Schon der ungewöhnliche Titel „Die Sonne und die Mond“ verspricht einen ungewöhnlichen Inhalt. Und Chris Kraus hält in seinem neuen Roman dieses Versprechen. Es geht um Freundschaft und Feindschaft, um das Leben und den Tod, um Sex und Liebe – und das in einer schrägen Mischung aus Slapstick, Trash, Tragikomödie und Märchen. Zwei Freundinnen Sie waren beste Freundinnen, Sonja, genannt Sonne und Jana von Mond – auch noch bei der sich anbahnenden gemeinsamen Bühnenkarriere. Doch dann kam es zum Bruch, weil Sonne sich von Jana verraten fühlte. Jahrzehnte später kommt die als Comedystar erfolgreiche Jana in das Bestattungsunternehmen „Sommernachtstraum“, mit dem Sonja ihren Lebensunterhalt verdient. Als alleinerziehende Mutter mit einem altklugen Sohn, der an der Bluterkrankheit leidet, hat sie es nicht einfach. Unterstützt wird sie vom erfolglosen Gelegenheitsmusiker Samuel, der eine Vorliebe für grenzwertige Witze hat. Patagonien und Feuerland Jana will Sonjas Hilfe bei der Beerdigung ihres Mannes, der mit ihrer schwangeren Psychotherapeutin wohl bei einem gemeinsamen Selbstmord ums Leben gekommen ist. Es sind ernste Themen, die Chris Kraus allerdings so nonchalant und mit viel Witz erzählt, dass man buchstäblich Tränen lachen kann. Allein schon die Namen: Das Bestattungsinstitut ist in einer ehemaligen Bäckerei angesiedelt, genannt Totenbäckerei. Die Leichen werden…
Was ist mit Hedwig passiert? Christoph Poschenrieder forscht in der Familiengeschichte nach dem Schicksal seiner Großtante, die von den Nazis in der Psychiatrie ermordet wurde. Er zitiert aus den Tagebüchern von Hedwigs Schwester Marie, aus Personalakten, aus medizinischen Ratgebern und dem Buch „Das Weib als Jungfrau“. Irgendetwas muss geschehen sein, dass aus dem „ganz normalen Mädchen“, das lieber mit Bauklötzen als mit Puppen spielte, eine psychotische Frau wurde. Ein Opfer der Euthanasie „Die Hedwig, die haben wohl die Nazis auf dem Gewissen“, sagte Poschenrieders Großvater und legte damit den Keim für dieses Buch, in dem der Schriftsteller versucht, Hedwigs Lebensweg nachzuzeichnen. Als er auf einer „Liste der unnatürlichen Tode“ in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, die 2018 ein Expertenteam veröffentlichte, den Namen der Großtante fand, war ihm klar, dass Hedwig eines der Münchner Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie war. Rekonstruktion eines Frauenschicksals Für sein achtes Buch hat der frühere Journalist gründlich recherchiert – auch in Bibliotheken und Archiven. Die Lücken in dem von äußeren Zwängen geprägten Lebenslauf hat der Schriftsteller mit Erfundenem gefüllt, dem „Kitt, der die sogenannten Fakten zusammenhält und manch gewagte Konstruktion stabilisiert“. Entstanden ist die beklemmende Rekonstruktion eines Frauenschicksals um die Jahrhundertwende. Hedwig hatte keine Chance auf ein…
In seinem neuen Roman „Königin Esther“ bezieht John Irving dezidiert Stellung zum tragischen Konflikt im Nahen Osten. Der Roman erzählt von einem jüdischen Mädchen, das sich schon als Kind in die Tradition der jüdischen Königin Esther stellt, die einst ihr Volk vor der Vernichtung bewahrt hat. Die kleine Esther lebt im Kinderheim St. Clouds, das der aus „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ bekannte Dr. Larch führt. Sie ist ein eigensinniges Mädchen, das zu einer selbstbewussten, eigensinnigen Frau heranwächst, nachdem es von der