John Boyne hat sich viel vorgenommen. Das neueste Projekt „Elemente“ des irischen Autors besteht aus vier Geschichten „Wasser“, „Erde“, „Feuer“ und „Luft“. Sie sind durch das Thema Missbrauch miteinander verbunden . Boyne hat sich vorgenommen, in jeder dieser Geschichten einen Aspekt des Missbrauchs zu beleuchten. Entsprechend ändern die Erzählperspektiven von einer „Enablerin“, die den Missbrauch durch Wegschauen erst ermöglicht, über die eines Komplizen und einer Täterin bis zu der eines Opfers. Schuldig durch Unwissen Im ersten Band „Wasser“ steht Vanessa Carvin im Mittelpunkt, eine Frau Anfang 50, die durch die Taten ihres Mannes ihr bisheriges Leben auf den Kopf gestellt sieht und sich den Folgen durch die Flucht auf eine abgelegene Insel zu entziehen sucht. Mit kurz geschorenen Haaren und neuem Namen will sie sich neu erfinden. Doch in der Einsamkeit der Hütte am Meer drängt sich ihr die Frage auf, ob sie durch Unwissen mitschuldig geworden ist. Nichts sehen, nichts hören John Boyne lässt Vanessa ihr Leben an der Seite ihres erfolgreichen Mannes Revue passieren. Brendan, der Schwimmtrainer, ist ein irischer Macho, der Vanessa ins Korsett einer traditionellen, katholischen Familie zwingt. Sie wird Mutter, bekommt zwei Töchter und scheint mit ihrem Hausfrauendasein zufrieden. Kleine Risse in der gutbürgerlichen Fassade…
Die Philippinen: „Ein Land mit 7641 Inseln, über 300 Vulkanen und mehr als 170 Sprachen. Ein Land mit unzähligen Stränden und über 115 Millionen Einwohnern.“ Und Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Joscha Remus ist fasziniert von diesem Land im Fernen Osten. In seiner „Gebrauchsanweisung für die Philippinen“ gelingt es ihm, die Lesenden mit dieser Faszination anzustecken. Land der Gegensätze „Die Filipinos,“ schreibt er, „assimilieren mühelos Hochglanzwelt und Armenviertel, Chaos und Ordnung.“ Diese Aussage untermauert Joscha Remus mit vielen Beispielen aus dem filipinischen Alltag, der zwischen christlicher Tradition und amerikanischem way of life pendelt, zwischen Luxus-Malls und winzigen Lädchen. Aber auch zwischen animistischen Ritualen und KI. Sozusagen zwischen gestern und morgen. Krokodileis und Adidas-Hähnchen Selbst beim Essen kann man auf dem Philippinen Abenteuerliches erleben, Krokodileis zum Beispiel oder Adidas-Hähnchen (die Hühnerfüße mit den drei Krallen). Joscha Remus war viel unterwegs zwischen den Inseln, hat viel gefeiert mit den feierfreudigen Menschen, aber auch viel Armut gesehen. Kein Wunder, dass so viele Filipinas und Filipinos außerhalb ihrer Heimat arbeiten. Vor allem als Seefahrer sind die Männer begehrt. Sprechender Kussmund Man erfährt jede Menge Hintergründe zu Land und Leuten, zu Geschichte und Kultur in diesem lesenswerten Büchlein. Wer kennt schon den Kussmund als Richtungsangabe?…
Andrea Sawatzki ist eine beliebte Schauspielerin und eine erfolgreiche Drehbuchautorin. Doch ihre Kindheit war alles andere als glücklich. Nachdem sie sich in Brunnenstraße mit der Demenz ihres Vaters auseinandergesetzt hat, versucht sie im neuen Roman Biarritz eine Annäherung an die Mutter, von der sie sich als junges Mädchen im Stich gelassen fühlte. Problematische Kindheit Und wieder ist dieser Rückblick auf eine problematische Kindheit schmerzhaft ehrlich. Die Mutter, inzwischen ebenfalls in die Demenz abgeglitten, fristet in einem Pflegeheim ein kaum lebenswertes