Lesen in Zeiten des Krieges
Rezensionen , Romane / 13. April 2026

Der 1971 in Marokko geborene Politologe Rachid Benzine schreibt in dem bewegenden Roman „Der Buchhändler von Gaza“ über das Leiden der Palästinenser und die Kraft der Literatur. Damit setzt er in dem aktuellen Konflikt, in dem Gaza unterzugehen droht, ein Lebenszeichen und in all der gegenwärtigen Trostlosigkeit ein Zeichen der Hoffnung. Ein Bild für Gaza Die Ausgangsbasis ist 2014 die Begegnung eines französischen Fotografen mit einem alten Buchhändler im damals schon weitgehend zerstörten Gaza. Für seine Agentur würde er den Mann zwischen seinen Büchern gern fotografieren: „Dieses Bild zeigt alles. Es zeigt, was aus Gaza geworden ist. Ein alter Buchhändler, der immer noch an seinen Büchern hängt und inmitten der Ruinen weiter liest.“ Ein Leben auf der Flucht Der alte Mann will sich nicht ohne weiteres fotografieren lassen. Der Fotograf müsse sich zuerst die Erzählung seines Lebens anhören, fordert er. Nur dann könne er sich ein vollständiges Bild mache. Und so beginnt der Buchhändler Nabil zu berichten: Von der Vertreibung seiner Familie 1948 aus ihrem Dorf während der Nakba, vom Leben in Flüchtlingslagern, dem Sechs-Tage-Krieg 1967 und den nie endenden Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israelis. Nabil ist immer mittendrin – auch zwischen in den Religionen. Denn sein Vater war Christ,…

Fluch und Segen in Oberammergau
Rezensionen , Romane / 26. Februar 2026

Könnte es so gewesen sein, in Oberammergau vor fast 400 Jahren? 1633, als das erste Passionsspiel stattfand? Robert Löhr hat sich in seinem Roman „Oberammergau“ hineingedacht in die damalige Zeit, als das schwer von der Pest betroffene Dorf seine Hoffnung in einen Eid setzte, der bis heute gilt: Nehme Gott diese Heimsuchung vom Dorf, wolle man die Passion Christi spielen – bis zum Ende der Zeit. Das gespaltene Dorf Robert Löhr hat sich intensiv hineingedacht in die Zeit, als Oberammergau ein Dorf am Ende der Welt war, arm und abgelegen. Als Kriege und Pest wüteten und die Menschen in Angst und Schrecken versetzten. Vielen half der Glaube an ein besseres Jenseits, andere lehnten sich auf gegen einen Gott, der das irdische Elend zuließ. Löhr schildert eine gespaltene Dorfgemeinschaft, skizziert Menschen, die vom Schicksal – oder von der überstandenen Pest – gezeichnet sind. Es geht um Macht und Aberglauben, um Feindschaft und Liebe, um Intrigen und Heuchelei. Mächtige Gegner In dieses Wespennest kommt der junge Pfarrer Johannes und sieht sich alsbald mit der Verwirklichung des Passionsversprechens überfordert. Ihm fehlen die Worte, um das Stück lebendig werden zu lassen. Ihm fehlen die Akteure, die Kulissen, die Kostüme. Und doch packt ihn der…

Irische Aufreger
Rezensionen , Romane / 26. Februar 2026

Nicola Förg ist nicht nur Krimi-Autorin, sondern auch Reisejournalistin. Da liegt es nahe, dass sie ihre Reise-Erfahrungen auch in ihren Krimis einbringt. In „Schroffe Klippen“ geht es für Irmi Mangold nach Irland. Dabei ist Irmi ja eigentlich im Ruhestand. Aber ihre Mitbewohnerin Louise setzt auf die legendäre Spürnase der Ex-Kommissarin, um den mysteriösen Tod der jungen Anja aufzuklären. Doch kein Selbstmord? Anja war mit Louises Tochter Babsie befreundet, und die glaubt nicht an den Selbstmord ihrer Freundin. Louise muss Irmi nicht lange überreden, sich um den Fall zu kümmern. Zumal es gerade in der Beziehung zum abwesenden Lebensgefährten kriselt. Für die Lesenden ist das Ganze am Anfang allerdings schon etwas sehr konstruiert. Das legt sich im Lauf der „Ermittlungen“, bei denen wieder Student Malcolm eine wichtige Rolle spielt. Die verschwundene Tochter Die beiden „Laien-Ermittler“ sind schnell mittendrin in diesem Kriminalfall. Anja hatte als Remote Workerin für ein Pharmaunternehmen gearbeitet und mit ihren beiden Teenager-Kinder Kilian und Kim in einem Luxus-Wohnwagen gelebt. Nach ihrem Tod – sie war am Fuß der Klippen gefunden worden – war Kim verschwunden. Der Vater hatte Kilian mit zurück nach Deutschland genommen. Die Greyhound-Mafia Irmi und Malcolm machen sich also auch auf die Suche nach der…