freundlich-liberalen Familie Winslow adoptiert wurde – als Kindermädchen für die jüngste Tochter, Honor. Die Frucht einer Verschwörung Die beiden Mädchen werden engste Freundinnen und hecken miteinander eine erstaunliche Zusammenarbeit aus: Esther soll sich schwängern lassen und ein Kind austragen, das Honor großziehen will. So könnte die jüngste Winslow-Tochter ohne Sex zur Mutter werden. Die Frucht dieser Verschwörung ist James, genannt Jimmy, ein schüchterner Kerl, der behütet in der Großfamilie aufwächst und vom Großvater die Liebe zur Literatur, vor allem zu Dickens, geerbt hat. In Wien, wo er Deutsch lernen soll und darauf hofft, seine stets abwesende leibliche Mutter Esther kennenzulernen, wird Jimmy erwachsen. Wiener Antisemitismus Von Ferne lenkt Esther die Schritte des jungen Mannes, der davon träumt, Schriftsteller…
Stefan Hertmans hat ein Faible für alte Häuser und verwilderte Gärten. Das kommt auch in seinem neuen Roman „Dius“ zum Ausdruck, in dem die Häuser und ihre Umgebung das Seelenleben der Protagonisten spiegeln. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft zweier ungleicher Männer. Der Icherzähler Anton ist ein mäßig erfolgreicher Kunst- und Literaturdozent, sein Student Egidius de Bläser, genannt Dius, ein charismatischer, sprunghafter Typ, der gut bei Frauen ankommt. Trotzdem ist es dieser schwarzgelockte Dius, der seinem Dozenten die Freundschaft nahezu aufnötigt. Zuflucht auf dem Land Widerwillig lässt sich Anton darauf ein. Er befindet sich gerade in einer Beziehungskrise, die der Doktorarbeit, die er schreiben will, nicht förderlich ist. Da bietet ihm Dius Zuflucht in Ganzevliet an, einem alten Gutshaus inmitten eines verwilderten Gartens. Für Anton werden Haus und Garten wie die Gemeinschaft mit Dius eine Art Lebenselixir. Auch als seine Beziehung zerbricht und bald darauf auch die leidenschaftliche Affäre mit der schönen Lys, findet er dort Trost – auch Inspiration. Liebe zur Kunst Die beiden ungleichen Männer eint eine tiefe Liebe zur Kunst. Doch während Dius in der Liebe zum 17. Jahrhundert versinkt, beschäftigt sich Anton mit den Entwicklungen der Kunst in der Neuzeit. Für den Freund, der ihn so großzügig…
Ian McEwan muss sich nichts mehr beweisen. Der 77-jährige Brite gilt schon lange als Star-Autor – bei der Literaturkritik und bei der Lese-Gemeinde. Der neue Roman „Was wir wissen können“ ist eine Dystopie, ein Krimi, ein Liebesroman. Kurz: Ein Meisterwerk. Der Literaturschatz Er habe sich von Stevensons Schatzinsel inspirieren lassen, sagte McEwan in einem Interview. In seinem Roman geht es allerdings nicht um einen Goldschatz, sondern um ein verlorenes Stück großer Literatur. Der Literaturwissenschaftler Tom Metcalfe beschäftigt sich im Jahr 2119 mit der Literatur des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts und da speziell mit Francis Blundy, den er für einen der größten Dichter jener Zeit hält. Dystopische Welt Doch ausgerechnet Blundys wohl größtes Werk, der „Sonettenkranz für Vivien“, den der Dichter seiner Frau gewidmet hat, ist unauffindbar. Mit seiner Kollegin Rose, die später seine Frau wird, macht sich Tom auf die beschwerliche Suche und imaginiert dabei die Welt vor 100 Jahren – unsere Gegenwart. Toms Gegenwart ist eine andere: Kriege, Pandemien und ein nuklearer Schlagabtausch haben die Menschheit dezimiert. Die Vereinigten Staaten sind durch Bürgerkriege zerfallen. Deutschland gehört dem Großrussischen Reich an. Großbritannien besteht aus mehr oder weniger zugänglichen Inseln. London, Rotterdam und New York sind untergegangen. Schnitzeljagd in…
