Der Asket im Wald

1. Mai 2020

Es könnte das Buch zur Corona-Zeit sein – Walden von Henry D. Thoreau, ein Plädoyer fürs einfache Leben.  „Ich bin in den Wald gegangen, weil mir daran lag, mit Bedacht zu leben, es nur mit den wesentlichen Tatsachen des Daseins aufzunehmen und zu sehen, ob ich nicht lernen könne, was es zu lernen gibt, damit mir in der Stunde des Todes die Entdeckung erspart bleibe, nicht gelebt zu haben.“ Thoreaus Buch Walden, das aus dieser gut einjährigen Erfahrung der Waldeinsamkeit hervorgegangen ist, katapultierte den Sohn eines Bleistiftfabrikanten „zum Hohepriester der Tranzendentalisten“, wie Susanne Ostwald im Nachwort der sorgfältig kommentierten und überarbeiteten, „klimaneutralen“ Neuauflage schreibt.

Überraschend aktuelle Bezüge

Tatsächlich ist vieles, was dem humanistisch gebildeten Amerikaner mit einem Faible für die indische Mythologie durch den Kopf ging und was er sogleich niederschrieb, heute aktueller denn je: Er plädiert für Nachhaltigkeit und einen einfachen Lebensstil, beklagt den Raubbau an der Natur und den Fortschrittsglauben und kritisiert die unhinterfragte Reiselust: „Es lohnt sich nicht, rund um die Welt zu reisen, nur um die Katzen in Sansibar zu zählen.“ Ostwald würde Walden der heutigen Jugend als Begleiter empfehlen, liefere es „doch gute Argumente dafür, mit leichtem Gepäck zu reisen und Neues auszuprobieren; es stemmt sich couragiert gegen Werteverlust und ist von Optimismus durchdrungen“.

Naturpoesie und Aussteiger-Philosophie

Doch Vorsicht, Walden ist keine einfache Kost. Der vielseitig gebildete Harvard-Absolvent Thoreau macht es seinen Lesern nicht leicht. Die gut 530 eng bedruckten Seiten sind eine wilde Mischung aus Aussteiger-Philosophie, Naturpoesie, Fortschrittsschelte, Bildungs-Kanon und Do-it-yourself-Anleitungen. „Ich bin unendlich gerne alleine“, gesteht Thoreau zwischendurch. Tatsächlich mangelt es dem Einsiedler auf Zeit an Verständnis für seine Mitmenschen, Weltverbesserer sind ihm verdächtig, von Liebesabenteuern hält er sich fern. Dafür fühlt sich der Asket, der in seinem Aussteigerjahr am liebsten von Bohnen und Kartoffeln lebt, den Bäumen und Tieren des Waldes nahe.

Himmelswasser und Sternenstaub

Die  Naturschilderungen in Walden gehören zum Schönsten, was die Literatur zu bieten hat. „Himmelswasser“ ist für ihn der Walden-See, „ein Spiegel, der nie zerspringt“. Und lange bevor ein Wohlleben das geheime Leben der Bäume publik machte oder Waldbaden zum Modewort wurde, sah sich Thoreau „eins mit dem bebenden Laub von Erle und Pappel, dass es mir fast den Atem verschlägt“. Von seinem Experiment im Wald fühlte sich der Freigeist jedenfalls reich belohnt: „Die wahre Ernte meines Alltags ist etwas so Ungreifbares und Unbeschreibliches wie das Farbenspiel am Abendhimmel. Ein wenig Sternenstaub, den ich einheimste, ein Stück Regenbogen, das ich zu fassen bekam.“

Vom Fluss der Zeit

Für Corona-Geschädigte könnten solche Sätze eine Anleitung dafür sein, das Glück der kleinen Dinge neu zu entdecken.  Dazu noch ein  Zitat aus Walden: „Die Zeit ist nur der Fluss, an dem ich angeln gehe. Ich trinke daraus, aber während ich trinke, sehe ich den sandigen Grund und merke, wie seicht er ist. Er verströmt sich, aber die Ewigkeit bleibt. Ich möchte mit volleren Zügen trinken, am Himmel angeln gehen, auf dessen Grund die Sterne wie ebenso viele Kiesel schimmern.“
Info: Henry D. Thoreau. Walden oder vom Leben im Wald, Manesse, 520 S., 25 Euro

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