Schlaflos in Marseille

2. Januar 2020

Gianrico Carofiglio ist bei uns eher als Krimi-Autor ein Begriff.  In seinem Roman „Drei Uhr Morgens“ macht der Italiener sich auf eine Seelenerkundung. Eigentlich hatte Antonio kaum Kontakt zu seinem Vater. Die Eltern waren geschieden, und wenn man sich sah, kam man sich kaum näher. Als er wegen einer langwierigen Untersuchung mit dem Vater nach Marseille fährt, werden die Tage und schlaflosen Nächte für beide zu einer Reise ins Unbekannte: „Mir ging auf, dass ich gar nicht wusste, wie ich mit meinem Vater umgehen oder mit ihm reden sollte.“ Das wird sich ändern. Denn die beiden haben alle Zeit der Welt, sich einander anzunähern.

Zwei Tage und zwei Nächte ohne Schlaf

Für die Untersuchung soll Antonio zwei Tage und zwei Nächte ohne Schlaf zubringen, und sein Vater unterstützt ihn dabei. Vater und Sohn lernen dabei nicht nur einander besser kennen, auch das eher spröde Marseille, das ihnen anfangs nur hässlich und abweisend vorkam, erschließt sich ihnen mehr und mehr. Und Antonio muss erkennen, dass das Bild, das er sich von seinem Vater gemacht hat, auf falschen Voraussetzungen beruhte, dass die Trennung der Eltern wohl ganz andere Hintergründe hatte als die, die er sich vorgestellt hatte.

Poetische Seelenerkundung

Auch dem Vater macht die Annäherung an den Sohn sichtbar Freude: „Weiß du eigentlich, dass ich richtig Spaß habe?“ fragt er kurz vor der Auszeit am Strand. „Dieser Satz brach mir das Herz“, gesteht Antonio. „Ich auch“, sagte ich, und es stimmt. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie soviel Spaß gehabt.“ Gianrico Carofiglio schildert in seinem Roman eine komplizierte Annäherung, fast poetisch lotet er die Tiefen der menschlichen Seele aus und rührt damit ans Herz der Leser.
Wie Antonio würden sie den beiden am liebsten noch länger durch die Marseiller Nacht folgen: „Die Vorstellung,von dem, was wir gerade erlebten, zu erzählen, bedeutete, alles wäre vorbei, und ich wollte nicht, dass es vorbeiging, ich wollte in dieser Schwebe bleiben, auf dieser Grenzlinie, auf dem Punkt zwischen vorher und nachher.“
Info. Gianrico Carofiglio. Drei Uhr Morgens, Folio, 185 S., 20 Euro

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