Verschränkte Erinnerungen
Rezensionen , Romane / 15. Februar 2026

Den gelben Pullover, dem dieser autofiktionale Roman von Ursula März den Titel verdankt, gab es wirklich. Zum Schulanfang hatte sich die kleine Ursula den gelben Pulli aus dem trendigen Perlon heiß gewünscht. Und dann hat ihre Freundin Siggi das gute Stück mit einem einzigen Schnitt zerstört. In einer Schublade überdauerte der gelbe Pullover die Freundschaft. Denn mit der gern Ärger provozierenden Siggi war es nach der Grundschule aus. Die Anarcho-Pippi Ursula März‘ Beschreibung der Kinderfreundin erinnert ein bisschen an eine Anarcho-Pippi: „Siggi war meine einzige Freundin. Und ich, was erstaunlicher war, ihre. Auch sie nahm in ihrer Klasse die Position einer Außenseiterin ein, wenn auch aus anderen Gründen. Sie besuchte nach wie vor die protestantische Volksschule und hatte in sechs Jahren nichts ausgelassen, um das Wohlwollen ihrer Lehrer wie ihrer Mitschüler zu verspielen.“ Das Wirtschaftswunder In dem Buch reflektiert die Autorin auch die Anfänge des Wirtschaftswunders, schreibt über den Sparzwang des Vaters, die Fernsehabende im Haus der Tante, den Kleinstadt-Klatsch in Herzogenaurach, die Fremdheit der dort lebenden „Amis“ und die Emanzipation beim Rauchen. Die Zwangsgemeinschaft All das hat sie im Gepäck, als sie 1989 im Winter nach Stromboli reist und dabei einer scheinbar disfunktionalen englischen Familie begegnet. Eine Woche lang…

Leben aus zweiter Hand
Rezensionen , Romane / 30. Januar 2026

„Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält oder eine ganze Reihe von Geschichten.“ Das Zitat aus Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ hat die Schauspielerin Judith Hoersch an den Anfang ihres Romans „Niemands Töchter“ gestellt. Tatsächlich geht es hier um eine Reihe von Geschichten, die sich erst allmählich zu einem Ganzen fügen. Vier Frauen Im Mittelpunkt stehen vier Frauen, die schicksalhaft verbunden sind. Judith Hoersch erzählt aus ihren unterschiedlichen Perspektiven und in Zeitsprüngen. Das macht die Lektüre am Anfang nicht ganz einfach. Man muss erst einmal die einzelnen Frauenschicksale sortieren, um dann Zusammenhänge zu erkennen. Vier Schicksale Da ist die junge Marie, die sich im hippen Westberlin der 1980iger Jahre in den sanften und klugen Leonhard verliebt und ihn doch verliert. Da ist die bodenständige Kinderkrankenschwester Gabriele, die ihr lang ersehntes Kind verliert, und sich in der Kinder- und Ehelosigkeit einrichtet. Da ist die grazile Isabell, die den Tod der Mutter nicht verwinden kann und Gefahr läuft, das eigene Trauma auf die kleine Tochter zu übertragen. Und da ist die erfolgreiche aber bindungsunfähige Alma, die sich mit einer Lebenslüge konfrontiert sieht. Sie alle haben ihre ganz eigene Geschichte, manches haben sie selbst…

