Mit offenen Augen in die Welt
Reisebücher , Rezensionen / 19. Februar 2026

„Mal gucken“ denkt sich Josefine Gauck immer wieder auf der Weltreise, die sie mit ihrer Familie unternimmt. „Mal gucken“ ist auch der Titel des Buches über diese ungewöhnliche Reise einer fünfköpfigen Familie. Denn neben den zwei Jungs ist auch die kleine, sehbehinderte Pauli mit von der Partie. Sie soll noch soviel wie möglich von der Welt sehen, ehe sie ihr Augenlicht ganz verliert, wünschen sich die Eltern. Mal gucken Bei der Vorbereitung der einjährigen Auszeit planen sie nur das Nötigste. „Mal gucken“ wird zum geflügelten Wort – bis zum Ende dieses aufregenden Jahres, das in einer Lebensentscheidung mündet. Kanada, die USA, Neuseeland, Australien sind die Stationen, schließlich noch Bali, wo Josefine Gauck sich angekommen fühlt. Erntehelfe und Hundehüter Die Erlebnisse ihrer Reise werden noch länger nachhallen.  Die Familie hat viel unternommen, um den Kindern die Welt zu zeigen.  Sie waren mit einem Riesencamper unterwegs und mit einem kleinen Wohnmobil, in dem sie kaum Platz hatten. Sie arbeiteten als Erntehelfer auf einem Biohof, wohnten als Haustierhüter in einer weitläufigen Villa, nächtigten in einem heruntergekommenen Trailer und in den unterschiedlichsten airbnb-Unterkünften. Zwischendurch gönnten sie sich auch Hotelnächte, um wieder zu duschen und in einem Bett zu schlafen. „Ich müsste lügen, wenn ich…

Gemeinsam stark
Reisebücher , Rezensionen / 10. Februar 2026

„Die Reise unseres Lebens“, so auch der Titel ihres Buches, war für Alexander Källner und Lovis Wiefelspütz die gemeinsame einjährige Weltreise. Das liegt auch daran, dass Alex „körperlich behindert“ ist, wie er selbst schreibt, und deshalb auf Hilfe angewiesen. Die bekommt er auf der Reise von seinem besten Freund Lovis, der mit AHDS zu kämpfen hat. In ihrem Buch beschreiben sie abwechselnd ihre Reise-Erfahrungen, aber auch den nicht ganz leichten gemeinsamen Alltag. Ein Balanceakt Lovis ahnt, dass „diese Reise ein Balanceakt werden wird zwischen dem, was Alex und ich wollen und dem, was wir schaffen können“. Er attestiert dem Freund „an liebenswerten Größenwahn grenzende Ideen“, weiß aber auch „diese Reise ist für mich bereits vor dem ersten Tag eine Reise zu mir selbst“. Hilfe leisten und annehmen Einfach ist das Ganze weder für Lovis, der Alex‘ körperliche Pflege übernehmen und ihn bei Barrieren unterstützen muss, noch für Alex, der diese Hilfe immer wieder annehmen muss, nicht. Es gibt Diskussionen, ja auch Streit – was die Freunde nicht verschweigen. Spontane Hilfsbereitschaft Aber die schönen, die unvergesslichen Reise-Erlebnisse überwiegen. Die vielen Freunde, die sie in aller Welt finden, die spontane Hilfsbereitschaft der Menschen, die Fremdheit und Schönheit der Reiseziele. Alexander Källner, der…

