Immer zu Diensten?
Rezensionen , Romane / 29. Februar 2024

Neulich im Fernsehen: „Sie sagt, er sagt“, ein Stück von Ferdinand von Schirach über eine Vergewaltigungsklage und die unterschiedlichen Perspektiven. Darum geht es auch in dem aufrüttelnden Roman „Service“ von Sarah Gilmartin. Service um schreibt die dienstbaren Geister in einem Restaurant. Dass vor allem die Service-Kräfte, also die Kellnerinnen, immer zu Diensten sind, ist ein weit verbreiteter Irrtum, dem nicht nur männliche Gäste erliegen. Nein heißt nein Lange Zeit galten das Tätscheln des Hinterns, der tiefe Blick ins Dekolleté als Kavaliersdelikt. Das hat sich mit der #MeToo-Bewegung grundlegend geändert. Doch viele Männer scheinen es noch nicht begriffen zu haben. Zu ihnen gehört auch der Sternekoch Daniel, der seinerseits über die Anmache von zumeist älteren Kundinnen klagt. Doch er hat nicht erkannt, dass auch für Chefs gilt: Ein Nein ist ein Nein. Hannahs Grenze Ziel seiner unwillkommenen Avancen ist die hübsche, blutjunge und naive Hannah. Auch wenn sie zwischendurch den Versuchungen von Alkohol und Drogen erliegt und die Bevorzugung durch den Chef genießt, zieht sie immer eine Grenze. Nach einem Abend voller Stress und der anschließenden Alkohol und Drogen geschwängerten Feier des Personals in der Küche, passiert dann, was Hannah unbedingt vermeiden wollte. Der Zorn der Frauen Doch zur Anklage gegen…

Von der Superkraft Freundschaft
Rezensionen , Romane / 23. November 2023

Wer träumt nicht davon, fliegen zu können – leicht wie ein Vogel? Sofia im Roman „Der Traum vom Fliegen“ von Milena Moser kann das, aber sie hat keinen Einfluss auf den Flug, fühlt sich ausgeliefert. Denn jeder Flug konfrontiert sie mit dem Elend dieser Welt: Der Traum wird zum Alptraum. Behütet und gemobbt Das Wunschkind zweier schwuler Männer, wächst in einer behüteten Umgebung auf und ist lange eine Vorzeigetochter. Doch Sofia, die schon früh vom Fliegen träumt, ist auch einsam, wird in der Schule gemobbt. Trotzdem erhält die begabte Schülerin einen Studienplatz an einer privaten Elite-Uni, sogar ein Stipendium. Doch das alles verliert sie wieder. Denn um dem Alptraum des Fliegens zu entgehen, futtert sich Sofia zum Schwergewicht. Zumutungen des Klinik-Alltags Die beiden Väter sind ratlos, wissen sich nicht anders zu helfen, als Sofia in eine Klinik zu bringen – in der Hoffnung, dass sie dort abnehmen werde. Das verwöhnte Mädchen wehrt sich anfangs gegen die Zumutungen der Ärzte und Psychotherapeuten. Auch die Mitbewohnerin Emerald, die sich mit einer Instagram-Inszenierung als „Cancergirl“ zum Ziel eines Shitstorms gemacht hatte, nervt sie. Neue Freunde Doch allmählich lässt sich Sofia auf die veränderten Umstände ein, findet in der magersüchtigen Emerald mit dem ausgeprägten…

