Schrullige Ermittler

18. Juni 2020

Leonie Swann hat mit ihren Schafkrimis „Glenkill“ und „Garou“ die Leser begeistert. Auch in ihrem neuen Roman „Mord auf Sunset Hall“  dürfen Tiere mitspielen. Doch Schildkröte und Hund müssen sich mit Nebenrollen begnügen. Die Hauptrollen sind von Senioren besetzt. Denn die leben in „Sunset Hall“, dem Haus von Agnes Sharp, die mit ein paar Gleichgesinnten eine Senioren-WG gegründet hat.

Alte Frauen als Opfer

Die erste Tote war die Mitbegründerin dieser WG, und ihr Tod scheint die alten Herrschaften nicht groß zu beunruhigen. Jedenfalls melden sie ihn erst der Polizei, nachdem es eine zweite Tote gegeben hat. Auch diese alte Dame kam durch einen Schuss ums Leben. Die Tote in der Nachbarschaft lässt den Senioren keine Ruhe. Misstrauen macht sich breit, und niemand glaubt, dass die Polizei den Fall wirklich lösen kann. Also macht sich Agnes mit ihrer Truppe auf, die Hintergründe dieses Mordes zu erforschen. Und dann geschieht wieder ein Mord, und wieder trifft es eine alte Frau…

Recherchen in der Senioren-Residenz

Die Senioren-WG ist in heller Aufregung. Vor allem, nachdem Agnes verschwunden ist. Sie hat sich in die Höhle des Löwen begeben, eine Seniorenresidenz, um dort womöglich eine Zeugin zu finden. Was sie herausfindet, ist allerdings etwas anderes. Die alten Herrschaften werden ruhig gestellt, sie sollen möglichst wenig Eigeninitiative entwickeln und schön friedlich und ohne große Umwege auf ihr Lebensende zusteuern.

Und dann auch noch ein Enkel

Mit Sehnsucht denkt Agnes an ihre WG, in der alles anders ist und jede und jeder nach seiner Fasson und seinen Möglichkeiten leben und glücklich sein kann: Die blinde Bernadette, Edwina mit der Schildkröte, der leicht demente Marschall, Winston im Rollstuhl und die quirlige Charlie mit ihrem Hund Brexit. Seit kurzem ist auch der Enkel des Marschalls, Nathan, Teil dieser eigenwilligen WG – und er wird am Ende zur Schlüsselfigur. Doch zuvor dürfen die betagten Hobby-Ermittler noch einen Polizisten beinahe um den Verstand bringen. Und Agnes muss ihre eigenen Erinnerungen hinterfragen. Allen gemeinsam gelingt schließlich die Aufklärung, und so kann sich Schildkröte Hettie in den verdienten Winterschlaf zurückziehen.

Mehr Karikaturen als Charaktere

Die Idee, alte Leute, denen niemand mehr so richtig was zutraut, zu Ermittlern zu machen, und zu zeigen, „dass die mit der richtigen Einstellung Hartnäckigkeit doch einiges auf die Beine stellen“, habe sie reizvoll gefunden, sagte Leonie Swann. Ja, diese Ermittler haben alle ihre Gebrechen, auch Agnes, die sich zunehmend in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sieht. Ihre Schrullen und Unzulänglichkeiten sorgen zwischendurch für wehmütige Heiterkeit. Schade nur, dass die meisten dieser Senioren nur aus Schrullen zu bestehen scheinen und damit eher Karikaturen statt Charaktere sind. Trotzdem bietet Leonie Swann mit ihrer etwas verschrobenen Kriminalgeschichte amüsanten und durchaus spannenden Lesestoff, und manchmal auch Passagen zum Nachdenken darüber, was uns im Alter erwartet.

Hineingelesen…

…in die Senioren-WG

„Zieht euch etwas Anständiges an!“ sagte sie. Ihre Stimme krächzte. „Wir gehen nach Duck End!“
Natürlich gingen sie dann doch nicht, zumindest nicht bis ins Dorf. Und der Einzige, der halbwegs anständig aussah, als er an der Bushaltestelle stand, war Brexit. Charlie hatte ihm ein rotes Lederhalsband mit passender Leine umgelegt, und er machte in seinem grauen, seidigen Fell eine ausgesprochen gute Figur. Von da an ging es bergab. Agnes trug wieder schwarze Bluse und Lippenstift, hatte sich aber in der Eile gründlich vermalt, und sah in etwa so aus, wie man sich eine böse Stiefmutter vorgestellt hätte. Stiefgroßmutter. Winston hatte „anständig“ vor allem als „arm“ interpretiert und komplementierte seine gestrickte Schlafmütze mit einer psychedelisch gemusterten Rollstuhldecke aus den Siebzigern. Charlie trug wieder Mantel und Federhut, und dazu zu allem Überfluss noch eine Fuchsstola inklusive Fuchskopf. Der Fuchs starrte sie mit seinen Harzaugen geringschätzig an. Bernadette war eine Wolke aus miteinander im Konflikt lebenden Rottönen, der Marschall trug mindestens drei Uniformen gleichzeitig, und Edwina hatte statt einer Handtasche Hettie unter dem Arm.
Agnes seufzte. „Hettie hätte es nun wirklich nicht gebraucht“, murmelte sie.
„Hettie war nie nie in Duck Ende“, widersprach Edwina.
„Das hat schon seine Gründe. Sie ist eine Schildkröte. Sie muss nicht ins Dorf.“
„Aber sie will! Sie hat es selbst gesagt. Edwina hielt Agnes eine stoische Hettie unter die Nase.“

Info: Leonie Swann. Mord in Sunset Hall,  Goldmann, 448 S., 20 Euro

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