Ein Afghane in Italien

6. Februar 2022

17 Jahre ist es her, dass der jugendliche Enaiat nach einer jahrelangen, beschwerlichen Flucht Italien erreicht hat. Sein Vater war in Afghanistan getötet worden, die Mutter hatte ihn nach Pakistan in Sicherheit gebracht und war mit den jüngeren Geschwistern zurück geblieben, bedroht von Verfolgung und Krieg. In Italien begegnet der junge Afghane dem Autor Fabio Geda, der seine Geschichte aufschreibt. Das Buch „Im Meer schwimmen Krokodile“ wird ein Verkaufshit und in 33 Sprachen übersetzt.

Fabio Geda hilft beim Buch

Im neuen Buch „Im Winter Schnee, nachts Sterne“ berichtet Enaiat nun selbst, wie es weiter ging – hin und wieder unterstützt von Fabio Geda. Der junge Afghane fühlt sich in Italien angekommen, kann lernen, sogar studieren. Hier hat er Freunde, baut sich eine Existenz auf. Aber er weiß auch, dass seine Mutter und seine Geschwister in ständiger Bedrohung und unter erbärmlichen Umständen leben.

Sehnsucht nach der Heimat

Auch von diesem Leben erzählt Enaiat – manchmal fast lakonisch, dann wieder voller Poesie. Seine Sprache ist durchdrungen von der Sehnsucht nach dem verlorenen Land seiner Kindheit: „Ich heiße Enaiatollah Akbari, aber alle nennen mich Enaiat. Ich kam in Afghanistan zur Welt, im Hazarajat, einer sehr unwegsamen, felsigen Bergregion westlich von Kabul, übersät von Weideflächen und mit dem klarsten Himmel, den man sich nur vorstellen kann. Im Winter Schnee, nachts Sterne – so unendlich viele, dass man sich regelrecht die Taschen damit füllen kann.“

Der Tod der Mutter

Als er nach langer Suche die Familie wiederfindet, kann er den Kontakt nur per Smartphone halten. Und so erfährt er auch vom Tod der Mutter. Diese Nachricht stürzt den jungen Mann in eine tiefe Lebenskrise, aus der er sich nur langsam wieder herausarbeitet. Deshalb beschließt Enaiat, als seine Schwester ihr viertes Kind erwartet, gegen alle bürokratischen Widerstände, zu ihr zu reisen und sie zu unterstützen.

Alte und neue Heimat

Das Wiedersehen nach 17 Jahren katapultiert ihn zurück in eine längst verdrängte familiäre Nestwärme, die er so lange entbehrt hat: „Ich sah sie nur an, und sie sah mich an, so als suchten wir beim jeweils anderen nach Spuren des Bruders, der Schwester, die wir zurückgelassen hatten.“ Die Reise verändert sein Leben. Denn   er lernt dabei auch die Frau kennen, mit der er es teilen will. Und nach der Überwindung vieler bürokratischer Hürden holt er mit ihr ein Stück alter in die neue Heimat.

Verständnis für Geflüchtete

Enaiat ist einer von vielen Geflüchteten, die in Europa angekommen sind. Nicht alle haben gute Erfahrungen mit den Staaten gemacht, in denen sie gelandet sind. Auch wenn sie sich angestrengt haben, sich in einer für sie neuen Kultur zurecht zu finden, sich anzupassen. Doch Enaiats Geschichte könnte dazu führen, Vorurteile gegenüber Geflüchteten abzubauen und zu verstehen, was Menschen dazu bewegt ihre Heimat zu verlassen.
 

Hineingelesen…

… in Amerikas Angriff auf Afghanistan

Den Frühling über bleiben sie also im Flüchtlingslager, meine Mutter, Norband und Gulpari, und auch den darauf folgenden Sommer über, bis er erneut Herbst wurde (der Herbst des Jahres 2002) – die Jahreszeit, wenn der Himmel normalerweise klarer ist als sonst. Nur, dass er in jenem Jahr von einem Tag auf den anderen von riesigen Flugzeugen verdunkelt wurde, die Bomben und Geschosse abwarfen. Meine Schwester kann sich noch gut daran erinnern. Sie ist es auch, die mir davon erzählt hat. Sie sagt, sie hätten sie an Fliegen erinnert: an riesige Schmeißfliegen, die im Flug immer wieder neue gebaren. Die amerikanische Luftwaffe. Die Reaktion auf die Anschläge vom 11. September.
Das geschah ganz plötzlich, so als hätte sich ein Vorhang geöffnet, um den Blick auf die Darsteller freizugeben, die stumm zwischen den Bühnenrequisiten gewartet hatten. Sie waren längst da, nur dass man nichts davon geahnt hatte.
Anfang Oktober war das. Einen Monat lang verdüsterte sich der Himmel über den Menschen und fing Feuer. Flammen und Rauch stiegen von Stadt und Umland auf. Gab es dort vielleicht eine Taliban-Basis? Raketenbeschuss. Gab es dort etwas, das so aussah wie eine Taliban-Basis? Raketenbeschuss? Fuhr ein Auto vorbei? Wer ist da drin? Egal, Feuer frei.
Noch mehr Raketenbeschuss. Tag und Nacht, auf alle und alles. Tausende von Toten, darunter viele Zivilisten. Die offizielle Statistik spricht von fast fünftausend Opfern in den ersten vier Monaten der Bombardierungen, andere gehen sogar von bis zu zwanzigtausend Zivilisten aus, die in diesem ersten Kriegsjahr infolge von Anschlägen, Verletzungen, Hunger und unbehandelten Krankheiten ums Leben gekommen sind.
In diesen Tagen glaubte das gesamte afghanische Volk sterben zu müssen und höchstens noch Zeit zu haben, ein letztes Wort an Gott zur richten, falls es noch etwas zu berichten gab, und dann tschüs. Und das nicht nur in der Hauptstadt Kabul, auf die die Amerikaner ihre Angriffe konzentrierten, um die Taliban zu zwingen, die Regierungsgebäude zu verlassen, sondern auch in den Tälern, auf dem Land, in den entlegensten Provinzen…
… Dann leerte sich der Himmel nach und nach, und die Flugzeuge verschwanden, wie mir meine Schwester erzählte. Die Angriffe wurden seltener, und die Erde hörte auf zu beben. Ihre erste Erinnerung an die Zeit danach ist Musik. Auf einmal hörte sie Musik, was schon seit Jahren verboten war (mit Ausnahme der aus den Moscheen und aus den Mündern der Muezzin). Die Musik war einfach überall. Sie drang aus den Häusern und unter den Steinen hervor. Es war, als versuchte jede einzelne Rubah und jede einzelne Damburo, die jahrelang im Schrank versteckt worden waren, die Melodie der anderen aufzunehmen. Aus den Radios plärrten Lieder von Dawood Sarkhosh und Ahmed Zamir sowie indischer und pakistanischer Pop.
Die Amerikaner stiegen vom Himmel herab, man sah sie nun auch in den Straßen.
Auf einmal war Kabul eine ganz andere Stadt.

Info Fabio Geda/Enaiatollah Akbari. Im Winter Schnee, nachts Sterne, C. Bertelsmann, 224 S. 20 Euro

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