Fluch der Kindheit
Rezensionen , Romane / 28. März 2023

Ein Buch wie ein Axthieb: Ehrlich bis zur Selbstaufgabe schildert Matt Rowland Hill in „Erbsünde“ sein Leben mit der Drogensucht. Und man wundert sich, dass dieser Mann trotz allem 39 Jahre alt werden konnte. Elterliche Hölle Der Autor wird als Sohn eines Baptistenpastors und seiner pietistischen Frau in Südwales geboren und erlebt früh den moralischen Druck der Kirche, der ihn allerdings nicht von seiner Lieblingsbeschäftigung abhält: Der Junge masturbiert gern und ausgiebig – eine Art Flucht aus der elterlichen Hölle, in der sich Vater und Mutter Bibelsprüche um die Ohren hauen. Traumatischer Bruch Erst in der Jugend macht der Junge den nächsten Schritt, folgt seinen intellektuellen Zweifeln und bricht mit Eltern und Religion. Aber die Prägung seiner Kindheit klebt an ihm wie die Erbsünde an den Gläubigen. Hill taumelt von einem Extrem ins andere. Er entdeckt die Welt der Drogen und verfällt ihr wie seine Familie der Bibel verfallen war. Spirale von Sucht und Abstürzen Für den begabten jungen Mann beginnt eine Spirale von Drogenträumen, Traumata, Entzugs-Erfahrungen und Chaos. Mal schafft er es zwei Jahre, sich von Drogen fern zu halten. Mal ist er vier Jahre clean, um dann doch einen Rückfall zu erleben, schlimmer noch als alle anderen.  Es…

Odessa, mon amour
Rezensionen , Romane / 16. Februar 2023

Es ist Sommer in der Stadt, und Odessa, die Schönheit am Schwarzen Meer, verspricht ein besonderes Lebensgefühl. Davon erzählt Irina Kilimnik im Roman „Sommer in Odessa“. Die Ich-Erzählerin Olga lebt mit Mutter, Tanten und Cousinen in einer zusammengestückelten Wohnung, typisch für das alte Odessa. Wo‘s lang geht, bestimmt der Großvater, der Töchter und Enkelinnen schikaniert. Die schönste Stadt der Welt Olga hat schon längst die Nase voll von seiner herrischen Art und der Ergebenheit der Frauen. Ihr Medizinstudium, das sie auf Wunsch der Familie begonnen hat, kotzt sie an. Wäre da nicht der indische Freund Radj hätte sie es schon längst an den Nagel gehängt. Aber da ist auch noch die „beste Freundin“ Masha, charmant und flatterhaft, die Olga immer wieder mit neuen Plänen und neuen Männern überrascht. Und natürlich Odessa mit seinen Stränden und der quirligen Altstadt. „Die schönst Stadt der Welt“, sagt Mascha plötzlich. „Ich weiß nicht, ob ich hier weggehen soll, die Vorstellung macht mich irre.“ Alte Liebe Kurz flammt die alte Liebe wieder auf, als Sergej, der Traummann aus Kindertagen, wieder zurück aus Deutschland ist. Der begabte Pianist sähe Olga am liebsten als Musikerin, was ihr Selbstverständnis erschüttert.  Auch zu Hause geht es drunter und drüber….

Alice ohne Wunderland
Rezensionen , Romane / 29. November 2022

Rebecca Wait schreibt gern über Familien,  auch in ihrem neuen Roman „Meine bessere Schwester“.  Und wie heißt es so schön bei Tolstoi: „…jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise“. Die Familie von Alice und Hanna ist besonders unglücklich. Das liegt schon am Erbe der Mutter Celia. Das eher hässliche und schüchterne Mädchen stand lange im Schatten ihrer schönen und klugen Schwester Katy, bis diese in die Schizophrenie abdriftete. Ihr Schicksal hängt fortan wie eine dunkle Wolke über der Familie. Die freudlose Celia krallt sich in ihrer Verzweiflung den Freund ihrer einzigen Freundin, Paul. Dominante Mutter Neben den Zwillingen Alice und Hanna haben den beiden noch den wenig auffälligen und eher gefühlsarmen Sohn Michael. Celia wird zu einer dominanten Mutter, die in der Furcht lebt, ihre Kinder könnten die Schizophrenie ihrer Schwester geerbt haben. Irgendwann entflieht Paul dem lieblosen Haushalt in die Arme einer jüngeren Frau. Ungleiche Zwillinge Trotz des häuslichen Elends steht die hübsche Hanna meist im Mittelpunkt einer großen Freundeschar. Aber der unscheinbaren Alice droht ein ähnliches Schicksal wie Celia, ein Leben ohne Freunde und ohne Liebe: Alice ohne Wunderland. Doch dann scheint sich bei Hanna Katys Erbe zu manifestieren. Die lebenslustige junge Frau verfällt in eine tiefe…