Schuld und Mitschuld
Rezensionen , Romane / 22. Oktober 2025

John Boyne hat sich viel vorgenommen. Das neueste Projekt „Elemente“ des irischen Autors besteht aus vier Geschichten „Wasser“, „Erde“, „Feuer“ und „Luft“. Sie sind durch das Thema Missbrauch miteinander verbunden . Boyne hat sich vorgenommen, in jeder dieser Geschichten einen Aspekt des Missbrauchs zu beleuchten. Entsprechend ändern die Erzählperspektiven von einer „Enablerin“, die den Missbrauch durch Wegschauen erst ermöglicht, über die eines Komplizen und einer Täterin bis zu der eines Opfers. Schuldig durch Unwissen Im ersten Band „Wasser“ steht Vanessa Carvin im Mittelpunkt, eine Frau Anfang 50, die durch die Taten ihres Mannes ihr bisheriges Leben auf den Kopf gestellt sieht und sich den Folgen durch die Flucht auf eine abgelegene Insel zu entziehen sucht. Mit kurz geschorenen Haaren und neuem Namen will sie sich neu erfinden. Doch in der Einsamkeit der Hütte am Meer drängt sich ihr die Frage auf, ob sie durch Unwissen mitschuldig geworden ist. Nichts sehen, nichts hören John Boyne lässt Vanessa ihr Leben an der Seite ihres erfolgreichen Mannes Revue passieren. Brendan, der Schwimmtrainer, ist ein irischer Macho, der Vanessa ins Korsett einer traditionellen, katholischen Familie zwingt. Sie wird Mutter, bekommt zwei Töchter und scheint mit ihrem Hausfrauendasein zufrieden. Kleine Risse in der gutbürgerlichen Fassade…

Zwischen gestern und morgen
Reisebücher , Rezensionen / 29. September 2025

Die Philippinen: „Ein Land mit 7641 Inseln, über 300 Vulkanen und mehr als 170 Sprachen. Ein Land mit unzähligen Stränden und über 115 Millionen Einwohnern.“ Und Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Joscha Remus ist fasziniert von diesem Land im Fernen Osten. In seiner „Gebrauchsanweisung für die Philippinen“ gelingt es ihm, die Lesenden mit dieser Faszination anzustecken. Land der Gegensätze „Die Filipinos,“ schreibt er, „assimilieren mühelos Hochglanzwelt und Armenviertel, Chaos und Ordnung.“ Diese Aussage untermauert Joscha Remus mit vielen Beispielen aus dem filipinischen Alltag, der zwischen christlicher Tradition und amerikanischem way of life pendelt, zwischen Luxus-Malls und winzigen Lädchen. Aber auch zwischen animistischen Ritualen und KI. Sozusagen zwischen gestern und morgen. Krokodileis und Adidas-Hähnchen Selbst beim Essen kann man auf dem Philippinen Abenteuerliches erleben, Krokodileis zum Beispiel oder Adidas-Hähnchen (die Hühnerfüße mit den drei Krallen). Joscha Remus war viel unterwegs zwischen den Inseln, hat viel gefeiert mit den feierfreudigen Menschen, aber auch viel Armut gesehen. Kein Wunder, dass so viele Filipinas und Filipinos außerhalb ihrer Heimat arbeiten. Vor allem als Seefahrer sind die Männer begehrt. Sprechender Kussmund Man erfährt jede Menge Hintergründe zu Land und Leuten, zu Geschichte und Kultur in diesem lesenswerten Büchlein. Wer kennt schon den Kussmund als Richtungsangabe?…

