ihrer langjährigen Freundin Stina. Trotzdem bietet sie dem Paar an, für einen kurzen Zeitraum bei ihr einzuziehen, bis sie eine Wohnung gefunden haben. Konkurrenzkampf Doch da, wo sie früher zu zweit ein gutes Team waren, muss sich Josefin wie ein Fremdkörper vorkommen. Die beiden Frauen buhlen um die Liebe von Andreas. Und Åsa macht mit ihren unwillkommenen Hilfsangeboten das Zusammenleben nicht leichter. Ihre Übergriffigkeit nutzt Josefin, um Andreas gegen seine Mutter aufzuhetzen. Als Åsa Andreas zu einer Therapie – ausgerechnet bei einer Freundin – rät, wird alles nur noch schlimmer. Plötzlich sieht sie sich mit Vorwürfen aus Andreas‘ Kindheit konfrontiert….

Haltlos im Lebensstrudel
Rezensionen , Romane / 3. Juni 2025

Vito hat Probleme mit seinem Leben oder das Leben hat Probleme mit ihm. Die Freundin hat ihn verlassen, seine Wohnung ist kalt und trist. Mit 30 Jahren fühlt sich Vito „super einsam“, so auch der Titel dieses aufwühlenden Debüts von Anton Weil. Angst und Trauer Vitos Vater ist zwar Diplom-Psychologe, tut sich aber schwer, sich auf den Sohn einzulassen. Da fehlt die Mutter, die an Krebs gestorben ist, als Vito 17 war. Dass sie schon früher eine Affäre hatte, als er noch ein kleiner Junge war, wird ihm erst später bewusst. Schon damals hatte er Angst, sie zu verlieren. Die Trauer über ihren Tod begleitet ihn auf seinem Weg ins Erwachsenen-Dasein: „Eine Woche vor ihrem Tod stehe ich mit ihr auf dem Friedhof am Südstern. Ich soll die Stelle aussuchen. Warum hält mich keiner? Mama versucht es, Mama berührt mich, streichelt mich, aber gibt keinen Halt, kann ja selbst kaum stehen, wir kippen. Sie ist zu schwach, gar nicht mehr ganz da.“ Die Lücke im Hirn Das Verlustgefühl hat ihn seither nicht mehr verlassen. Vielleicht ist er auch deshalb so unfähig, sein Leben auf die Reihe zu bringen.  Auch als Schauspieler versagt er, vergeigt seine Termine. Nur am Tresen in…

Die Schweiz am Pranger
Rezensionen , Romane / 9. April 2025

Ihr Roman Daily Soap  sei eine „Frustrationsverdauung“ sagte Nora Osagiobare im Interview mit dem Schweizer Rundfunk. Man kann es der Autorin nicht verdenken. Als Tochter eines nigerianischen Vaters ist sie mit dem Gefühl aufgewachsen, „dass etwas mit mir nicht stimmt“. Das prägt ihren distanzierten Blick auf die Schweizer Heimat. Lust an der Überzeichnung Mit ihrem Debüt  Daily Soap erregt Nora Osagiobare nicht nur international Aufsehen, sondern mit Sicherheit auch Anstoß bei Schweizer Biedermännern. Denn ihre Ich-Erzählerin Toni nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Rassismus-Erfahrungen geht. Dabei kommt der Roman dank Osagiobares Lust an der Überzeichnung so gar nicht jammernd anklagend rüber.  Eher schon lustig, wobei einem das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt. Verwirrende Familienverhältnisse Ich-Erzählerin Toni schlägt sich mit ungeklärten Familienverhältnissen rum, die auch die Lesenden verwirren. Erst allmählich lernen sie zu verstehen, dass hier alle irgendwie mit allen zu tun haben. Während Toni sich in ihre Lieblings-Soap flüchtet, staunen die Lesenden über den Geschäftssinn der Unternehmerin Zita Bodeca, die nur allzu bereit ist, ihre Überzeugung dem Profit zu opfern. Die Sache mit den Werbespots Um sich im gesellschaftlichen Chaos zurechtzufinden, können sie immerhin auf die Auflistung der Hauptfiguren am Anfang des Romans zurückgreifen. Natürlich geht…

