Oh, wie schön ist Bozen!
Reisebücher , Rezensionen / 21. Mai 2024

Das Oh mit dem Ausrufezeichen zeigt schon an, dass dieser Reiseführer über Bozen anders ist, dass er zum Staunen anregen will. Und dieses Versprechen halten Maria Kampp und Oswald Stimpfl auf 160 ebenso unterhaltsamen wie informativen Seiten. Alte Fresken und moderne Kunst Tatsächlich lernt man die Südtiroler Hauptstadt von den unterschiedlichsten Seiten kennen. Da ist so ziemlich alles drin, was den Südtirol-Gästen Freude macht: Die Kunst mit uralten Fresken in Kirchen, Kapellen und in der Burg aber auch moderne Kunst im trendigen Ambiente. Weder die Autorin noch der Autor haben Berührungsängste mit der Moderne. Frischer Stil Das gilt auch für den Stil und die Fotos.  Frisch und manchmal auch frech kommen die Texte daher – mit Anglizismen als Stilmittel. Da darf dann schon mal ein Fresko zum Weltuntergang ziemlich respektlos beschrieben werden: Während die Reichen vom Reiter Tod niedergemäht werden, bleiben die Seelen der Armen verschont. „Engel begleiten in den Himmel. Dort geht‘s auf die Waage. In einer Waagschale sitzt die gute Seele und wiegt schwer, auf der anderen Schale versucht der Teufel vergeblich, die Waagschale hinunterzudrücken. Der Reiter schwingt derweil die Sense und mäht Menschenköpfe…“ Schräge Perspektiven Auch die Fotos sind anders als die üblichen Hochglanz-Bilder und zeigen so manches…

Gefühle auf dem Müll
Rezensionen , Romane / 19. September 2022

Die Italienerin Nicoletta Verna hat bisher Sachbücher geschrieben. „Der Wert der Gefühle“ ist ihr Romandebüt. Und das ist ziemlich aufregend: Sie sind ein glamouröses Paar, die schöne Bianca und der erfolgreiche Herzchirurg Carlo. Doch sind sie auch glücklich? Zumindest bei Bianca, der Ich-Erzählerin in Nicoletta Vernas verstörendem Roman, kommen schnell Zweifel auf. Was hat es auf sich mit ihrem Zwang, Abfälle zu sortieren? Oder Dinge zu kaufen, um sie im Müll zu entsorgen? Das Drama ihres Lebens Nicoletta Verna gibt immer wieder kleine Hinweise auf ein Drama, das Biancas Leben überschattet – es ist der Tod ihrer bewunderten Schwester Stella. Doch warum das so ist und wie die 14-jährige Stella gestorben ist, das enthüllt sich den Lesenden nur ganz allmählich. Der Tod und seine Folgen Dafür erfahren sie, dass Biancas Mutter nie über den Tod ihrer älteren Tochter hinweg gekommen ist, dass der Vater die trauernde Familie verlassen hat, dass Bianca kaum Freunde oder Freundinnen hat. Außer Liliana, die engste Freundin Stellas, die auf den Rollstuhl angewiesen ist. Sie macht ihr Handicap allen anderen zum Vorwurf und scheint eine sadistische Freunde dabei zu empfinden, Bianca mit Erinnerungen an ihre tote Schwester zu quälen. Und dann wäre da noch die selbstgefällige…