Das Schweigen der Mutter
Rezensionen , Romane / 28. September 2025

Andrea Sawatzki ist eine beliebte Schauspielerin und eine erfolgreiche Drehbuchautorin. Doch ihre Kindheit war alles andere als glücklich. Nachdem sie sich in Brunnenstraße  mit der Demenz ihres Vaters auseinandergesetzt hat, versucht sie im neuen Roman Biarritz  eine Annäherung an die Mutter, von der sie sich als junges Mädchen im Stich gelassen fühlte. Problematische Kindheit Und wieder ist dieser Rückblick auf eine problematische Kindheit schmerzhaft ehrlich. Die Mutter, inzwischen ebenfalls in die Demenz abgeglitten, fristet in einem Pflegeheim ein kaum lebenswertes Rest-Leben. Emmi kann nicht mehr kommunizieren. Bei ihren meist von schlechtem Gewissen begleiteten Besuchen erinnert sich die Tochter Hanna an ein Leben im Schatten der Demenz zwischen Hoffnung und Verzweiflung – und an das Schweigen der Mutter zu den Problemen der Tochter. Opfer der  Sprachlosigkeit Daran, wie der Traum von einem glücklichen Familienleben zerplatzte, weil der Vater schon an Alzheimer erkrankt war, als er nach dem Tod seiner ersten Frau die Geliebte und seine Tochter zu sich holte. Daran, wie sie mit der Verantwortung für den dementen und oft aggressiven Mann überfordert war. Wie sie sich von der ebenfalls überforderten Mutter allein gelassen fühlte und mit Trotz, ja auch Gewalt gegen den hilflosen Vater reagierte. Die Mutter verschloss sich, weigerte…

Mutter und Sohn auf dem Jakobsweg
Reisebücher , Rezensionen / 24. April 2025

Tobias Schlegl ist kein Wanderfreak und doch ist er mit seiner Mutter 173 Kilometer auf dem Jakobsweg gewandert. Warum er sich das antut? Er tat‘s für seine Mutter und er hat es nicht bereut. Denn der Jakobsweg hat zwar beide an ihre Grenzen und manchmal auch darüber hinaus gebracht, er hat aber für auch neues Vertrauen zwischen Mutter und Sohn gesorgt. Der Camino provoziert Schnell muss der Notfallsanitäter Tobias Schlegl feststellen, dass diese lange Wanderung herausfordernder wird als er gedacht hat. Die Übernachtungen in überfüllten und wenig gastfreundlichen Hostels tragen dazu ebenso bei wie das Wetter und die Wegbeschaffenheit. Aber auch die eigene Stimmung wechselt. Beschert der eine Tag ein Stimmungshoch, kann der Start in den nächsten schon von schlechter Laune begleitet sein: „Der Camino provoziert extreme Stimmungsschwankungen. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? … Alles ist ambivalent, wie die Strecke eine große Wellenbewegung.“ Wechselbad der Gefühle Mal sind sich Mutter und Sohn so nah wie seit Jahrzehnten nicht, dann streiten sie wieder über Kleinigkeiten. Mal haben sie das Gefühl, der Weg mache die Menschen freundlich und zugewandt, dann wieder fühlen sie sich fehlt am Platz. Es ist ein Wechselbad der Gefühle, das Tobias Schlegl so ehrlich wie möglich…

Auf unsicherem Boden
Rezensionen , Romane / 3. April 2025

Clare Leslie Hall traut sich was: Ihr Roman „Wie Risse in der Erde“ ist eine dramatische Dreiecksgeschichte mit Krimi-Elementen. Und dank der meisterhaften Erzählkunst der Autorin ist das Wagnis auch gelungen. Diese Dreiecksgeschichte ist etwas ganz besonderes, spannend, herzzerreißend, sensibel. Es geht um Liebe und Leidenschaft aber auch um Verlust und Hingabe. Das ganze Drama spielt in einem Dorf im englischen Dorset. Da, wo die Häuser Augen und Ohren haben. Wo die Dorfgemeinschaft im Pub ihr Urteil fällt. Sommer der Liebe Als die 17-jährige Beth sich in Gabriel verliebt, den Sohn aus reichem Haus, bleibt auch das nicht verborgen. Doch die beiden sind jung, fühlen sich als Seelenverwandte und erleben einen unbeschwerten Sommer der Leidenschaft. Gabriels Mutter missbilligt die nicht standesgemäße Liaison. Und sie ist nicht ganz unschuldig an dem Missverständnis, das zum Bruch führt. Glück und Unglück 13 Jahre später lebt Beth mit ihrem Mann Frank auf dessen Farm. Es ist das Jahr 1968. Zusammen mit Franks Bruder Jimmy bewirtschaften sie den Hof, fühlen sich einander und den Tieren tief verbunden. Doch Beth leidet auch unter dem Tod des Sohnes Bobby, der bei einem Unfall auf der Farm ums Leben kam. Verhängnisvoller Schuss Und dann kommt Gabriel mit seinem…