Verzocktes Leben
Rezensionen , Romane / 21. Februar 2025

Toyboy, das ist Levin, der seinen Körper verkauft – als Escort-Boy, in Pornos und in schlecht gemachten Camshows. Für etwas anderes hat er sich nie interessiert, ein normaler Job ist ihm zu öde. Eigentlich wollte er in LA Model werden, aber da gab es zu viel Konkurrenz. Jetzt ist er wieder zurück – und findet seinen Bruder Gregor in einer ziemlich verzweifelten Lage. Ein gefährlicher Plan Der Junge scheint verloren in seiner Einsamkeit. Aus seinem Kinderzimmer heraus befehligt er online Soldaten und datet eine Frau, die nichts anderes von ihm will als Geld. Levin, der selbst in Problemen feststeckt und darüber nachdenkt, „wie einfach das Leben wäre, könnte man es mit Faustschlägen traktieren“, will das brüderliche Elend nicht mit ansehen. Er schmiedet einen waghalsigen Racheplan, der nicht funktionieren kann. Am Ende bringt er damit nicht nur seine verbliebenen Freunde, sondern auch den Bruder in Gefahr. Der vergessene Bruder Dabei will er ihm nur helfen, will wieder der Beschützer sein, der er einmal war: „Ich erinnere mich an das sinnstiftende Gefühl, für Gregor zu sorgen und auf ihn aufzupassen. Er hat mich vergöttert, und ich habe ihn beschützt.“ Doch irgendwann hat er das alles hinter sich gelassen, es „einfach vergessen, so…

Psychogramm einer Ehe
Rezensionen , Romane / 13. Februar 2025

„Es geht mir gut“, sagt Kathleen zu ihrem Mann Virgil, als er sich mit den Söhnen bereit zum Kirchgang macht. So harmlos fängt das an, was die Familie an den Abgrund führen wird. Knappe 160 Seiten braucht Jessica Anthony, um eine Ehe zu dekonstruieren. Weibliche Selbstversicherung „Es geht mir gut“ ist auch der Titel dieses Romans über einen verblüffenden Akt weiblicher Selbstversicherung. Kathleen und Virgil leben in einer scheinbar glücklichen Partnerschaft. Wie die meisten Frauen in ihrer Umgebung hat Kathleen sich ihrem Mann untergeordnet, hat ihre sportliche Laufbahn beendet, sich der Familie gewidmet. Auch die frühere Liebelei mit dem Kommilitonen Billy hat sie verdrängt, um mit dem „unkomplizierten“ Virgil eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Doch so recht hat das nie geklappt. Frust in der Ehe Wohl auch nicht für Virgil, der sich für den Frust in der Ehe mit zahlreichen Seitensprüngen entschädigt, während Kathleen mit Billy an die alten Zeiten anknüpft: „Keiner von beiden machte eine Bemerkung zu ihrer Heirat, aber beide saßen da und wussten, dass sie schlicht und einfach nichts bedeutete.“ Katastrophales Fazit All das wird Kathleen an jenem Sonntag klar, an dem sie sich weigert, mit in die Kirche zu gehen. Statt dessen fühlt sie sich magisch angezogen…

Zwischen Zweifel und Vertrautheit
Rezensionen , Romane / 14. November 2024

Anne Tyler scheint auch mit 83 die Freude am Schreiben nicht verloren zu haben. Ihr neuer, schmaler Roman „Drei Tage im Juni“ zeigt die Pultizer-Preisträgerin auf der Höhe ihrer Meisterschaft, das Menschliche in all seinen Facetten zu beschreiben. Drei Tage braucht sie dafür, eine Hochzeit und einen Fehltritt. Nichts Dramatisches, alles in geregelten Bahnen und trotz aller Kürze ein wichtiges Buch. Warmherzig und witzig. Ein Buch über die Liebe, über Zweifel und Vertrautheit. Mangelnde Sozialkompetenz? Mit 61 erfährt Gail, stellvertretende Schuldirektorin, von ihrer Vorgesetzten, dass es ihr an Sozialkompetenz mangele. Ausgerechnet kurz vor der Hochzeit ihrer Tochter Deborah, genannt Debbie. Ich-Erzählerin Gail ist wütend und verwirrt. Könnte Marilee Recht haben? Und dann will auch noch der Ex-Mann Max bei ihr übernachten – mit Katze. Gails anfängliche Ablehnung wandelt sich im Lauf der Zeit in ein Gefühl der Vertrautheit, leichte Störungen und kleinliche Streitigkeiten inklusive. Fehltritt mit Folgen Als Debbie ihren Eltern davon berichtet, dass ihr Bräutigam Kenneth sie womöglich betrogen hat, wird Gail auf einen Fehltritt gestoßen, der letztlich zum Ende ihrer Ehe geführt hat. Nicht Max war daran schuld, sondern sie: „Warum hatte ich, obwohl ich meinen Mann ehrlich liebte – zumindest auf die immer nur halb glückliche Art…