Erfundenes Leben
Rezensionen , Romane / 26. August 2022

Baret Magarian wurde in London geboren, hat armenische Wurzeln und lebt in Florenz, er hat als Journalist, Schauspieler, Theaterleiter und Aktmodell gearbeitet, hat Persönlichkeiten wie Salman Rushdie oder Peter Ustinov interviewt und sich seit Schulzeiten als Autor versucht. Auch diese Erfahrungen münden wohl in den surrealistischen Roman „Die Erfindung der Wirklichkeit“ – zugleich Medienschelte und Gesellschaftssatire. Zwei Männer, ein Plan Im Mittelpunkt stehen zwei höchst ungleiche Männer: Der Autor Daniel Bloch, ein Mann in der Midlife-Krise, der an einer Schreibblockade leidet und auf der Suche nach Intuition ist. Und der junge Oscar Babel, scheinbar ein geborener Looser, der als Filmvorführer arbeitet, nachdem er sich erfolglos als Maler versucht hat. Dann kommt Bloch die Idee: „Ich könnte eine Geschichte über dich schreiben“, sagt er zu Oscar. „Ich würde mir gern ein anderes Leben für dich ausdenken. Eine Parallelwirklichkeit. Ich könnte eine mögliche Zukunft in Worte meißeln.“ Scheinwelt der Social Media Gesagt, getan. Was dann passiert, erschreckt den Autor zu Tode: Oscars Leben passt sich Blochs literarischen Skizzen an. Es beginnt mit einer Katze und führt geradewegs hinein in die Scheinwelt der Social Media. Und während Bloch dem eigenen Projekt immer ängstlicher gegenüber steht – „Weißt du, dass Kunst töten kann?“ hatte…

Das Schweigen der Dörfler
Rezensionen , Romane / 24. März 2022

Massimo Carlotto ist nicht nur einer der bekanntesten italienischen Kriminalschriftsteller, er kennt sich auch aus im Milieu. War er doch selbst für längere Zeit Häftling, ehe er vom Präsidenten begnadigt wurde. Das hat seine Einstellung gegenüber der wuchernden Kriminalität im Land der Mafia geprägt. Auch der neue Roman „Und es kommt ein neuer Winter“ ist Ausdruck seiner Skepsis, dass sich daran etwas ändern könnte. Außer Kontrolle Der erfolgreiche Immobilien-Unternehmer Bruno Manera aus der Stadt ist nach der Heirat mit der wesentlich jüngeren Federica in ihr Dorf gezogen. Doch dort wird er nie Wurzeln schlagen. Nicht nur die alteingesessene Familie seiner Frau lehnt ihn ab, das ganze Dorf ist gegen ihn. Die vom Liebhaber seiner Frau geplante und bezahlte „Abreibung“ gerät außer Kontrolle. Tödliche Kastanien Dem ersten Mord folgen weitere. Und das Dorf hüllt sich in verhängnisvolles Schweigen. Jeder und jede könnte Täter sein, hätte ein Motiv. Auch der örtliche Maresciallo hat kein echtes Interesse an einer gründlichen Aufklärung. Dass es am Ende doch noch den lange unauffälligen Strippenzieher erwischt, hat mit einer Frau zu tun, die ihre Familie retten will. Und mit „Marrons glacés“, eingelegten Esskastanien. Minimalistischer Stil Dass der Genuss dieser aufwändig hergestellten Spezialität tödliche Folgen haben kann, wird…

Unterwasserwelten
Reisebücher , Rezensionen / 16. Dezember 2021

Der Ozean ist eine Welt für sich, geheimnisvoll, scheinbar grenzenlos und extrem gefährdet. Denn durch menschliche Eingriffe verändern sich die Weltmeere, das Wasser erwärmt sich, der Sauerstoff nimmt ab, Tiere sterben aus. Die Folgen können auch die Existenz der Menschheit bedrohen. „Unser Leben hängt vom Meer ab, die Gesundheit und die Zukunft des Meeres von uns“, schreibt die Meeresbiologin Mariasole Bianco im Vorwort zu ihrem Buch „Planet Ozean“. Sagenumwobene Tiefsee Sie will die Menschen für die Schönheit und die Gefährdung des Meeres sensibilisieren und nimmt sie mit in die Sagen umwobene Tiefsee mit Vulkanen, Wasserfällen und einer Vielfalt von Lebewesen. Nach der Dämmerzone, einer Wunderwelt mit leuchtenden Würmern, Quallen und Fischen, geht es in die „tiefsten Tiefen“, die bis hinunter auf 11 000 Meter reichen. Dorthin, wo  im Ozean ewige Dunkelheit herrscht und „Meeresflocken“ zu einem Fest für Tiere werden, die in dieser lebensfeindlichen Umwelt existieren. Die Plastik-Gefahr Perfekte Symbiosen. Und doch ist es dem Menschen gelungen, das natürliche Gleichgewicht zu zerstören – allein durch Plastikmüll. Jedes Jahr gelangen etwa acht Millionen Tonnen Plastik in die Ozeane, „das ist so, als ob jede Minute ein Müllwagen seine Ladung ins Meer schütten würde“. Noch schlimmer sind Mikroplastik-Partikel, wovon es heute in…