Zaire – seit 1997 nennt sich das Land Demokratische Republik Kongo – feiert den 14. Jahrestag der Unabhängigkeit erlangt. Der Vater bringt im weißen Mercedes seine Familie zu einem Wohnsitz mit Pool. Wir sind im Jahr 1974 in Kinshasa. Und hier beginnt Christina Fonthes‘ aufwühlender Debütroman „Wohin du auch gehst“. Die Erinnerung Mira erinnert sich an den Jubel über die Unabhängigkeit von Belgien, das seine rohstoffreiche Kolonie brutal ausgebeutet hat. Und sie erinnert sich an eine Szene, die sich ihr buchstäblich eingebrannt hat: Stimmengewirr im Dunkeln, Rauch, eine leblose Gestalt an einem Holzpfahl, darunter verklumpte Autoreifen, aus denen Flammen züngeln. „Man hat sie zusammen erwischt, zwei Frauen“, erklärt die ältere Schwester Ya Eugenie dem jungen Mädchen. Unafrikanische Liebe Es ist eine Schlüsselszene. Denn in dem Debütroman der in Kinshas geborenen britisch-kongolesischen Autorin geht es auch um queere Liebe. „Unafrikanisch“ sei das, findet die in inzwischen in England lebende Mira, die sich nach schweren Schicksalsschlägen vom lebenslustigen Teenager zur bigotten Schwester Mireille entwickelt hat. „Wohin du auch gehst“ ist eine Familiengeschichte, in der die Frauen im Mittelpunkt stehen. Dabei folgt man den beiden Protagonistinnen durch vier Länder – Kongo, Belgien, Frankreich und England. Trost aus der Freikirche Die zweite Stimme neben…
Ingrid Noll ist ein Phänomen. Sie sitzt nicht nur mit fast 90 Jahren am Schreibtisch, sie versetzt sich für ihr neues Buch Nachteule auch in die Zeit der Pubertät zurück. Denn Luisa, die Ich-Erzählerin, ist gerade mal 15 Jahre alt, als sie Tim kennenlernt. Schnell wickelt der Obdachlose das Mädchen um den Finger. Denn die brave Luisa, in der Schule als Streberin abgestempelt, sehnt sich danach, aus der kleinbürgerlichen Enge ihres Elternhauses auszubrechen. Die Adoptivtochter aus Peru Als sie ein Gespräch ihres Vaters über ein eigenes Kind mitbekommt, wird ihr wieder einmal deutlich, dass sie adoptiert ist – ein indigenes Mädchen aus Peru, eine Exotin. Lieben ihre Eltern sie überhaupt? Eigentlich geht es ihr gut, die Eltern sind wohlhabend, sie ist behütet in einem großen Haus am Waldrand aufgewachsen. Und sie ist ja auch auch dankbar dafür. Aber sie ist auch innerlich zerrissen. Zumal in dieser kleinen Familie nichts so richtig heil ist. Nachtsicht Alle scheinen auf ihre Rollen fixiert – und nicht nur Luisa träumt davon auszubrechen. Dabei kommt ihr eine ganz besondere Gabe zu Hilfe: Sie kann im Dunkeln sehen. Dabei kommt ihr Brechts Dreigroschenoper in den Sinn und die Zeilen „und man sieht nur die im Lichte,/Die…
Der Tod kommt unvermittelt – in der Zwischenwelt des Flughafens. Niemand ist darauf vorbereitet, der sterbende Oskar nicht, auch nicht die drei erwachsenen Kinder oder die geschiedene Ehefrau. Nach dem Tod des Vaters müssen sich die Kinder mit ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen. „Heute kein Abschied“ heißt der Familienroman des Niederländers Daan Heerma van Voss, der sich vom Tod des eigenen Vaters zu dem Roman inspirieren ließ. Tod auf dem Flughafen Es geht wie so oft in Familienromanen um Sprachlosigkeit, um komplizierte Beziehungen, Brüche und Geheimnisse. Der Roman beginnt mit Oskars plötzlichem Tod am Amsterdamer Flughafen: „In den nach Fußbodenreiniger riechenden Grotten Schiphols, in dem Streifen Niemandsland zwischen Gate D12 und D14, bricht er zusammen. Wie eine Marionette, deren Fäden durchgeschnitten werden, und mit jedem Schnitt ist er weniger er selbst.