Europas unbekannter Osten
Reisebücher , Rezensionen / 10. Januar 2026

Mag sein, dass der Titel „Als ich gegen Stalin im Armdrücken gewann“ ein paar Leute mehr dazu bringt, das Buch von Fredy Gareis zu kaufen. Doch er lenkt in eine falsche Richtung. Die Reise des Autors von Nord nach Süd entlang „des neuen Eisernen Vorhangs“ ist nämlich so viel mehr als ein schnöder Reisebericht von den Hotspots der Selfie-Generation. Er ist eine in dieser Zeit aufrüttelnde und wichtige Lektion in Geschichte. Keine Lehren aus der Geschichte Denn was derzeit in der Ukraine passiert, war längst schon angelegt. Es hat sich immer wiederholt. Und dass trotz all der schlimmen Erfahrungen mit Deportation, Folter, Unterdrückung und Manipulation wieder viele Menschen von den Vorteilen autokratischer Regierungen schwafeln zeigt, wie geschichtsvergessen die Menschheit ist – auch bei uns. Der Dünger für neue Konflike Umso wichtiger ist ein Buch wie das des belesenen Fredy Gareis, das nicht als akademische Vorlesung daherkommt, sondern im Erzählmodus eines Reisenden, den man gern begleitet. Und sein Fazit sollte allen zu denken geben, die trotz der russischen Aggression und trotz des Zulaufs für rechtsradikale Parteien noch unbesorgt in die Zukunft schauen: „Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und Europa blutend und geschunden am Boden lag, halfen ihr die Amerikaner…

Mit dem Vierbeiner über alle Berge
Reisebücher , Rezensionen / 13. September 2025

In 50 Tagen über die Alpen nach Verona – klingt machbar. Aber wie ist es, wenn man mit einem Vierbeiner über die Berge wandern will? Die Journalistin Nadine Regel hat ihren Ralfi, einen Portugiesischen Podengo, aus einem Tierheim geholt und gemeinsam mit ihm schon einige Touren im Camper unternommen. Die Alpen sind eine andere Herausforderung, doch nach einigen Berg-Wanderungen ist Nadine Regel überzeugt, dass Ralfi einen „siebten Sinn für Berge“ hat. Jetzt will sie bei einer Alpenüberquerung herausfinden, „wozu wir als Hund-Mensch-Team in der Lage sind“. Der Hund und seine Bedürfnisse Und so plant sie ihre ganz individuelle Route von München nach Verona für den Spätsommer. Dabei muss sie auch die Bedürfnisse des Begleit-Hundes mit einplanen – und die Tatsache, dass Hunde nicht überall willkommen sind. Vor allem Oberbayern hat Nadine Regel „als nicht besonders hundefreundlich“ erlebt. „Zum Beispiel ist Hunden der Zugang zu den bekannten Bergseen wie dem Kochel- und Walchensee aus hygienischen Gründen verwehrt.“ Immer mit im Gepäck sind Hundedecke, Hundegeschirr mit Haltegriff, Rettungsgeschirr und natürlich Futter und Wasser. Die Grenzen kennen Damit bei der Wanderung über alle Berge auch nichts schief geht, sollten Mensch und Hund ihre Grenzen kennen, rät Nadine Regel, die ihren Ralfi immer an…

Europa im Brennglas
Reisebücher , Rezensionen / 19. März 2025

Warum fühlen sie sich nicht als Europäer? Auf der Suche nach Erklärungen für das Verhalten seiner Schülerinnen und Schüler geht Jan Kammann, Lehrer an einer Europaschule, auf eine Reise in deren Heimatländer – nach Griechenland, Nordmazedonien, Serbien, in die Türkei, nach Ungarn, in die Ukraine und – ja auch das – nach Nordirland. Ein heterogener Kontinent Auch er muss lernen, wie heterogen dieser Kontinent ist, was die einzelnen Nationalitäten voneinander trennt, wie lange Kriege und Konflikte nachhallen – nicht nur im Balkan, auch in Nordirland. Der unkonventionelle Lehrer, der am liebsten in Hostels absteigt und keiner Plauderei aus dem Weg geht, erlebt viel herzliche Gastfreundschaft, stößt aber auch immer wieder an seine Grenzen. Schmerzhafte Erfahrungen Nach dem Erfolg seines Bestsellers „Ein deutsches Klassenzimmer“ lässt sich Jan Kammann auch in diesem Buch gern auf neue Erfahrungen ein, er entdeckt dabei nicht nur kulinarische Besonderheiten, sondern auch spannende Hintergründe – etwa zum russischen Überfall auf die Ukraine. Hier wird ihm klar, dass für die Menschen damals ihr bisheriges Leben endete und „es nie wieder so sein wird wie es war“. Widersprüchliche Gefühle Das gilt auch für seine Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine: „In den ersten Tagen in der Schule tauschten sie…