Lehren vom Berg
Rezensionen / 22. April 2021

Auf den Bergen lebt die Freiheit. Vom Berg herab wirkt die Welt anders, kleiner. Die Alltagsprobleme relativieren sich. Nicht nur deshalb hat sich der zum Menschenfeind gewordene Ich-Erzähler in Ivica Prtenjacas Roman „Der Berg“ für eine Auszeit als Brandwächter in einer Karaule (Wachhütte) auf einer kroatischen Insel entschieden. Ekel an der Zivilisation Die Kunst- und Verlagsszene mit ihren Eitelkeiten und Intrigen ekelt ihn an, die Menschen ekeln ihn an. Wohl fühlt er sich allein in Gesellschaft des altersschwachen Esels Visconti und später auch einer herrenlosen Hündin. Er erinnert sich an Ereignisse in seiner Kindheit, denkt über sein Leben nach. Weitab der Zivilisation, die er durch sein Fernglas, das er Auge nennt, beobachtet, versucht der Mann, wieder Tritt zu finden in seinem Leben. Begegnungen am Berg Die ewig gleichen Rundgänge am Berg haben etwas Meditatives. Die Begegnungen mit den Einheimischen und ihren Tragödien erden ihn. Doch am Berg muss er sich auch mit Touristen auseinandersetzen, mit verirrten Bikern, seltsamen Sinnsuchern und modernen Pilgern. Lob der Einsamkeit Trotzdem ist seine Einsamkeit umfassend, sie macht ihn zu einem neuen Menschen: „Meine Einsamkeit berauscht mich geradezu. Ich bin eins geworden mit diesem Berg, mit der Karaule, mit dem Wald,den Wegen und den Tieren. Ich…

Römische Abgründe
Rezensionen / 15. April 2021

Giancarlo de Cataldo, 1956 im italienischen Tarent geboren, ist Richter am Berufungsgericht in Rom und erfolgreicher Romanautor. Seine intime Kenntnis der römischen Gesellschaft hat ihn zu einem misstrauischen Zeitgenossen gemacht. Mit Argwohn beobachtet der die Unterwanderung demokratischer Strukturen durch Kriminelle. Auch im neuen Krimi „Alba Nera“ bildet diese Gemengelage das Gerüst für eine Mordsgeschichte um osteuropäische Huren, mächtige Bosse und intrigante Emporkömmlinge. Parallelen zu einem alten Fall Alles beginnt mit zwei Straßenjungs, die über das Schicksal eines Mädchens streiten, das nach der japanischer Fesselkunst Shibari mit bunten Seilen zu einem Paket verschnürt ist. Töten oder leben lassen? Die hinzu gerufene Polizei stellt alsbald Parallelen zu einem Mord fest, der vor zehn Jahren Aufsehen erregt hat und den die drei Jung-Polizisten Alba Doria, Sax und Gianni, genannt Biondo, gemeinsam gelöst haben. Die Last der Vergangenheit Der neue Fall bringt die drei Freunde wieder zusammen. Doch sie sind nicht mehr die selben wie vor zehn Jahren. Sax ist inzwischen mit der Tochter des mächtigen Geheimdienstbosses Cono verheiratet und Vater einer Tochter. Die schöne Alba ist gekennzeichnet von einer „dunklen Triade“, einer Mischung aus Narzissmus, Soziopathie und Macchiavellismus, die mit einer kühnen Rücksichtslosigkeit einhergeht, wie sie etwa James Bond zu eigen ist. Und…

