Sprung ins Ungewisse

8. Oktober 2019

Simone Lappert hat ein Faible für Menschen, die anders sind. Das prägte schon ihren Erstling „Wurfschatten“. Auch die Protagonistin ihres neuen Romans Der Sprung, Manu, kommt mit dem normalen Alltag nicht zurecht, grenzt sich selber aus. Mit Finn, dem Fahrradkurier, ist das anders, den kann sie lieben, solange er nicht zu neugierig ist. „Das mag ich nicht, wenn du mich so ansiehst,“ sagte sie. „So in mich rein. Warum müssen mich nur ständig Leute so ansehen, so seltsam. Als wäre meine Biographie ein Dachboden, auf dem man herumwühlen und interessante Sachen finden kann.“

Der Sprung und die Gaffer

Und dann ist es Manu, die alle diese Leute in Atem hält, weil sie auf dem Dach steht und zu springen droht. Simone Lappert hat ein paar von ihnen herausgepickt und betrachtet sie näher: Die verbitterte Witwe, die die Polizei ruft und damit das Drama erst in Gang setzt. Das alte Ehepaar mit dem traurigen kleinen Laden, der seine besten Zeiten hinter sich hat und der plötzlich brummt, weil die Frau auf dem Dach die Gaffer anzieht. Die Schülerin, die sich aus ihrer Rolle als Mobbingopfer befreien will. Die zweifach betrogene Frau, die ihr Leben neu planen muss. Der menschenfreundliche Obdachlose. Die Lokalpolitikerin, die um ihren Wahlerfolg fürchtet, weil Manu ihre Halbschwester ist.  Sie alle fallen irgendwie aus ihrer Alltagsroutine. Eine kleine, nette Nebenrolle in diesem Ereignis-Reigen spielt ein Hut, der seinem Schöpfer eine unerwartete Karriere beschert. Und dann ist da Manu selbst, ein Mädchen, das immer seinen Kopf durchgesetzt hat und an seiner eigenen Kompromisslosigkeit zu scheitern droht.

Strenge Rollenverteilung

Simone Lappert hat ihr Romanpersonal streng auf bestimmte Rollen festgelegt, auf Sympathieträger und Unsympathen. Und darin stecken sie alle fest, eine echte Entwicklung findet nicht statt. Für Spannung sorgt weniger ihr – womöglich neuer – Lebensweg, sondern  vor allem die Frage, ob Manu nun springen wird oder nicht. Trotzdem beschert der Roman den Lesern so manchen Erkenntnis-Moment – und das auf durchaus unterhaltsame Weise.
Info: Simone Lappert. Der Sprung, Diogenes, 331 S., 22 Euro

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