Blick zurück im Zweifel
Allgemein / 9. Oktober 2026

„Freunde von früher“ heißt der Roman von Micha Lewinsky, in dem er sich mit dem Älterwerden auseinander setzt, mit den Kompromissen des Erwachsenwerdens und dem Idealismus von früher. Früher, das war die Zeit, als Béla und seine Freunde jung und wild und neugierig waren. Als das Leben noch vor ihnen lag – mit all seinen Möglichkeiten. Damals lebten Serdar, Béla, Kim und Sabine in einer Zürcher Wohngemeinschaft. Eine Zeitlang fand auch der wohnungslose Lexi dort Unterschlupf. Der tote Freund und das Haus Lexi ist schon lange tot, nur die Palme, die er als Setzling eingepflanzt hat, lebt. Und die WG-Freunde. Doch während Lexi für immer so im Gedächtnis von Béla lebt, wie er damals war, haben sich die Freunde verändert so wie er selbst. Jetzt – als 50-Jährige – wollen sie vielleicht das Haus kaufen, in dem sie vor 30 Jahren wohnten. Nicht aus Nostalgie. Sie sind ja auch nicht mehr dieselben wie mit 20 Jahren. Sie sind etabliert. Konfrontation mit der Gegenseite Als sie die Wohnungen im Haus besichtigen, begegnen sie auch einer neuen, jungen WG und fühlen sich plötzlich alt. Sie sind auf die Gegenseite gewechselt, auf die Seite des Kapitals: „Wir werden Immobillionäre, flüstert Kim, und alle…

Der letzte Pieks
Allgemein / 19. August 2026

Helme Heine hat schon immer zu meinen Lieblingsautoren gehört. Die Fünf Freunde wurden auch meine Freunde ebenso wie Prinz Bär oder Mullewapp. Ich habe auch sein Neuseeland-Buch gern gelesen. Und wenn ich jetzt durch dieses zauberhafte Bilderbuch über das kleine Igelmädchen Pieks blättere, dann trauere ich um diesen feinfühligen Künstler, der soviel Freude geschenkt hat. Wehrhafte Stacheln Helme Heines Herz schlug immer für die Kleinen, die man leicht übersehen konnte. Er machte sie stark und mutig – wie Pieks. Auch wenn es klein ist,  hat das Igelmädchen vor niemandem Angst. Denn seine Stacheln schützten es. Aber dann beraubt ein Auto es seiner wehrhaften Stacheln – bis auf einen einzelnen. Leichte Beute Nackt und hilflos sucht Pieks Rat bei den anderen Tieren. Wie soll sie sich denn künftig gegen die großen Tiere behaupten so ganz ohne Stacheln? Die Ratschläge sind denn auch eher untauglich. Und so wird die kleine Pieks zur leichten Beute für den Fuchs. Es gelingt ihr zwar, den hungrigen Räuber mit Geschichten über ihre verlorenen Stacheln einzulullen und zu fliehen. Auch als der Fuchs sie fast eingeholt hat, kann Pieks ihm entwischen. Doch dann muss sie eine schwere Entscheidung treffen. Denn der Räuber hat sich ein Baby gegriffen…

Wie lebt man ein Leben?
Allgemein / 16. August 2026

Wie kann sich eine Frau so in einen Mann hineindenken wie Elena Fischer? In ihrem neuen Roman „Wirf einen Schatten“ erzählt sie aus der Perspektive des Bauern Joseph eine Geschichte von Liebe, Verlust und Hoffnung, die ans Herz geht und dabei ohne Kitsch auskommt. Dass Elena Fischer schreiben kann, hat sie mit ihrem Debüt Paradise Garden bewiesen. „Wirf einen Schatten“ ist kein Coming-of-Age-Roman. Hier geht es um das Leben Erwachsener in den 60iger Jahren, die ihren Weg noch nicht gefunden haben. Der Verlassene Joseph ist nahe dran aufzugeben. Seine Frau Lis hat ihn mit dem gemeinsamen Sohn verlassen – mitten in der Erntezeit. „Ich kann das nicht mehr“, hat sie zum Abschied gesagt und ihn ratlos stehen lassen. Es gibt keinen Kontakt zwischen den Eheleuten – auch nicht an Weihnachten. Joseph ist allein und verzweifelt.  Auch er kann nicht mehr.  Was soll er noch auf dieser Welt? Vergangenheit Man fühlt mit ihm, spürt den Verlust, die Einsamkeit, die Hoffnungslosigkeit. Auch wenn seine Vorstellungen vom Familienleben dem Zeitgeist entsprechend patriarchalisch sind, wird man diesen Joseph ins Herz schließen und für ihn hoffen. Elena Fischer verschränkt Gegenwart und Vergangenheit, blättert in Rückblenden zum früheren Leben zurück. Zu der Zeit, als er und…

