Palermo unter der Oberfläche

3. Dezember 2021

Roberto Alajmo ist in Palermo geboren. Er hat als Journalist über Politik und Kultur in Sizilien geschrieben – und auch diesen „sogenannten Reiseführer“, wie er das Buch „Palermo ist eine Zwiebel“ nennt. Gerichtet ist dieser inzwischen aktualisierte Führer an einen anonymen Palermo-Besucher, dem Alajmo die Augen öffnen will für die Schönheit und die Hässlichkeit seiner Stadt. Denn für den Schriftsteller vereint Palermo Gegensätzliches wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde, ist zart und grausam zugleich, Stadt der Mafia und der Mafiajäger.

Das Palermo der Klischees

Wer die zwölf Kapitel dieses ungewöhnlichen Reisebuchs liest, wird mit vielen Klischees zu Palermo konfrontiert – und damit, wie falsch sie sind. „Früher oder später musst du dich der Stadt stellen“, ermuntert Alajmo den anonymen Besucher – ob mit dem Auto, dem Rad oder womöglich mit einer Lapa, der sizilianischen Ape-Variante. Und dann geht es hinein ins pralle Palermo-Leben – mit Plastik-Pagoden und kariösen Häusern, mit Müll und Mafia, Totenkult und Siesta aber auch mit dem Sonnensystem der Konditoreien und den arabisch-normannischen Spuren.

Widersprüche und Extreme

Man liest vom „zufriedenen Pessimismus“ der Palermitaner, vom „kreativen Bauwesen“ am Strand, von Schattenreichtum und dem Elend des Adels. Schließlich La Kalsa, das von den Bomben der Alliierten weitgehend zerstört wurde und wo sich „Hühner, Hunde und Menschen bis heute den Lebensraum teilen“. Für Alajmo ist dieses Stadtviertel eine Metapher für die ganze Stadt mit all ihren Widersprüchen: „Hier treffen alle Extreme aufeinander und existieren zugleich mit ihrem Gegenteil.“

Zwiespältige Schönheit

Zum guten Schluss gibt der Autor doch noch ein paar Schönheiten und Besonderheiten von Palermo  preis, die den unbekannten Besucher aus der Reserve locken sollen – und die Lesenden gleich mit: Die Palatinische Kapelle im Normannenpalast etwa oder auch die Kathedrale, wo an einer Säule ein Koranzitat zu finden ist. Natürlich gibt es noch viel mehr, was sehens- und erlebenswert ist in dieser Stadt, die wie eine Zwiebel ist. Aber dazu muss man diese Zwiebel schälen, um unter die Oberfläche sehen zu können. Dieses Buch hilft beim Schälen der Zwiebel und beim Entdecken einer zwiespältigen aber umso interessanteren Stadt.

Hineingelesen…

… in die Zwiebel Palermo

Der Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II hat einmal gesagt, die ganze Insel komme ihm vor wie eine Zwiebel, weil sie aus mehreren Häuten bestehe. Immer wenn man eine geschält hat, ist eine neue darunter, die auch geschält werden muss. Er hatte recht. Die Insel ist so. Die Stadt ist so. Du kannst sie so nehmen wie sie ist, mit ihrer äußeren Haut. Sie sieht schön aus in ihrer exzentrischen Vollkommenheit. Das ist eine Zwiebel, ohne Frage. Du kannst die Beschreibung, die man dir von ihr gegeben hat, für bare Münze nehmen und dich damit begnügen. Du kannst aber auch versuchen, die äußere Haut abzulösen, dann wirst du wieder eine Zwiebel haben, wenngleich in Farbe und Form leicht verändert. Du kannst das untere und das obere Ende abschneiden um dein Vorhaben zu erleichtern. Jetzt könntest du Probleme bekommen, weil die Zwiebel dich zum Weinen bringt. Du weinst, ohne gerührt zu sein, es ist ein bedingter Reflex. Entschuldige, das ist eine Binsenweisheit. Schält man eine Zwiebel, fängt man irgendwann an zu weinen.
Die erste Haut sollte entfernt werden, weil sie immer etwas zu grob ist um bekömmlich zu sein. Mach weiter. Darunter ist wieder eine, die schon etwas besser aussieht und noch heller ist. Damit könntest du deinen soffritto zubereiten, falls du einen soffritto machst (gehackte, in Öl oder Butter angebratene Zwiebeln, oft zusammen mit Karotten oder Sellerie). Wenn du die Zwiebel jedoch für einen Salat brauchst empfiehlt es sich, auch diese Haut zu entfernen. Jedenfalls überwiegt fast immer die Neugier, und man macht weiter, Schicht für Schicht. Du schälst die Zwiebel also weiter und lässt dich jedes Mal von einer neuen Nuance in rosigem Weiß, die du enthüllst überraschen, Keine der abgeschälten Häute ändert etwas an der Substanz der Zwiebel. Eine Zwiebel war sie vorher und eine Zwiebel ist sie weiterhin, obwohl sie inzwischen eine feinere Zwiebel mit wesentlich zarteren Eigenschaften ist. Du schälst noch eine Haut ab und noch eine Im Licht jeder neuen Schicht, die du freilegst, erscheint dir die vorangegangene als recht grob. Hättest du dich mit dieser zufriedengegeben, hättest du etwas falsch gemacht, weil dir die darunter in ihrer Zartheit noch reiner vorkommt. Bis du irgendwann glaubst, das perfekte Kernstück der Zwiebel herausgeschält zu haben. Die Zwiebel der Zwiebel. Das Konzentrat des Konzentrats des Konzentrats der Zwiebel. Doch da ist noch ein hauchdünnes Häutchen, das du entfernen könntest und ein zwanghafter Perfektionismus treibt dich dazu, auch das, was sich darunter befindet, noch zu enthüllen. Du entfernst es mit äußerster Sorgfalt und entdeckst, dass darunter gar nichts mehr ist. Eine Schicht vorher war da noch eine Zwiebel, eine höchste perfekte Zwiebel, und eine Schicht später ist da nichts mehr… Denn die Zwiebel hat keinen Kern, den du zum Beispiel wieder aussäen könntest. Die Zwiebel ist also gewissermaßen unwiederholbar. Und sie zu häuten endet immer damit, dass sie sich verliert.
Genauso solltest du die Dinge betrachten, die du über die Stadt weißt.

Info  Robert Alajmo. Palermo ist eine Zwiebel, Wagenbach, 175 S., 13 Euro

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