Europa im Brennglas
Reisebücher , Rezensionen / 6. März 2025

Warum fühlen sie sich nicht als Europäer? Auf der Suche nach Erklärungen für das Verhalten seiner Schülerinnen und Schüler geht Jan Kammann, Lehrer an einer Europaschule, auf eine Reise in deren Heimatländer – nach Griechenland, Nordmazedonien, Serbien, in die Türkei, nach Ungarn, in die Ukraine und – ja auch das – nach Nordirland. Heterogener Kontinent Auch er muss lernen, wie heterogen dieser Kontinent ist, was die einzelnen Nationalitäten voneinander trennt, wie lange Kriege und Konflikte nachhallen – nicht nur im Balkan, auch in Nordirland. Der unkonventionelle Lehrer, der am liebsten in Hostels absteigt und keiner Plauderei aus dem Weg geht, erlebt viel herzliche Gastfreundschaft, stößt aber auch immer wieder an seine Grenzen. Wichtige Hintergründe Nach dem Erfolg seines Bestsellers „Ein deutsches Klassenzimmer“ lässt sich Jan Kammann auch in diesem Buch gern auf neue Erfahrungen ein, er entdeckt dabei nicht nur kulinarische Besonderheiten, sondern auch spannende Hintergründe – etwa zum russischen Überfall auf die Ukraine. Hier wird ihm klar, dass für die Menschen damals ihr bisheriges Leben endete und „es nie wieder so sein wird wie es war“. Zusammen und doch allein Das gilt auch für seine Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine: „In den ersten Tagen in der Schule tauschten…

In 120 Marathons rund um Deutschland
Reisebücher , Rezensionen / 22. Januar 2025

Ihre Deutschlandumrundung sollte etwas besonderes sein: Joyce Hübner ist Läuferin aus Leidenschaft und liebt Marathons. Warum also nicht Deutschland in Marathons umrunden? 2023 ist sie gestartet und hat in 140 Tagen 5200 Kilometer und 57.000 Höhenmeter geschafft – in 120 Marathons. Das hat die junge Frau, die im Internet als runninggirl.joyce bekannt ist, immer wieder an ihre Grenzen gebracht, ihr aber auch ganz neue Einsichten und Ausblicke vermittelt. Verliebt ins Allgäu Von Zäunen, Felsbrocken und Grenzsteinen hat sie sich auf ihrem langen Weg nicht aufhalten lassen, auch nicht von Kühen und anderem Getier. Sie hat sich in die Allgäuer Landschaft, in die Berge und allgemein in das Bundesland Bayern verliebt: „Auch wenn ich mich auf den Rundwegen um die Seen immer wieder durch Menschenmassen bewegen muss – hier zu sein ist Balsam für die Seele. Vor allem, weil ich gar nicht damit gerechnet hatte, das ganze Märchenland Allgäu in geballter Form präsentiert zu bekommen.“ Trübe Tage, schlechtes Gewissen Es gab aber auch trübe Tage, an denen sie an sich selbst zweifelte, an denen sie geschwächt auf die Piste ging oder sich im Fels verirrte. Das „megaschlechte Gewissen“ quälte sie dann wohl zurecht, weil sie nicht nur sich selbst, sondern auch…

Zwischen Vorgestern und Übermorgen
Reisebücher , Rezensionen / 19. November 2024

Überraschend schnell scheint sich Saudi- Arabien zu wandeln. Kronprinz Muhammad bin Salman (MbS) will seine Land im Rekordtempo vom Vorgestern ins Übermorgen führen und hat publikumswirksam Reformen angestoßen, die vor allem die Situation der Frauen verbessern. Nadine Pungg hat diesen epochalen Wandel bei ihrer monatelangen Reise durchs Land miterlebt. In dem Buch „Frühling in Saudi Arabien“ schreibt sie über ihre Begegnungen mit selbstbewussten Frauen, die mehr Teilhabe fordern,  aber auch über hinterwäldlerische Dörfer, in denen Männer ihre Frauen noch als Eigentum betrachten. Das Land der Extreme Diesen Widersprüchen begegnet Nadine Pungg nicht nur zwischen Stadt und Land. Der ganze Staat oszilliert zwischen Extremen: „Saudi-Arabien ist weder Himmel noch Hölle. Es ist ein kompliziertes Land, in dem verschiedene Realitäten gleichzeitig nebeneinander existieren. Ein erzkonservatives Königreich und eine junge Nation mit technologiebegeisterten Digital Natives. Saudi-Arabien ist Abgeschlossenheit und Weltoffenheit, ist Beduinenromantik und futuristische Stadtplanung, ist rote Linie und Ausreizung der Grenzen. Saudi-Arabien ist Gottesfurcht und Exzess, ist Absolutismus und Chaos, Tinder und Todesstrafe, Tabu und Tabubruch. Brutal und sanft. Saudi-Arabien ist das Einerseits und das Andererseits. Das Himmelblaue und das Finsterschwarze.“ Die dunkle Seite des Regimes Das „Finsterschwarze“ erleben Dissidenten wie Raif Badawi, der 2014 zu zehn Jahren Haft und eintausend Peitschenhieben…