Brandherde
Rezensionen , Romane / 16. Juli 2022

Es ist heiß, brandheiß. Gleich über dem Fluss gegenüber vom Hotel brennt der Waldl ichterloh. Die meisten Menschen haben das Dorf verlassen, nur die Hotelerbin hält noch tapfer stand. Nein, dies ist nicht die Beschreibung eines der derzeitigen Waldbrände, es ist der Beginn eines im wahrsten Sinn des Wortes brandaktuellen Romans. Geschrieben hat ihn die gebürtige Augsburgerin Franziska Gänsler.  „Ewig Sommer“ ist das Debüt der jungen Autorin, die heute in Wien lebt. Eine der letzten im Ort „Franziska Gänsler schreibt mit einer ungeheuren sprachlichen Kraft… und erzeugt gleich von der ersten Seite an so viel Spannung, dass man das Buch nur so verschlingt“, lobt der Verlag.  Franziska Gänsler schreibt aus der Sicht von Iris, die das Hotel von ihrem Großvater geerbt hat. Als eine der letzten harrt sie im ehemaligen Kurort Bad Heim, der inzwischen in einem Waldbrandgebiet liegt, aus – rauchend und auf Regen hoffend. Mutter und Tochter Es gibt keine Gäste im Hotel, kaum mehr Menschen im Ort bis auf Baby, die dicke, alte Frau, die scheinbar schon immer da war. Und das Klimacamp vor dem brennenden Wald. Für Iris vergehen die Tage in Monotonie. Und dann klopft eines Tages Dori an die Tür, eine junge Mutter mit…

Viel faul in Indien
Rezensionen , Romane / 25. Mai 2022

Der Inder Rahul Raina nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, was faul ist im Staat Indien. Sein Roman „Bekenntnisse eines Betrügers“ ist deshalb auch nichts für naive Indien-Versteher. Indien-Kenner freilich werden Rainas Schelmenroman mit Vergnügen lesen. Denn der junge Autor nutzt jede Gelegenheit, die Schwächen des Staates zu entlarven, der sich die größte Demokratie der Welt nennt: Korruption, Kastenunwesen, Dreck, Armut und die Neigung zu Massenhysterie.  Chancenlos in der Klassengesellschaft Auch die Geschichte des jungen Ich-Erzählers Ramesh, der mutterlos bei seinem gewalttätigen Vater auf- und dank einer unerschrockenen französischen Nonne zu einem intelligenten jungen Mann heranwächst, ist eine typisch indische. Denn Ramesh, der am liebsten im Sinn seiner Wohltäterin ein Studium absolviert hätte, hat keine Chance auf einen Aufstieg in Indiens Klassengesellschaft. Erkaufte Karriere Stattdessen verhilft der hochintelligente  Ramesh aus Geldnot dem verwöhnten und faulen Söhnchen eines gut situierten Paares zu einem Abschluss als Bester der Nation.  (Gekaufte Titel sind in Indien wohl an der Tagesordnung.)  Für den dicklichen und eher dümmlichen Rudrash, genannt Rudi, beginnt damit eine atemberaubende Karriere als Quiz-Moderator. Und Ramesh profitiert als dessen Assistent vom neuen Wohlleben. Doch die Konkurrenz schläft nicht – die beiden werden gekidnappt. Sündenbock Ramesh Was dann folgt,…

