Aus dem Gleichgewicht

18. März 2021

Bipolar umschreibt ein Krankheitsbild, eine psychische Störung, die dazu führt, dass die Stimmung zwischen himmelhochjauchzend und am Boden zerstört schwankt. Das Leben ist aus dem Gleichgewicht geraten. Marilu, die Namensgeberin des Romans von Tania Witte, ist bipolar. Und ein typischer Fall. Denn solche Menschen können in der manischen Phase durchaus charismatisch auf andere wirken und sie auch manipulieren, während sie in der depressiven Phase von Selbstmordgedanken heimgesucht werden.

Seelenverwandte in der Krise

Im Spannungsfeld zwischen Euphorie und Trübsinn fällt es ihnen aber auch schwer, ein „normales“ Leben zu führen. Elli lernt Marilu in einer psychiatrischen Klinik kennen, in der sie wegen eines unüberwundenen Traumas behandelt wird: In problematischen Situationen „versteinert“ sie buchstäblich. Die beiden Teenager erkennen einander als Seelenverwandte und schließen eine tiefe Freundschaft, die in einem Schwur unterm Sternenhimmel gipfelt. Doch Elli überwindet ihre Krise, findet Halt bei ihrem Freund Tom und will am liebsten alles hinter sich lassen – auch Marilu.

Ein Rennen gegen die Zeit

Doch sie hat die Rechnung ohne die Freundin gemacht. Marilu will sich nicht abfinden mit der Entfremdung und lockt Elli mit einer nur leicht verhüllten Selbstmorddrohung auf eine gefährliche Schnitzeljagd. Begleitet werden soll sie dabei von Marilus jüngerem Bruder Lasse. Beide, so versprechen es Marilus kryptische Schreiben, könnten zu Lebensrettern werden – wenn sie die Aufgaben bis zu einem vorgegebenen Zeitpunkt lösen. Es beginnt ein Rennen gegen die Zeit, das Tania Witte hoch spannend inszeniert hat.

Herausfordernd bipolar

Ohne die Hilfe von Ellis Freund Tom und der Kletterpark-Frau Jenny wären Marilus wahnwitzige Aufgaben nicht zu schaffen. Am Schluss sind es vier Freunde gegen die Zeit. Und Marilu? Da bleibt vieles offen. Denn eine bipolare Störung lässt sich zwar durch Medikamente abmildern aber nicht heilen. Eine Tatsache, die das Zusammenleben zu einer Herausforderung macht, wie Marilus Bruder Lasse weiß. Tania Witte zeigt in ihrem bemerkenswerten Roman aber auch, dass sich jede Anstrengung lohnt. Dass bipolare Menschen im Alltagsgrau Farbtupfer sein können. Ein wichtiges Buch nicht nur für Jugendliche.

Hineingelesen…

… in Marilus Welt 

Marilus Pupillen waren so geweitet, dass selbst Tom, der wenig bis nichts vom Verlauf einer manischen Phase wusste, begreifen musste, dass er gerade eine sah. In voller Blüte. Marilu wirkte wie einer dieser Feuerwerkskörper, die auf der Straße kreiseln und dabei Funken versprühen. So hyper hatte Elli sie nie erlebt, ein Seitenblick zu Lasse allerdings verriet ihr, dass ihm dieses Verhalten schmerzhaft vertraut war. „Scheiße“, murmelte er. „Scheiße“.
„Lasse, geliebtes Bruderherz. Du lebst noch! Stell dir vor, trotz des Balkongeländers, du lebst! Hättest du das gedacht, als du draufgeklettert bist? Ich wette, du hast gedacht, edein Herz bleibt stehen, aber was ist passiert? Was, Lasse? Ich sag‘s dir: Nichts! Nichts. Hast du das gefühlt, dieses High, wenn das Adrenalin nachlässt. Ist es nicht fat-tas-tisch? So fühlt sich Leben an, ich schwör‘s! Und das Leben lebt von diesen Momenten, stretch your comfortzone! Hach, ich bin stolz auf euch! Ich liebe euch so, alle beide, am allerliebsten würde ich euch verkuppeln, ihr wärt das ideale Paar, ich darf gar nicht an eure Kinder denken, das wären echte Zuckerwürfel geworden!“
Zuckerwürfel? Elli spürte Toms Hand in ihrer und wie er sich verkrampfte. Was Marilu da von sich gab, war wirklich mehr als daneben. Selbst wenn das Gesicht auf dem Bildschirm zwinkerte und nachschob: „Guck nicht so verstört, ich werd ja wohl träumen dürfen“…
Erstmal müsst ihr mich verstehen, meine Allerliebsten. Und ihr seid mir beide einen Schritt nähergekommen, den nächsten müsst ihr gemeinsam machen und er führt euch noch dichter an Abgründe.“
In Elli verknotete sich etwas und der bedeutungsschwangeren Pause nach zu urteilen, die Marilu nach „Abgründe“ einlegte, war sie sich der Wirkung des Wortes auf Elli überaus bewusst. Trotzdem fuhr sie ungerührt fort: „Die letzten beiden Tage waren ein Vorgeschmack auf mein Leben, das Adrenalin, der Kick, das High, die Dunkelheit. Versteht ihr? Knick,knack?“

Info: Tania Witte. Marilu, Arena,285 S., 15 Euro

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