Rest-Leben. Emmi kann nicht mehr kommunizieren. Bei ihren meist von schlechtem Gewissen begleiteten Besuchen erinnert sich die Tochter Hanna an ein Leben im Schatten der Demenz zwischen Hoffnung und Verzweiflung – und an das Schweigen der Mutter zu den Problemen der Tochter. Opfer der Sprachlosigkeit Daran, wie der Traum von einem glücklichen Familienleben zerplatzte, weil der Vater schon an Alzheimer erkrankt war, als er nach dem Tod seiner ersten Frau die Geliebte und seine Tochter zu sich holte. Daran, wie sie mit der Verantwortung für den dementen und oft aggressiven Mann überfordert war. Wie sie sich von der ebenfalls überforderten Mutter allein gelassen fühlte und mit Trotz, ja auch Gewalt gegen den hilflosen Vater reagierte. Die Mutter verschloss sich, weigerte…
Tobias Schlegl ist kein Wanderfreak und doch ist er mit seiner Mutter 173 Kilometer auf dem Jakobsweg gewandert. Warum er sich das antut? Er tat‘s für seine Mutter und er hat es nicht bereut. Denn der Jakobsweg hat zwar beide an ihre Grenzen und manchmal auch darüber hinaus gebracht, er hat aber für auch neues Vertrauen zwischen Mutter und Sohn gesorgt. Der Camino provoziert Schnell muss der Notfallsanitäter Tobias Schlegl feststellen, dass diese lange Wanderung herausfordernder wird als er gedacht hat. Die Übernachtungen in überfüllten und wenig gastfreundlichen Hostels tragen dazu ebenso bei wie das Wetter und die Wegbeschaffenheit. Aber auch die eigene Stimmung wechselt. Beschert der eine Tag ein Stimmungshoch, kann der Start in den nächsten schon von schlechter Laune begleitet sein: „Der Camino provoziert extreme Stimmungsschwankungen. Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? … Alles ist ambivalent, wie die Strecke eine große Wellenbewegung.“ Wechselbad der Gefühle Mal sind sich Mutter und Sohn so nah wie seit Jahrzehnten nicht, dann streiten sie wieder über Kleinigkeiten. Mal haben sie das Gefühl, der Weg mache die Menschen freundlich und zugewandt, dann wieder fühlen sie sich fehlt am Platz. Es ist ein Wechselbad der Gefühle, das Tobias Schlegl so ehrlich wie möglich…
Clare Leslie Hall traut sich was: Ihr Roman „Wie Risse in der Erde“ ist eine dramatische Dreiecksgeschichte mit Krimi-Elementen. Und dank der meisterhaften Erzählkunst der Autorin ist das Wagnis auch gelungen. Diese Dreiecksgeschichte ist etwas ganz besonderes, spannend, herzzerreißend, sensibel. Es geht um Liebe und Leidenschaft aber auch um Verlust und Hingabe. Das ganze Drama spielt in einem Dorf im englischen Dorset. Da, wo die Häuser Augen und Ohren haben. Wo die Dorfgemeinschaft im Pub ihr Urteil fällt. Sommer der Liebe Als die 17-jährige Beth sich in Gabriel verliebt, den Sohn aus reichem Haus, bleibt auch das nicht verborgen. Doch die beiden sind jung, fühlen sich als Seelenverwandte und erleben einen unbeschwerten Sommer der Leidenschaft. Gabriels Mutter missbilligt die nicht standesgemäße Liaison. Und sie ist nicht ganz unschuldig an dem Missverständnis, das zum Bruch führt. Glück und Unglück 13 Jahre später lebt Beth mit ihrem Mann Frank auf dessen Farm. Es ist das Jahr 1968. Zusammen mit Franks Bruder Jimmy bewirtschaften sie den Hof, fühlen sich einander und den Tieren tief verbunden. Doch Beth leidet auch unter dem Tod des Sohnes Bobby, der bei einem Unfall auf der Farm ums Leben kam. Verhängnisvoller Schuss Und dann kommt Gabriel mit seinem…
