Vom Glück der Einfachheit

23. Dezember 2021

Der Journalist Peter Hinze hat sich in die Gegend von Upper Dolpo verliebt, als er sie auf seinem „Great Himalaya Trail“ kennengelernt hat. 1864 Kilometer in 87 Tagen ist er 2017 gelaufen, quer durch Nepal. Weil Upper Dolpo „die Krönung“ seines Laufs war, hat sich der Trailrunner noch einmal auf den Weg gemacht. Hat sich auf Spurensuche begeben nach dem Glück. Danach, wie die Menschen in scheinbar gottverlassenen Höhen ihr hartes Leben meistern.

Gefährdete Kultur

Hinze hat sich mit gelebten Traditionen und einem unerschütterlichen Glauben auseinandergesetzt. Er hat Zufriedenheit kennengelernt, die auf Gelassenheit, Demut und Achtsamkeit beruht – und auf Gemeinschaft. Aber er musste auch erfahren, dass all das die Menschen nicht vor Tragödien schützt. Und er ahnt immer mehr, wie gefährdet diese Kultur durch die Errungenschaften der Neuzeit, den Einfluss Chinas und den Klimawandel ist. „Der Himalaya mag weltweit ein einzigartiges Image haben, in der Region selbst kann kaum jemand allein damit seinen Alltag bestreiten“, schreibt er in dem eindrucksvollen Buch „100 000 Schritte zum Glück“.

Kein Shangri-La

In 13 Kapiteln lädt er die Lesenden dazu ein, ihm in das Hochtal zu folgen, mit ihm die Mühen des Aufstiegs zu erleben, Regen, Schnee und Eiseskälte aber auch Gastfreundschaft und Großherzigkeit. Nein, Upper Dolpo ist nicht das Shangri La der Literatur, zu karg ist die Landschaft, zu rau das Klima, zu extrem der Kampf ums Überleben. Aber auf seiner Wanderung hat der Autor doch so etwas wie Glück gefunden – und Freunde fürs Leben.

Hilfe im Kampfs ums Überleben

„Seit Jahrhunderten kämpfen die Dolpo-pa um ihr eigenes Überleben. Krankheiten, Hungersnöte, Abschiede und auch Pandemien gehören zu ihrem Alltag“, schreibt Hinze und zitiert einen Freund: „Wir haben genug zu essen, wir haben genug zum Anziehen – warum sollten wir nicht glücklich sein.“
Um diesen Menschen ihr hartes Leben wenigstens ein bisschen leichter zu machen, hat Hinze das private Dolpo Project gegründet, das den Bau von Mikro-Gewächshäusern für bedürfte Familien unterstützt. Und mit seinem reich bebilderten Buch setzt er dem Upper Dolpo und seinen so außergewöhnlichen Menschen ein literarisches Denkmal.

Hineingelesen…

… in das Drama der Bibliothek

Für Samdup und mich wird die Bibliothek ausnahmsweise geöffnet. Und so gelingt uns für eine halbe Stunde ein unglaublicher Einblick in eine einzigartiges Stück Himalaya-Geschichte. Doch meine Begeisterung wird erheblich getrübt, denn die Bibliothek befindet sich zwar in einem ordentlichen Zustand, doch der Nesar -Tempel sieht stark beschädigt wie eine Baustelle aus, was mir später Lama Tenzin Gyaltsen Rinpoche so erklärt: „Wir hatten vor einigen Jahren einen Wassereinbruch. Das Dach ist an vielen Stellen undicht. Der Schaden ist enorm.  Auch viele Bücher wurden beschädigt . Und dann fraßen Ratten die Papiermanuskripte an. Wir bräuchten mindestens 50 000 US-Dollar um das Kloster zu retten. Ich mache mir auch große Sorgen um meine Familie. eines Tages werden wir vielleicht überfallen, ermordet und die Bücher gestohlen. Es ist schrecklich. Es wäre schon gut, wenn wir mehr Mönche wären, doch in diese Abgeschiedenheit kommt niemand freiwillig.“
Ich kenne das Problem und die Gefahren für die Zukunft dieser einzigartigen Berglandschaft aus anderen Himalaya-Regionen: die wachsende Abwanderung der Jugend, der große Mangel an Nachwuchs in den meisten Klöstern, die Folgen des Klimawandels, die Gefahr von Bergseen infolge der Gletscherschmelze, mangelnde finanzielle Ressourcen, eine extreme Zunahme von Straßenbauprojekten und der ungewisse Einfluss des Nachbarn China. Der Himalaya mag weltweit ein einzigartiges Image haben, in der Region selbst kann kaum jemand allein damit seinen Alltag bestreiten.
Als wir wieder unter freiem Himmel stehen, zeigt Chandra Gurung Richtung Norden: „Hinter dem Nesar-Tempel ist ganz in der Nähe ein Steilhang nach dem vielen Regen abgerutscht und gefährdet Häuser.  Jetzt spüren auch wir die Folgen des Klimawandels.  Früher gab es so etwas nie.“ Im Gegenteil: Früher trugen Mönche einen Teil der Bücher regelmäßig durch das Dorf, um die Götter um Regen zu bitten. Längst können die Bücher im Schrank bleiben.

Info Peter Hinze. 100 000 Schritte zum Glück, National Geographic, 192 S., 22,90 Euro, ISBN 978-3-866907782

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