Doppelter Boden mit Fallstricken

27. Juli 2019

Marlene Steeruwitz macht es ihren Lesern nicht leicht. Ihr neuer Roman „Flammenwand“ wird durch einen Anhang ergänzt, der eine Chronik politischer Ereignisse in Österreich vom 19. März bis 9. Oktober 2018 enthält. Diese Chronik soll den Roman ergänzen, sorgt aber eher dafür, dass die Leser aus dem Konzept geraten. Und das ist gerade in dem Roman, der strikt dem Gedankenfluss der weiblichen Hauptfigur folgt, fatal.

Die Wiederholung des Missbrauchs

Diese Adele, eine 50-jährige Frau aus Wien, die in Stockholm gemerkt hat, dass ihr deutscher Liebhaber Gustav sie betrügt, hängt irgendwie in der „Flammenwand“ fest. Das heißt, sie kommt nicht mehr heraus aus dem Grübeln über das Scheitern dieser Beziehung, die in Berlin begonnen hatte. Und so erfahren die Leser in der für Marlene Steeruwitz typischen Stakkato-Sprache nicht nur, das Gustavs vorgegebene Impotenz Adele zu einem passiven Opfer degradiert hat, sondern auch, dass sie von ihrem kriegsversehrten Vater missbraucht wurde und Gustavs Manipulationen an ihrem Körper wie eine Wiederholung dieses Missbrauchs empfand.

Die Chronik als Kommentar

Man muss sich einlesen in diese Ein-, Zwei-, Dreiwortsätze, die oft weder Subjekt noch Objekt kennen. Muss versuchen, dieser Adele in die dunklen Winkel ihrer Erinnerungen zu folgen und darf dabei nicht den doppelten Boden aus den Augen verlieren. Denn die Chronik im Anhang ist so etwas wie der Kommentar zu Adeles Handlungen.
„Sie hatte dieses Karenzjahr schon lange geplant gehabt. So konnte sie jetzt vor der rechtsradikalen Regierung flüchten. Er lebte in Berlin. Sein Arbeitsaufenthalt in Stockholm war ein Glück. Hier. Hier konnte sie schlafen. Hier wollte niemand die alten Strafen einführen. In Wien. Zuerst einmal hatte diese Regierung die Noten für Schulkinder wieder eingeführt.“

Es geht um das große Ganze

Steeruwitz geht es um nichts weniger als um das große Ganze – von der Migration über den erstarkenden Rechtspopulismus bis zu den Verheerungen durch den Krieg und die Zumutungen der Kirche.
„Und Schlachthaus. Das war das was da wieder sein sollte. Nicht nur in ihrem Land. In der ganzen Welt. Die Tore. Sie wurden wieder aufgemacht. Die Wege dahin neu erklärt. Und niemand schämte sich. Das Schlachthaus war anerkannt. In der Sprache… Keine Person. So ein Migrant. Die Migrantin. Menschenrechte.“
Vielleicht erklärt das auch, warum sich Adele den bunten Rock und das Kopftuch einer Roma umbindet und sich so nicht nur solidarisiert mit einer gesellschaftlich geächteten Gruppe, sondern sich auch als Opfer outet.

Das Geschäft der Rechten

Es gibt viele Fragezeichen zu diesem abgehakten Textfluss. Steeruwitz stellt die großen Fragen unserer Zeit, aber ihre Adele bleibt egozentrisch auf sich selbst bezogen und unfähig zum Handeln. Für die Autorin steht sie wohl symbolisch für viele:
„So. Unbedeutend. So wollte man Personen wie sie haben. Hochausgebildet. Viel durchschauend. Deshalb gute Fachkräfte. Motiviert daraus. Unerfüllt. Aus das Motivation im Job. Aber genug behindert im Privaten., kein politischer Faktor werden zu können. Sie alle. Heerscharen von Mittelklasse… Antisolidarisch das Geschäft der Rechten erledigend.“

Wütende Abrechnung mit Patriarchat und Politik

Es ist eine anstrengende Lektüre, die Marlene Steeruwitz ihren Lesern zumutet, eine wütende Demontage des Patriarchats und der – zur Entstehungszeit des Romans aktuellen – österreichischen Politik, angeführt vom „Bundeskanzlerbub“. Wer dran bleibt, wird sich noch länger mit der Gedankenwelt Adeles auseinander setzen. Und das ist auch gut so.
Info: Marlene Steeruwitz. Flammenwand, S. Fischer,415 S., 22 Euro

 

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