Anna Tylers Familienaufstellung
Rezensionen , Romane / 2. Mai 2022

Nein, eine gemeinsame Sache ist diese Familie Garrett, von der Anne Tyler im gleichnamigen Roman erzählt, eher nicht. Das wird schon früh klar, als die Tochter Alice beim Badeurlaub feststellt: „Der Unterschied zwischen dieser Szene und den Szenen in den französischen Gemälden lag darin, dass die Menschen auf den Bildern ei gemeinsamen Unternehmungen dargestellt waren, bei Picknicks oder Bootsfahrten, während hier jeder für sich blieb… Ein Passant hätte niemals gedacht, dass sich die Garretts überhaupt kannten, so allein und weit voneinander entfernt wirkten sie.“ Allein statt gemeinsam Über 60 Jahre Familiengeschichte erzählt Anne  Tyler, von 1959 bis ins Corona-Jahr 2020. Im Zentrum stehen Robin und Mercy und ihre drei Kinder Alice, Lily und David. Nach außen eine glückliche Familie, nach innen voller Konflikte, die nicht ausgesprochen werden. Auch als Mercy aus dem gemeinsamen Heim ausgezogen ist, fragt niemand nach. Alle tun so, als wäre alles wie immer. Und vor allem Robin ist glücklich, dass er nichts erklären muss: „Kein einziges seiner Kinder ahnte, dass Mercy nicht mehr zu Hause wohnte. Das war die größte Errungenschaft in Robins Leben.“ Das Erbe der Eltern Dass die Familienmitglieder nebeneinander her leben, setzt sich fort bei den Kindern und Kindeskindern, die Anne Tyler später…

Dorf ohne Jugend
Rezensionen , Romane / 13. April 2022

Den Debütpreis der lit.Cologne hat Sven Pfizenmaier nicht bekommen,  obwohl sein  Erstling „Draußen feiern die Leute“ ebenso aktuell wie aufsehenerregend ist. Hunderttausende Ukrainer sind derzeit auf der Flucht. Wie werden sie hier leben? In einem fremden Land mit fremder Kultur? Nicht immer gelingt die Integration. Mit Witz und Scharfsinn erzählt Sven Pfizenmaier in seinem Debüt auch von Anpassungsschwierigkeiten der Einwanderer. So wundert sich die Russlanddeutsche Valerie darüber, „dass ihre Eltern ihre frühere Welt konserviert und in diesem Haus wieder aufgebaut haben“. Außenseiter  unter sich Sie ist nicht allein als Außenseiterin in diesem ungewöhnlichen Dorfjugendroman, der von einer Teenager-Clique erzählt. Unangepasst sind sie alle irgendwie: Richard, der auf andere wie eine Schlaftablette wirkt. Timo mit seiner grünlichen Pflanzenhaut. Die Träumerin Valerie, die ihr halbes Leben verschläft. Schmauser, immer gut für einen Exzess. Und dann sind da noch die drei Dorfgauner Dima, Danik und Doktor Dobrin, auch sie mit Migrationshintergrund aus Kasachstan und nie so recht in Deutschland angekommen. Rasputin und die Verschwundenen Das Zwiebelfest bringt sie alle zusammen – im Rausch. Doch einige fehlen, sind einfach weg, verschwunden. Wie die Schwester von Jenny, Richards Freundin. Auch Jenny will weg aus dem Dorf, vielleicht ihre Schwester finden. Die Spur führt nach Hannover und…

Vergewaltigt
Rezensionen / 21. Mai 2021

„Warum hast du nicht geschrien?“ fragte die Freundin, der Sophie Hardcastle von der Vergewaltigung durch ihren Freund erzählte. „Warum hast du nicht geschrien?“ fragt auch einer der Mitsegler auf dem Boot, nachdem Olivia verstört auftaucht. „Unter Deck“ so der Titel des Romans greift diese oft gestellte Frage auf und beantwortet sie auch. Was hätte es genutzt, wenn sie geschrien hätte, denkt Oli. Unter Deck hätte sie keiner gehört. Und wie ihr bleibt sexuell bedrängten Frauen oft der Schrei im Hals stecken. Dem Meer verfallen Olivia, die schon von ihrem Freund Adam gegen ihren Willen zum Sex „verführt“ worden war und sich dann von ihm trennte, hätte es eigentlich besser wissen müssen. Doch nach einer überaus harmonischen Erfahrung mit dem alten Mac und seiner charismatischen Freundin Maggie auf See, ist sie der Magie des Meeres verfallen und kommt vom Segeln nicht mehr los. Deshalb heuert sie auch auf dem Segelschiff von Vlad und seinen Kumpanen an. Fünf Männer und eine Frau Alle auf den ersten Blick ziemlich sympathisch, ja attraktiv. Vor allem von AJ fühlt sich Olivia angezogen, auch wenn es Cam ist, der ihr ganz offen Avancen macht. Nach einer gemeinsamen Nachtwache passiert es dann: AJ nimmt sich, was er…