Mexikanische Schattenwelten

8. Oktober 2021

Ich bin mir nicht sicher, ob J.R. Bechtle mit „Der Schatten von Tulum“ einen Abenteuer- oder nicht doch eher einen Fantasy-Roman geschrieben hat. Alles beginnt eher realistisch mit dem deutschstämmigen Investment-Banker Jake Friedman, der im Zenit seiner Karriere steht. Gerade deshalb plagen den Spezialisten für das Mexiko-Geschäft Abstiegsängste. Beflügelt werden sie durch einen milliardenschweren Mexikaner, der Friedman auszutricksen droht.

Eine rätselhafte Entführung

Doch noch gehören er und seine Frau Sharon zur New Yorker Society. Bis Friedman in Mexiko nach einem heftigen Streit mit seinem Geschäftspartner Opfer einer Entführung wird. Kollegen und Familie vermuten dahinter handfeste geschäftliche Interessen. Auch Friedmann sieht sich lange als Opfer einer Intrige.

Der Hippie Harry Simms

Doch dann wallen Erinnerungen auf – an eine längst vergangene Episode in Tulum. Damals, als er das Leben noch vor sich hatte. Als er sich Harry Simms nannte, sich als Hippie fühlte und unsterblich in die junge Indigene Rosha verliebte. Als er sich im LSD-Rausch selbst verlor. Erinnerungen an den zerzausten Weisen, der immer wieder seinen Weg kreuzte, an ein Versagen, das er lange verdrängt hat.

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

In der Realität wird dem Entführten klar, dass seine Vergangenheit dabei ist, ihn einzuholen und die Gegenwart dagegen keine Chance hat. Harry Simms ist wieder zum Leben erwacht – in Fieberträumen. Was ist Zufall, was ist Wahn? Wirklichkeit? Wahrheit? Friedman taumelt zwischen den Interpretationsebenen – und die Leserin mit ihm. War am Ende alles inszeniert?

Maya-Mystik und Midlife-Crisis

Das alles liest sich manchmal spannend, oft aber auch zu esoterisch verschwurbelt und zwischendurch auch verkitscht, vor allem bei den Sex-Szenen. Da tut es Bechtle nicht unter Superlativen wie „Sie bietet ihm den schönsten Körper der Welt“ oder „Nie war er in einem so wunderbar warmen weichen Körper aufgegangen“ und schließlich „Durch sie hatte sich ihm endgültig das Rätsel von Tulum offenbart.“
Alles ein bisschen viel Maya-Mystik. Worum es eigentlich geht, ist mir am Ende nicht ganz klar: Womöglich nur um einen Mann in mittleren Jahren auf dem Selbstfindungstrip.

Hineingelesen…

… in Friedmans Rückkehr

„Aber dieser Harry Simms, den muss es doch geben!“
„Es hat ihn nie gegeben, außer in meiner Erfindung.“
Als er Harry Simms verleugnet, nimmt er sich die Möglichkeit, über damals zu sprechen, sein Erlebnis in Tulum, über Rosha und den Sohn von Harry Simms, von dem er bis vor kurzem selbst nichts gewusst hat. Auf diese Weise zusammenzuführen, was letztlich zusammengehört. Und damit den nächsten Abschnitt seines Lebens, seine zweite Möglichkeit auf einer neuen Basis einzuleiten. Zu überraschend kam die Frage seines Sohnes. Er lässt die Chance ungenutzt verstreichen und läuft einmal mehr vor seiner Verantwortung davon. Als bestünde für den Sohn und für Rosha kein Platz in seinem New Yorker Leben. Ober er es wahrhaben will oder nicht. Damit behält alles so, wie es ist, seine Richtigkeit.
Es dauert, bis er die seltsame Scheu, die er seit seiner Rückkehr vor Sharon empfand, überwunden hat. Als müssten sie sich erst wieder neu kennenlernen. Auch Sharon scheint sich zurückzuhalten, will ihn nicht bedrängen, ein eigentlich ganz natürliches Verhalten, vielleicht hat sie sich auch Rat geholt, wie sie mit ihm umzugehen hatte, nach diesem Schock.
Früher, wenn er und Sharon sich liebten, hatte er nie die Augen geschlossen, im Gegenteil, ihre Erregung zu beobachten hatte ihn selbst noch zusätzlich erregt. Wenn er nun unbewusst die Augen schließt, taucht unvermutet Rosha in seinem geistigen Bild auf: Roshas sonniger Körper, dem er sich hingibt. Er schläft mit Sharon in einer neu erweckten Leidenschaft und fühlt sich gleichzeitig wie ein Betrüger, wenn er hinter geschlossenen Augen Rosha verführt oder sich von ihrem geheimnisvollen Zauber verführen lässt. Er benutzt Sharon, um mit Rosha zu schlafen. Die Traumwelt wird zur Wirklichkeit. Nie war er näher mit Rosha zusammen als jetzt nach seiner Rückkehr aus dem Dschungel, als lebe sie unberührt von der Vergänglichkeit der Zeit in ihm weiter und biete ihm ihren ewig jungen Körper mit seiner samtig weichen Haut. Mit Vernunft hat das nichts zu tun, so viel weiß er selbst.

Info J.R. Bechtle. Der Schatten von Tulum, Frankfurter Verlagsanstalt, 378 S., 24 Euro

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