Das Bergreich des Märchenkönigs

20. August 2020

175 Jahre alt wäre König Ludwig II. am 25. August geworden. Sandra Freudenberg und Stefan Rosenboom haben dem unvergessenen Kini mit dem Bilder-Buch „In den Bergen lebt die Freiheit“ ein Geburtstagsgeschenk gemacht, und sie laden die Leser dazu ein, auf den Spuren des „Märchenkönigs“ die bayerischen Berge neu und anders zu erleben. „Dies ist mein Warum“, schreibt die philosophisch beschlagene Alpinistin Freudenberg: „Geführt von der kultivierten Hand Königs Ludwigs II. neue Welten finden.“

Vom Traum zur Wirklichkeit

Kongenial unterstützt vom Fotografen Rosenboom fängt sie die mystische Stimmung im Bergreich des bayerischen Königs und seinen zwölf Hütten zwischen Allgäu und Oberbayern in einer ganz eigenen Sprache ein. „Was er träumte, wurde Wirklichkeit, wenn der es wollte“, schreibt Freudenreich, die ihre Bewunderung für den royalen Freigeist nicht verbergen kann und will. Sogar ein Marokkanisches Haus hat Ludwig II. in die Berge verpflanzt – heute steht es im Schlosspark von Linderhof.

Mit Luxus in die Bergfreiheit

Im Sommer und im Winter haben Autorin und Fotograf auf zwölf Touren Ludwigs Hütten erkundet. Doch so wie im Schachenschloss, wo weitgehend alles so erhalten blieb wie es der Kini hinterlassen hat – samt Kronleuchter und purpurnen Seidendiwanen – fanden sie nur wenig. Manche der Hütten wie die Herzogstandhäuser existieren nicht mehr, andere wurden abgerissen und neu aufgebaut. Und doch findet sich Freudenreich auf ihren oft ausgesetzten und gefährlichen Wegen in eine andere Welt versetzt, die Ludwig jubeln ließ „In den Bergen wohnt die Freiheit“. Dass er auch in der Bergfreiheit nicht auf Luxus verzichten musste, schreibt sie allerdings auch. Auf dem Lakaiensteig zu Soiern etwa „brachten die Diener Damasttischdecken, Silber und Kristall, Moselweine und Pasteten“ und zu Brunnenkopfhütte soll er gar „mit einer Badewanne im Gepäck… auf Mulis verpackt“ gekommen sein.

Blick in den Sternenhimmel

Der königliche Ästhetizismus, den die Autorin so sehr bewundert, war teuer erkauft. Am Falkenstein schließlich scheiterte Ludwig II., hier, „an der wunderbarsten Stelle des Allgäus“, wollte er seinen Traum einer Gralsburg verwirklichen. Sandra Freudenberg versucht hinter die Beweggründe des Königs zu blicken, sie erzählt Anekdoten, lässt Bergführer und Hüttenwirte zu Wort kommen und sie beschreibt ihre Touren so einladend, dass man sie gerne nachmachen würde. „Das Leben des Königs war eine Sternenhimmel voller Träume“, schreibt sie. Ihre Texte und die Fotos von Stefan Rosenboom ermöglichen einen Blick in diesen Sternenhimmel.

Hineingelesen…

… in die Idylle der Max-Ruh

Das Panorama ist eines Königs würdig; große Bilder fügen sich zusammen aus den schneeweiß gleißenden Gipfelmajestäten, den Tälern des Fischbachtals mit unzähligen Wasserfällen und dem stillen Wald… Ein schmaler Steig führt von der Max-Ruh zu einer weitläufigen Almfläche – eine schönere habe ich nie gesehen!
Die Pracht des opulent mit Kräutern bewachsenen Almbodens kontrastiert mit den schroff aufragenden Gipfeln und lässt an eine Märchenwiese denken. Ich folge dem Duft von Kaminholzrauch, der von weiter unten heraufsteigt und eine Gefühl von Heimeligkeit in mir weckt, von Zeitlosigkeit und schlichter Zufriedenheit. Unter einem Baumpatriarchen druckt sich die von der Sonne braun gebrannte Grasbergalm  an die Bergflanke.
Doch ich will noch höher, um auch die dritte Hütte zu besuchen, von der ich  nur weiß, dass sie vom Fürst Karl zu Leiningen errichtet wurde, der gerne in der Nähe seines Freundes, Max. II., sein wollte. Es ist kein richtiger Pfad, aber ich habe eine Gesprü für den Weg und einen neugierigen Hund. Wo könnte sich die Hütte verstecken? Ein Suchen und Versteigen ist das! Ich denke schon ans Aufgeben, da fällt mir doch noch ein Felsvorsprung auf: wie geschaffen für eine Burg, einen Adlerhorst oder einen verwegenen Grafen mit dem Hand zur Gebirgsjagd.
Die Entdeckung der Leining-Hütte war jede Mühe wert: Ganz anders im Stil, weil aus Stein gemauert, ist sie ein echtes Kleinod, wenn man sich für die archaische Architektur von Gebäuden im Gebirge interessiert.  Wie herrlich müssen die Männer es hier gehabt haben: Am Abend konnten sie sich gemütlich beim Senn vor der Grasbergalm treffen, die unterschiedlichen Lebenswelten vergessen und über den vergangenen Tag plaudern.
Für mich wird dieser Tag, an dem ich drei verborgene Hütten entdeckt habe, als ein Tag der Befreiung in Erinnerung bleiben: die vielen lieben Anblicke, die Gebirgsluft und die Ungezwungenheit der Menschen, die einst hier zu Hause waren und keinen Unterschied machten zwischen Königen und Hirten. Das verstehe ich persönlich unter Eskapismus: die Freiheit zu denken, was denkbar ist.
Info: Sandra Freudenberg/Stefan Rosenboom. In den Bergen lebt die Freiheit, Knesebeck, 192 S., 30 Euro

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