Am Rand der Gesellschaft
Rezensionen / 28. August 2020

Da hat Massimo Carlotto ein ganz besonderes Trüppchen für seinen Roman „Die Frau am Dienstag“  zusammengebracht.  Es sind Menschen, die in unserer Gesellschaft aus der Norm fallen: Der an Parkinson erkrankte Pornostar Bonamente, der alte Transvestit und Pensionsbesitzer Alfredo und Nana, die Prostituierte, der ein Mord zur Last gelegt wird. Freunde in der Not Nana sucht jeden Dienstag bei Bonamente sexuelle Befriedigung, mehr will sie nicht von ihm. Doch Bonamente hat sich verliebt in seine Dienstagfrau, und als sie in Not gerät, weil nicht nur die Polizei ihre Vergangenheit gegen sie verwenden will, steht er ihr bei. Ohne Wenn und Aber. Auch Alfredo will da nicht zurückstehen und überwindet sich zu einem mutigen Eingreifen – mit Folgen. Kein Recht auf Vergessen Zunächst sieht alles gut aus, fast so, als könnten Nana und ihr Gigolo im Haus von Alfredo auf gemeinsames Glück hoffen. Doch die Vergangenheit holt Nana wieder ein. Nur gut, dass sie in einem geheimnisvollen Verehrer, dem Cowboy, einen ebenso tatkräftigen wie klarsichtigen Unterstützer hat. Er verhilft seiner Freundin zur Flucht aus der Sackgasse, in die sie sich manövriert hat. Denn die Öffentlichkeit und die Polizei, davon ist der Cowboy überzeugt, gewähren Menschen wie ihr kein Recht auf Vergessen….

Leben und Lieben im Brexit-Land
Allgemein / 3. Februar 2020

Sie sind ganz normale Bürger in mittleren Jahren und sie leben in den englischen Midlands, da, wo man auch Tolkiens Hobbits verorten könnte. Der lange glücklose Autor Benjamin Trotter, seine Schwester Lois, seine Freund Doug, ein linker Journalist, und Philip, ein Kleinverleger. Jonathan Coe hat über diesen Personenkreis schon öfter geschrieben, etwa 2001 in „The Rotters Club“. Doch „Middle England“, der Roman, den die englische Kritik als „Brexit-Roman“ einstufte, ist anders. „Dies ist ein Buch, das die Gegenwart voraussagt“, urteilte der Guardian. Miese Stimmung im Land Tatsächlich setzt die Handlung 2010 ein, als Cameron mit den Liberaldemokraten die erste Koalition in Großbritannien seit Generationen schmiedete. Die Leser werden Zeugen der Londoner Unruhen und der Ermordung der britischen Labour-Abgeordneten Jo Cox. Sie erleben eine kurze Hochstimmung während der Olympischen Spiele und die Anti-Migranten-Hetze des Nigel Farage. Die Stimmung im Land ist mies, wie Doug feststellt: „Die Leute sind mittlerweile so sauer, und niemand weiß, was man dagegen tun kann. .. Die Wähler sehen diese Typen in der City, die vor zwei Jahren praktisch die Wirtschaft zerstört haben und dafür nie irgendwie belangt worden sind – keiner von ihnen ist in den Knast gewandert, und jetzt streichen alle wieder ihren Bonus ein,…

Schlaflos in Marseille
Rezensionen / 2. Januar 2020

Gianrico Carofiglio ist bei uns eher als Krimi-Autor ein Begriff.  In seinem Roman „Drei Uhr Morgens“ macht der Italiener sich auf eine Seelenerkundung. Eigentlich hatte Antonio kaum Kontakt zu seinem Vater. Die Eltern waren geschieden, und wenn man sich sah, kam man sich kaum näher. Als er wegen einer langwierigen Untersuchung mit dem Vater nach Marseille fährt, werden die Tage und schlaflosen Nächte für beide zu einer Reise ins Unbekannte: „Mir ging auf, dass ich gar nicht wusste, wie ich mit meinem Vater umgehen oder mit ihm reden sollte.“ Das wird sich ändern. Denn die beiden haben alle Zeit der Welt, sich einander anzunähern. Zwei Tage und zwei Nächte ohne Schlaf Für die Untersuchung soll Antonio zwei Tage und zwei Nächte ohne Schlaf zubringen, und sein Vater unterstützt ihn dabei. Vater und Sohn lernen dabei nicht nur einander besser kennen, auch das eher spröde Marseille, das ihnen anfangs nur hässlich und abweisend vorkam, erschließt sich ihnen mehr und mehr. Und Antonio muss erkennen, dass das Bild, das er sich von seinem Vater gemacht hat, auf falschen Voraussetzungen beruhte, dass die Trennung der Eltern wohl ganz andere Hintergründe hatte als die, die er sich vorgestellt hatte. Poetische Seelenerkundung Auch dem Vater…