Ewald Arenz ist Lehrer an einem Nürnberger Gymnasium, bekannt geworden ist er vor allem als Romanautor. Seine „Gebrauchsanweisung für Franken“ ist ein launig-liebenswertes Porträt des Frankenlandes, in dem er aufgewachsen ist und in dem er heute noch lebt. „Ganz unbemerkt“ schreibt Arenz, habe er Franken „lieb gewonnen“. Historisches Erbe Von einem Autor wie ihm darf man mehr erwarten als eine platte Beschreibung. Und Ewald Arenz erfüllt die Ansprüche; seine Gebrauchsanweisung bleibt nicht an den touristischen Highlights hängen, stellt nicht nur Frankens Schönheiten aus wie ein Instagram-Post. Arenz beschäftigt sich mit dem historischen Erbe, wobei immer wieder die Hohenzollern ins Spiel kommen. Er lässt auch nicht die neuere Geschichte aus, in der Franken keine rühmliche Rolle gespielt hat. „In vielen fränkischen Orten liegen eine Menge historische Schichten aufeinander, und hell sind sie nicht alle“, schreibt er. „Das gehört dazu.“ Ehrenrettung für Fürth Doch trotz so mancher Schattenseiten, trotz des fränkischen Minderwertigkeitsgefühls gegenüber Oberbayern ist Franken für den Autor ein Schatzkästlein. Vor allem das unterschätzte Fürth, in dessen Nähe er lebt, hat „großartige Ensembles, die es so in ganz Süddeutschland nicht noch einmal gibt“. Aus Fürth kamen Henry Kissinger und Max Grundig, Gustav Schickedanz und Ludwig Erhard. Fürth, davon ist Arenz überzeugt,…
Nicola Förg gönnt ihrer pensionierten Ermittlerin Irmi Mangold keinen Ruhestand. Im neuen Irmi-Mangold-Krimi mit dem bezeichnenden Titel „Verdammte Weiber“ will die rastlose Ex-Kommissarin nicht an den Unfalltod einer Frau glauben, mit der sie gerade erst Freundschaft geschlossen hat – ausgerechnet bei einem Skikurs. Die Geburt der Gruppe 47 Die ehemalige freie Journalistin Cordula, genannt Coci, ist im Eis des Grüntensees eingebrochen. Jede Hilfe kam zu spät. Hatte jemand Interesse an ihrem Tod? Mit ihrer impulsiven Art hat sich Coci einige Leute zu Feinden gemacht, womöglich auch mit ihren Recherchen zum Leben und Sterben der Ilse Schneider-Lengyel. Die in Vergessenheit geratene Schriftstellerin hatte 1947 in ihrem Haus am Bannwaldsee ein Literaten-Treffen organisiert, bei dem sich die Gruppe 47 gründete. Die ungewöhnliche Gastgeberin ging als „Hex‘ vom Bannwaldsee“ in die örtlichen Annalen ein; angeblich starb sie verarmt im psychiatrischen Krankenhaus. Hatte Coci mehr über diesen rätselhaften Tod herausgefunden? Vernachlässigte Künstlerinnen Irmis Neugier ist geweckt. Und weil die Beziehung zum Ex-Kollegen Hase buchstäblich auf Eis liegt, nimmt sie sich eine Recherche-Auszeit. Zusammen mit einem schottischen Literaturstudenten macht sie sich auf Spurensuche, was Nicola Förg reichlich Gelegenheit gibt, über die Ungerechtigkeit der Kunstwelt gegenüber Frauen zu schreiben. Die Schriftsteller der Gruppe 47 haben ihre…
Ich mag Joel Dicker, ich mag auch seine komplex aufgebauten, nicht immer logischen aber stets spannenden Romane. Deshalb hatte ich mich auch auf das neue Buch „Ein ungezähmtes Tier“ gefreut. Doch diesmal hat mich der Autor enttäuscht. Der Roman wirkt wie mit heißer Nadel gestrickt. Womöglich liegen die stilistischen Brüche an der Übersetzung. Aber auch den handelnden Personen fehlt die Tiefe, sie bleiben schemenhaft. Figuren, deren Existenz nur dazu dient, dem Autor dabei helfen, die Lesenden in die Irre zu führen. Verwirrende Zeitsprünge Das ist schließlich