Das Lied der Schienen
Reisebücher , Rezensionen / 17. September 2024

Zugfahren, das ist hierzulande keine reine Freude. Aber vielleicht hilft das Buch des Bahnenthusiasten Jaroslav Rudiš dabei, sich durch Ärgernisse wie Verspätungen, Zugausfälle, umgekehrte Wagenreihung und mehr die Laune nicht verderben zu lassen. „Gleise, die die Welt bedeuten“ versammelt Geschichten übers Bahnfahren in aller Welt – nicht nur positive, aber alle mit einer guten Prise Humor. Ohne die geht es selten bei Zugfahrten. Die Seele kommt mit Aber die Geschichten zeigen auch viel Positives, das einem bei langen Fahren begegnen kann: „Wenn ich mit dem Zug unterwegs bin, wirkt die Welt draußen auf mich wie ein nicht endender Film über das Leben, in dem ständig etwas Neues passiert“, schwärmt die Schweizerin Lea Cadisch. Und: „Der Hauptgrund aber, weshalb ich, wenn immer es geht, lieber lange mit dem Zug unterwegs bin als vielleicht etwas schneller mit dem einem Flugzeug: das Gefühl, wenn ich aus dem Zug aussteige, den Bahnsteig betrete, tief einatme und feststelle, meine Seele ist nicht über den Wolken hängen geblieben und reist mir hinterher, meine Seele ist mit mir angekommen.“ Positive Nähe Dieses Gefühl freilich wird oft teuer bezahlt – durch die Enge in überfüllten Zügen, in denen selbst Stehplätze rar sind. Durch Nachbarn, die sich gern reden…

Reinhold Messner und wie er sein Leben sieht
Allgemein , Reisebücher , Rezensionen / 9. September 2024

Ist das das Buch zum 80. Geburtstag? Am 17. September kann Reinhold Messner seinen runden Geburtstag feiern. Am 29. August ist „Gegenwind“ im Malik Verlag erschienen, ein Buch, das „vom Wachsen an Widerständen“ erzählt. Und Widerstände hatte der Südtiroler sein Leben lang, ist er doch privat und beruflich eher kompromisslos. „Die Freiheit, aufzubrechen, wohin ich will“ – so auch der Titel seiner ersten Biographie – begleitete ihn bei all seinen Unternehmen – ob an den Achttausendern dieser Welt oder bei seinem Museumsprojekt. Selbstvertrauen durch die Mutter Parallel dazu erlebte er von Anfang an Widerstände, wurde angefeindete, ausgegrenzt, diffamiert. Dass er daran gewachsen statt gescheitert ist, hat er seiner Mutter zu verdanken, schreibt er. „Sie hat mir das Selbstvertrauen geschenkt, das mich 80 Jahre überleben ließ.“ Und dieses Überleben war nicht immer leicht. Am schwersten wohl am Nanga Parbat, wo der junge Messner seinen Bruder Günther verlor – das Trauma seines Lebens. Denn schnell stand der Vorwurf im Raum, Reinhold Messner habe den geschwächten Bruder seinem eigenen Ehrgeiz geopfert. Das Schicksal des Bruders In seinen Büchern versuchte der Autor immer und immer wieder, diesen Vorwurf zu entkräften. Er überwarf sich mit dem Deutschen Alpenverein, stritt sich mit ehemaligen Bergkameraden und Journalisten…