Grenzerfahrungen

9. Januar 2021

Über die Grenzen zu gehen oder zu fahren kann – je nachdem – abenteuerlich oder auch lebensgefährlich sein.  Kommt darauf an,  woher man kommt und wohin man unterwegs ist. „Die drei Musketiere“ nennen sie sich, die drei Freunde, die von Wien aus nach Teheran radeln wollen. Das Männertrio ist gut aufeinander eingespielt und so fängt das Abenteuer auch super an – mit schönen Frauen, tollen Clubs und neuen Bekanntschaften.

Von der Freiheit des Reisens

Und Paul, der darüber auch ein Blog und später ein Buch schreibt, ist voller Enthusiasmus. Was er in Belgrad notiert, können sicher viele nachvollziehen, denen das Reisen in diesen Zeiten besonders fehlt: „Es gibt keinen Alltag beim Reisen. Die Tage sind ungemein voll und alles, was man zu sehen bekommt, ist neu. Landschaft – neu, Menschen – neu, Städte – neu. Man fährt jeden Tag ins Ungewisse und weiß nie, was einen erwartet. Das ist Freiheit. Oder?“

Toleranz gefragt

Auf diese Freiheit müssen die meisten derzeit verzichten, dafür können sie sich mit diesem Buch in ein Abenteuer vertiefen, das dann doch nicht immer so verläuft wie erträumt. Denn nach Wochen im Radsattel und gemeinsamem Schlaf im kleinen Zelt kommen selbst die drei Musketiere ans Ende ihrer Toleranz.  Die Enge wird zur Herausforderung. „Mich machen Anstrengung und komfortlose Lebensbedingungen schön langsam aggressiv“, gesteht Paul zwischendurch. Und doch: Es ist ein fantastisches Abenteuer, was die drei zusammen erleben, neue Freundschaften und interessante Einblicke in andere Kulturen inklusive.

In der anderen Richtung

Das Spannende an diesem Buch aber ist, dass zwischendrin auch Filip aus Syrien und Malek aus Afghanistan zu Wort kommen – geflohen vor Assads Schergen der eine, der andere vor der Rache der Taliban. Ihr unfreiwilliger Weg über die Grenzen führt sie quasi entgegengesetzt zu dem der drei Freunde – aus dem Orient nach Österreich. Und gegen das, was Malek und Filip auf ihrer Flucht erleben, ist die Radtour der drei Freunde ein Sonntagsspaziergang.  Malek wäre unter einem Bus beinahe erstickt, Filip im Schlauchboot beinahe ertrunken. Sie haben Kälte und Regen ausgehalten, sind durch den Dreck gerobbt, von Polizisten verfolgt und von Schleusern bedroht worden.

Keine offenen Türen

Im Gegensatz zu den drei Abenteurern haben ihnen nur selten die Menschen, die sie um Hilfe baten, ihr Herz oder ihre Türen geöffnet. Auch die Flüchtigen selbst können sich kein Mitleid leisten, auf ihrem langen Weg ist jeder sich selbst der Nächste: „Der Mann sinkt in sich zusammen, ich lasse ihn zurück. Ich muss. Ich verhärte mein Herz, ich kann jetzt kein Mitleid haben. Ich muss überleben.“ Es ist der Zusammenschnitt der unterschiedlichen Erzählungen, der deutlich macht, wie nah alles beieinanderliegt – das Abenteuer und die Flucht, Lebenslust und Todesgefahr, Menschlichkeit und Grausamkeit.  Ein Buch nicht nur für Menschen, die davon träumen, über die Grenzen zu gehen.

Info: Franz Paul Horn. Über die Grenzen, Kremayr & Scheriau, 400 S., 22 Euro

 

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