seine Spezialität. Mit großer Lust arbeitet er in seinen Romanen an einem Labyrinth, aus dem er erst am Ende den Ausweg zeigt. Auch in diesem Roman ist nichts wie es scheint. Was schwarz war, wird weiß und umgekehrt. Grautöne gibt es kaum. In verwirrenden Zeitsprüngen nähert Dicker sich einer Aufklärung, die aufmerksame Leserinnen schon im deutschen Titel finden könnten. Ein Raubüberfall als Leitmotiv Doch der Weg dahin ist noch weit. Auf über 400 Seiten hat der französische Autor reichlich Gelegenheit, falsche Fährten zu legen. Worum es geht? Vordergründig um einen spektakulären Raubüberfall in Genf mit zwei Beteiligten, der im Buch zum Leitmotiv wird. Vor allem aber geht es um zwei Paare, die zufällig über…
„Die Sehnsucht nach Leben“ will Andreas Altmann in seinem neuen Buch mit gesammelten Reportagen verhandeln. Aber natürlich spielt auch da die Sehnsucht nach Liebe mit hinein. Sein Buch erzählt von Frauen und Männern, die „ich beneide und bewundere“. Schließlich hält es der Globetrotter Altmann mit Soeur Emanuelle, die er eingangs zitiert: Le paradis, c‘est les autres – Das Paradies, das sind die anderen. Oben das Geld, unten das Volk Das Leben ist für ihn ein „einmaliges, einzigartiges Geschenk“ und die Liebe zum Leben die „Mutter aller Sehnsüchte“. Diese Sehnsucht stillt Andreas Altmann auf seinen vielen Reisen, bei denen er sich nicht davor scheut, in menschliche Abgründe zu tauchen. Seinem kritischen Auge entgehen auch nicht die sozialen Brüche in glamourösen Städten wie Acapulco: „Oben das Geld, unten das Volk“. Natürlich war es auch schon früher so, im niederländischen Batavia etwa, dem heutigen Jakarta, wo im Keller des ehemaligen Rathauses die Beherrschten vegetierten und drüber die Herrschenden sich in ihren Himmelbetten suhlten. Warnung vor Rassismus Es sind nicht immer Gentlemen, die Andreas Altmann zu seinen Mini-Porträts inspirieren. Es sind Emporkömmlinge wie Du Yuesheng, Mafiosi wie Al Capone, Glücksritter wie Teddy Stauffer. „Sittliche Entrüstung“ ist Altmanns Sache nicht, auch wenn es um Bordelle…
Der Roman „Im Warten sind wir wundervoll“ beruht auf einer wahren Geschichte, schreibt die Autorin Charlotte Inden im Anhang. Ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1948 über eine „War Bride“ habe sie inspiriert. Berichtet wurde von einer „Kriegsbraut“, die sich mit einem in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten verlobt hatte. Mit dem „War Brides Act“ ermöglichten die USA diesen jungen Frauen eine kurze Zeit lang die Einreise. Die Frau im Artikel wurde nicht abgeholt. Dafür bekam sie jede Menge Heiratsanträge. Karriere als „paper girl“ Charlotte Inden hat um diese Geschichte herum einen doppelten Liebesroman gewoben. Luise Adler heißt die gestrandete Deutsche in ihrem Roman, eine zarte, blonde Loreley mit eisernem Willen. Den braucht sie auch, um sich in der kargen Nachkriegszeit durchzusetzen. Luise will eine Zukunft, studieren. Deshalb braucht sie dringend einen Job. Und dabei helfen ihr die amerikanischen GI‘s Joseph Hunter und Henry Wilson. Mit ihrem Rad ist das Mädchen mobil und kann die Zeitung „Stars and Stripes“ ausfahren. So wird Luise das erste „paper girl“ in Deutschland und Hunter ihr Betreuer – und der Mann ihres Lebens. Eine Chance für die Liebe Doch die Zeiten sind hart, nicht alle Deutschen können sich vorstellen, die ehemaligen Feinde zu lieben. Man hat…