Glueck im Krieg

5. September 2019

Steffen Kopetzky legt mit „Propaganda“ ein ehrgeiziges Anti-Kriegs- Epos vor,   in dem er zwei amerikanische Kriegseinsätze miteinander koppelt. Bindeglied ist  ein Weltkriegs- und Vietnamveteran.  Ein Kriegsversehrter, der weiß, was Napalm anrichten kann und der sich seit einer Begegnung mit dem Gift buchstäblich in seiner amerikanischen Haut nicht mehr wohl fühlt. John Glueck heißt der Mann, der sich wegen eines Verkehrsdelikts verhaften und einsperren hat lassen.

Die Hölle im Hürtgenwald

Glück hatte der Mann in seinem Leben auch – immerhin hat er überlebt – aber vor allem jede Menge zu erzählen. Er war dabei bei einer der schlimmsten Niederlagen der Army im Hürtgenwald und ist 1971 aktuell in die Publikation der brisanten Pentagon Papers verwickelt, die den Amerikanern grausame Wahrheiten über den Vietnamkrieg bescheren. Jetzt also sitzt der Held im Knast und schreibt sein Leben auf. Er hat mit Salinger und Bukowski bei einem Creative Writing Kurs die Schulbank gedrückt und gesoffen, und er trinkt mit dem genialen Säufer Hemingway im Hürtenwald gegen die Angst – und dessen Schreibblockade – an.

Amerikanische Propaganda gegen die Nazis

Vor allem aber ist Glueck als Abkömmling deutscher Auswanderer vernarrt in die deutsche Kultur. Deshalb übernimmt er im Krieg gegen die Nazis den Job, die Deutschen mit amerikanischer Propaganda zu beglücken. Und Kopetzky übernimmt die Aufgabe, über diesen John Glueck eine der schrecklichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs zu beschreiben. Das oft Unerträgliche würzt er mit humorigen Anekdoten wie der vom indianischen Riesen, der die toten Feinde skalpiert.

Literarisches Denkmal für die Helden aus Übersee

Der Autor hat unglaublich viel recherchiert mit dem Ziel, den Lesern den amerikanischen Einsatz bei der Befreiung von der Nazi-Diktatur vor Augen zu führen. „Ich wollte diesem gigantischen Ringen mit all seinen Fehlern und Schwächen und auch Schwierigkeiten, denen sie ausgesetzt waren, ein Denkmal setzen“, sagte er in einem Interview. Das ist ihm zumindest teilweise gelungen. Und doch hat er in diesem 500-Seiten-Werk den Bogen überspannt. Zu stark wirken die schaurigen Bilder aus dem Hürtgenwald nach, überlagern die wohlmeinenden Gedanken und die Kritik am Vietnamkrieg, die John Glueck in seinem ausufernden Schluss-Plädoyer vor dem Gericht mit Fakten untermauert.

Wenn die Lüge regiert

Was hängen bleibt nach dieser für sensible Gemüter oft schwer erträglichen Lektüre ist das Fazit: Im Vietnamkrieg hat Amerika nicht nur seine Unschuld verloren, sondern auch den Anspruch darauf, als Retter der Welt aufzutreten: „Wir fingen an, unserer eigenen Progaganda zu glauben. Jetzt regiert die Lüge. Die Politik ist am Ende. Die Generäle entscheiden über die Kriegsziele. Unsere Propaganda interpretiert nicht mehr unsere Wirklichkeit in einem bestimmten Licht. Sie schafft sie.“
Wer denkt nicht bei diesen Worten an die Fake News der Gegenwart?
Info: Steffen Kopetzky. Propaganda, Rowohlt Berlin, 496 S., 25 Euro

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