Die Schweiz am Scheideweg
Allgemein / 2. August 2026

Die Schweizerin Seraina Kobler hat als Journalistin gearbeitet. Das merkt man ihren Romanen an. Im neuen Buch „Tal der Schwalben“ konfrontiert uns die Autorin mit einer Schweizer Zukunft, die womöglich gar nicht so fern ist. Es geht um die Sicherung der Stromversorgung der Metropolregion, zu der die Städte zusammengewachsen sind. Dafür sollen die Bergdörfer geopfert werden. Zwischen den Stühlen Der junge Wissenschaftler Alesch fühlt sich zwischen allen Stühlen. Auf der einen Seite setzt er viel Hoffnung auf den Fortschritt, auf der anderen Seite hängt er an der urwüchsigen Bergwelt, in die er hineingeboren wurde. Doch auch sein Dorf Pradetta im Schatten des Gletschers gehört zur Sperrzone, selbst wenn es bisher noch nicht geräumt wurde. Und da lebt Aleschs große Liebe Annetta. Beunruhigende Naturphänomene An sie wird er erinnert durch ein Päckchen, das ihm den Duft der Geliebten und den Geruch der Heimat zurückbringt. Ist es Zufall, dass er gerade jetzt zurückkehren soll nach Pradetta, um die Bewohner zum Verlassen des Dorfs zu motivieren? In einer Zeit, in der sich immer mehr Widerstand gegen die Pläne der scheinbar allmächtigen Stromgesellschaft regt? In der aber auch beunruhigende Naturphänomene rund um das Dorf zunehmen? Ein Ort wie eine Arche Der Rückkehrer wird nicht…

Auf Du-und-Du mit dem Täter
Rezensionen , Romane / 21. Juli 2026

„Nicht“ ist der Titel des neuen Romans von Dror Mishani. Nur dieses kleine Wort „nicht“. Hundebesitzer gebrauchen es oft, wenn sie ihre Vierbeiner zur Raison bringen wollen. Auch Eltern von kleinen Kindern. „Nicht“ würde man am liebsten auch der Hauptfigur in diesem besonderen Krimi zurufen, wieder und wieder. Denn diese verstrickt sich in ein Lügengespinst, das alles nur immer schlimmer macht. Eine neue Liebe Dabei hat Eli, der 52-jährige trauernde Witwer, gerade wieder angefangen zu leben – und zu lieben. Denn er hat auf einer Dinnerparty von Freunden die Cellistin Lia kennengelernt, die ihm sehr gefällt. Und auch Lia scheint Eli zu mögen. Dror Mishani schildert die Annäherung der beiden poetisch und federleicht: „Deine Seeler tschilpt wie ein Vögelchen, das gerae aus dem Ei schlüft, das ist das sonderbare Bild, das dir in dem Moment einfällt. Es herrschte Finsternis, und plötzlich bricht ein Lichtstrahl herein.“ Der vierbeinige Lebensgefährte Nicht ganz so leicht ist die Annäherung an Lias derzeitigen Lebensgefährten, den Hund Felix. Der hatte sich an Elis Vorgänger gewöhnt, den „Virtuosen“ Peter, mit dem Lia in einem Quartett auftritt. Das Drama beginnt damit, dass Lia mit den Musikern eine Konzertreise nach Wien unternimmt und Felix in die Obhut von Eli…