“ Im Rückblick wird der Autor erzählen, wer Oskar war – ein Fotograf, der gern und viel unterwegs war. Ein Ehemann und Vater, der so oft wie möglich aus seiner Familie floh, was nicht ohne Folgen auf die Kinder blieb. Die Lebenslüge Abwechselnd erzählt Daan Heerma van Voss von Oskar, seiner Ex-Frau Elise und den Kindern Moor, Tessel und Cat. Auch von Oskars zweitem Leben in Los Angeles. Und davon, was Oskar…
Anna Nicholas ist Engländerin und lebt auf Mallorca. Da liegt es nahe, dass sie der Deutschen liebste Urlaubsinsel auch zum Schauplatz ihrer Krimi-Reihe um die Ermittlerin Isabel Flores macht. „Das Teufelshorn“ heißt der erste Band, in dem die ebenso quirlige wie unerschrockene Mallorquinerin die Qualität ihrer im Polizeidienst geschulten Spürnase beweist. Dunkle Seiten Dabei hatte sie sich mit einer Ferienhausvermietung auf ihrer Heimatinsel ein ruhigeres Leben versprochen, nachdem sie den Dienst bei der Nationalpolizei von Palma quittiert hatte. Doch auch die malerische Insel hat ihre dunklen Seiten: Drogen, Gewalt, Exzesse. Und dann noch die nervigen Touristen mit ihren unrealistischen Ansprüchen… Ein anständiger Mord Als die kleine Tochter einer britischen Touristin vom Strand verschwindet, sucht Isabels alter Chef und Freund, Hauptkommissar Tolo Cabot, ihre Unterstützung. Nicht genug damit: Ein alter Mann wird in seinem Haus ermordet. Die fromme Haushälterin hat den Mord an ihrem ebenfalls als fromm geltenden Arbeitgeber gemeldet. Auch in diesem Fall ist Isabels Spürnase gefragt. Freudig unterstützt wird sie von ihrem Assistenten Pep, der schon geklagt hatte: „Hier passiert einfach nie was. Wir brauchen mal einen anständigen grausigen Mord.“ Büchse der Pandora Sein Wunsch geht in Erfüllung, und Isabel ahnt, dass die Ermordung des alten Mannes „eine wahre…
Julia Engelmann, Jahrgang 1992, scheint ein Glückskind zu sein. Alles, war sie angeht, ist erfolgreich. Auch ihr Romandebüt „Himmel ohne Ende“ wird wohl eine Erfolgsgeschichte, denn die junge Autorin „trifft den Nerv der Zeit mitten ins Herz“, wie 3sat Kulturzeit urteilt. Der Roman ist eine Coming-of-age-Geschichte, und sie erzählt von Gefühlen in der Pubertät, die viele nachvollziehen könnten. Allein Charlie heißt die 15-jährige Protagonistin und Ich-Erzählerin, die am liebsten „aufhören würde zu existieren“. Sie vermisst ihren Vater, hat ihre beste Freundin Kati verloren und fühlt sich gemobbt. Ihr bester Freund ist ein Hamster. Das enge Verhältnis zur Mutter wird durch deren neue Beziehung zu einem italienischen Kellner auf eine harte Probe gestellt. Charlie hat das Gefühl, durch eine Glaswand von der Realität abgetrennt zu sein. Zu zweit Doch dann kommt frischer Wind in Charlies Leben. Der blonde Pommes, der eigentlich Kornelius heißt, macht nicht halt vor der Glasscheibe. Unbekümmert mischt er sich in Charlies Leben ein, unterstützt sie nach dem Tod des Hamsters und konfrontiert sie mit ihren Ängsten. Die Glasscheibe wird zum Autofenster, das Charlie öffnen kann. „Und nun, da es endlich offenstand, fühlt ich, wie die leichte Brise meine Haut berührte, die auch alles Traurige, Tragische, Lustige, Schöne,…