Gesehen werden
Allgemein / 9. Juni 2026

Die Idee ist naheliegend, trotzdem originell. Jane Tara thematisiert in ihrem Roman „Mit anderen Augen“ die Unsichtbarkeit älterer Frauen. Bei ihr verschwinden diese Frauen tatsächlich Stück für Stück, das heißt Glied für Glied. Auch Tilda ist von dieser grassierenden Unsichtbarkeitserkrankung betroffen, will sich aber damit nicht abfinden. Sie hatte ihre zwei Töchter allein groß gezogen, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte. Warum sollte sie nicht auch mit der Erkrankung fertig werden? Unsichtbar Doch trotz Tildas Abwehr nimmt die Unsichtbarkeitserkrankung immer mehr von ihr Besitz. Neben dem Ohr und dem kleinen Finger wird bald auch ihr Hals unsichtbar, dann noch der Arm… Sie trifft sich mit einer Selbsthilfegruppe und sieht, wohin die Krankheit führen kann: Eine der Frauen ist gänzlich unsichtbar, meldet sich aber immer wieder zu Wort – auch mit Kritik an der Ausrichtung der Selbsthilfegruppe, die den untragbaren Ist-Zustand akzeptiert. Auch Tilda rebelliert dagegen. Anders sehen Und dann trifft sie in einer Bar den attraktiven Surfer Patrick, der von ihren fehlenden Körperteilen scheinbar keine Notiz nimmt. Kein Wunder, Patrick ist blind. Aber er „sieht“ Tilda auf eine Weise wie andere es schon längst verlernt haben. Da trägt Jane Tara vielleicht etwas dick auf. Märchenhaft schön Und man fragt sich…

Erwachsen in einer Nacht
Rezensionen , Romane / 8. Juni 2026

Vater und Sohn allein unterwegs, das kann ganz schön kompliziert sein. In ihrem Roman „Wir gehen mal los“, der eher eine Novelle ist, zeigt Raffaella Romagnolo, wie aus einem Unglück Vertrauen, ja sogar Glück erwachsen kann. Der junge Amedeo hat sich nach dem Tod seiner Mutter total abgekapselt. Verzweifelt versucht der Vater, den Sohn wieder ins Leben zurückzuführen. Eine Bergtour scheint ihm am besten geeignet, Amedeo auf andere Gedanken und ihm näher zu bringen. Der Aufstieg Für den Sohn ist diese Idee abartig, er hält den Vater für einen Idioten. Aber er geht immerhin mit auf die Tour. Und während er sich beim Aufstieg abplagt, denkt er an die tote Mutter. Wie sie sich wohl verhalten hätte? Er denkt an das Mädchen in der Schule, Lucille Colombo, an den kleinen Bruder Lorenzo. Er denkt daran, wie es war, als er die Nachricht vom Unfalltod der Mutter erhielt. Der Vorgeher Vater und Sohn übernachten in einer Schutzhütte und kommen sich über Wortspiele wieder näher. Endlich können sie über den Tod der Mutter reden und über das, was er in ihnen bewegt hat. Auf dem Weg zum Gipfel geht der Vater voran, hilft dem von Höhenangst geplagten Sohn über die ausgesetzten Passagen….

Scheitern für Anfänger
Rezensionen , Romane / 20. April 2026

Christian Schünemann hat in dem autofiktionalen Roman „Bis die Sonne scheint“ seine Familiengeschichte fiktionalisiert und damit neu erzählt. So steht es im Nachwort. Erzählt wird das Leben der Familie Hormann in den 1980iger Jahren aus der Perspektive des 14-jährigen Daniel. Dass seine Eltern Siegfried und Marlene in eine desolate finanzielle Lage geraten sind, erfährt der Junge rein zufällig: „Was machen wir jetzt?“, fragte sie (die Mutter). Von meinem Vater kam keine Antwort. Niemand rührte sich, auch nicht die Hunde in ihren Körben, als hätt die Frage eine Lähmung ausgelöst. Nur am Geschirrspüler blinkte unablässig das grüne Lämpchen und zeigte an, dass der Trockenvorgang beendet war. „Nehmen wir uns einen Strick?“ fragte meine Mutter. Den Kühlschrank durchlief ein Zittern. Die Flaschen in seinem Innern klirrten leise. Im Wohnzimmer wurden Kaffeetassen und Aschenbecher ineinander gestellt – das Signal, dass das Gespräch und der Abend beendet waren.“ Geplatzte Träume Auch wenn seine Eltern sich vor den Kindern die Situation schönreden, weiß Daniel, dass die Pleite von „Hormann Massiv Bau“ auch auf seine Pläne Auswirkungen haben wird: Die Reise nach Frankreich – gestrichen. Auch das nachtblaue Samtjacket für die Konfirmation bleibt ein Traum. Der schöne Schein Dabei schien alles so gut zu laufen. Die…

In der Totenbäckerei
Rezensionen , Romane / 9. Februar 2026

Schon der ungewöhnliche Titel „Die Sonne und die Mond“ verspricht einen ungewöhnlichen Inhalt. Und Chris Kraus hält in seinem neuen Roman dieses Versprechen. Es geht um Freundschaft und Feindschaft, um das Leben und den Tod, um Sex und Liebe – und das in einer schrägen Mischung aus Slapstick, Trash, Tragikomödie und Märchen. Zwei Freundinnen Sie waren beste Freundinnen, Sonja, genannt Sonne und Jana von Mond – auch noch bei der sich anbahnenden gemeinsamen Bühnenkarriere. Doch dann kam es zum Bruch, weil Sonne sich von Jana verraten fühlte. Jahrzehnte später kommt die als Comedystar erfolgreiche Jana in das Bestattungsunternehmen „Sommernachtstraum“, mit dem Sonja ihren Lebensunterhalt verdient. Als alleinerziehende Mutter mit einem altklugen Sohn, der an der Bluterkrankheit leidet, hat sie es nicht einfach. Unterstützt wird sie vom erfolglosen Gelegenheitsmusiker Samuel, der eine Vorliebe für grenzwertige Witze hat. Patagonien und Feuerland Jana will Sonjas Hilfe bei der Beerdigung ihres Mannes, der mit ihrer schwangeren Psychotherapeutin wohl bei einem gemeinsamen Selbstmord ums Leben gekommen ist. Es sind ernste Themen, die Chris Kraus allerdings so nonchalant und mit viel Witz erzählt, dass man buchstäblich Tränen lachen kann. Allein schon die Namen: Das Bestattungsinstitut ist in einer ehemaligen Bäckerei angesiedelt, genannt Totenbäckerei. Die Leichen werden…

Ein Frauenleben im Schatten
Rezensionen , Romane / 15. Januar 2026

Was ist mit Hedwig passiert? Christoph Poschenrieder forscht in der Familiengeschichte nach dem Schicksal seiner Großtante, die von den Nazis in der Psychiatrie ermordet wurde. Er zitiert aus den Tagebüchern von Hedwigs Schwester Marie, aus Personalakten, aus medizinischen Ratgebern und dem Buch „Das Weib als Jungfrau“. Irgendetwas muss geschehen sein, dass aus dem „ganz normalen Mädchen“, das lieber mit Bauklötzen als mit Puppen spielte, eine psychotische Frau wurde. Ein Opfer der Euthanasie „Die Hedwig, die haben wohl die Nazis auf dem Gewissen“, sagte Poschenrieders Großvater und legte damit den Keim für dieses Buch, in dem der Schriftsteller versucht, Hedwigs Lebensweg nachzuzeichnen. Als er auf einer „Liste der unnatürlichen Tode“ in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, die 2018 ein Expertenteam veröffentlichte, den Namen der Großtante fand, war ihm klar, dass Hedwig eines der Münchner Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie war. Rekonstruktion eines Frauenschicksals Für sein achtes Buch hat der frühere Journalist gründlich recherchiert – auch in Bibliotheken und Archiven. Die Lücken in dem von äußeren Zwängen geprägten Lebenslauf hat der Schriftsteller mit Erfundenem gefüllt, dem „Kitt, der die sogenannten Fakten zusammenhält und manch gewagte Konstruktion stabilisiert“. Entstanden ist die beklemmende Rekonstruktion eines Frauenschicksals um die Jahrhundertwende. Hedwig hatte keine Chance auf ein…