Roadtrip zum Ich
Rezensionen / 3. Mai 2021

Ciara Geraghty spricht in ihrem Roman existentielle Fragen an:  Gibt es ein echtes Leben im Falschen? Terry Shephard ist eine ganz normale Mittelstands-Mutter mit Mann und zwei erwachsenen Töchtern. Ein eigenes Leben kennt sie nicht, sie wird ja zu Hause gebraucht – bis ihre Freundin Iris, die an fortschreitender MS erkrankt ist, beschließt, in der Schweiz Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Für Terry eine inakzeptable Entscheidung, von der sie die lebensfrohe Iris unbedingt abbringen will. Ungewöhnliches Trio So kommt es, dass sie mit ihrem dementen Vater und der sterbewilligen Freundin eine ganz und gar ungeplante Reise unternimmt, über den Kanal und Frankreich bis in die Schweiz. Ciara Geraghty macht aus dieser ungewöhnlichen Kombination einen tragikomischen Roadtrip, der zu einer Ode an das Leben wird, getreu dem Buchtitel „Das Leben ist zu kurz für irgendwann“. Selbsterkenntnis mit Lebensfeude Für die Ich-Erzählerin Terry wird diese Fahrt, die ja auch so etwas wie eine Flucht aus der Familie ist, eine Offenbarung. Sie lernt sich selbst von einer ganz neuen Seite kennen, bekommt von ihrem Dad und der Freundin soviel Lebensfreude ab, wie sie es seit Jahren nicht kannte. Bei manchen Beschreibungen gleitet die irische Autorin ins Märchenhafte ab, etwa, wenn das seltsame Trio…

Grüner wird’s nimmer
Rezensionen / 1. April 2021

Ein Garten macht angeblich glücklich.  Zumindest glauben das Großstädter wie Sebastian Lehmann, den es auf dem schönen Freiburg nach Berlin verschlagen hat. Reisen ist derzeit gar nicht oder nur eingeschränkt möglich. Kein Wunder, dass Schrebergärten gefragt sind wie selten zuvor – auch in Berlin. Sebastian Lehmann und seine Freundin hätten auch gern so eine stadtnahe grüne Lunge gehabt, aber die war kaum zu bekommen. Der Wilde Westen von Brandenburg Also führt sie die Flucht aufs Land weiter raus ins Grüne, bis nach Brandenburg, „das ein wenig so aussieht wie der Wilde Westen“. Hier finden die beiden Wahl-Berliner, die  der süddeutschen „Kleinstadt-Spießigkeit“ in die Party-Hauptstadt entflohen waren, eine Datsche mit Gartengrundstück an einem See: Auslauf in der Natur, wie ihn der „Kleinkünstler, der Kleingärtner werden will“ erträumte. Doch so ein Garten will gepflegt, so eine Datsche saniert werden. Das Pärchen landet  ziemlich schnell auf dem harten Boden der Realität und muss  erkennen: „Jahreszeiten, die in der Stadt Kulisse sind, erfährt man im Garten am eigenen Leib.“ Noch dazu die Wetterunbilden. Regengüsse und Trockenheit machen den „Mein-Schöner-Garten-Ambitionen“ der Freundin immer wieder den Garaus, und der Kleingärtner fühlt sich immer mehr wie Sisyphos –  nur nicht glücklich. Zwischen Witz und Melancholie Sebastian Lehmann…

Sex sells
Rezensionen / 15. März 2021

Kein Wunder, dass die Autorinnen anonym bleiben wollen. Für ihren Roman „Sex für Wiedereinsteiger“ haben sie sich ganz offensichtlich in ihrem Freundeskreis bedient. Die meisten von uns kennen diese Frauen: Die überforderte Mutter, die unbefriedigte Ehefrau, die unterversorgte Single, die frustrierte Karrierefrau, die Esoterikerin, die Landpomeranze oder die Lesbe… Sie alle treffen sich bei einem Seminar, das ihnen mehr Freude am Sex verspricht. „Schöner kommen in der zweiten Lebenshälfte“ – das wollen sie alle und das wollen wahrscheinlich auch ihre Schöpferinnen. Sex als Stimmungsaufheller „Mila Paulsen ist das gemeinsame Pseudonym zweier befreundeter Autorinnen, die unter ihren wahren Namen seit über zwanzig Jahren erfolgreich Artikel, Kolumnen, Bestseller, Liebes- und Abschiedsbriefe sowie Einkaufslisten schreiben“, heißt es im Klappentext. Auf die Idee zu dem Buch seien sie in einem Gespräch darüber gekommen, „dass großartiger Sex als Stimmungsaufheller besser wirkt als Johanniskrauttropfen und Yoga zusammen“. Tatsächlich macht das Buch Lust und erfüllt in diesen grauen Corona-Zeiten schon mal die Aufgabe des Stimmungsaufhellers. Auch wenn die Retter aus der Frust-Falle ein bisschen zu viel Märchenprinz abgekriegt haben. „Andrea war absolut hingerissen, wie wunderschön dieser nackte, warme Männerkörper aussah. Wie weich und fest zugleich er war. Sogar seine Hände und Füße waren schön, wie konnte das…

Happy Birthday, Janosch!
Allgemein / 10. März 2021

Kaum zu glauben: Janosch, dieser ewig junge Rebell, wird 90!  Als Kinderbuchautor hat er Furore gemacht, und manche Eltern verschreckt. Denn Janosch ist alles andere als angepasst. Er hat sich das Anarchistische seiner Jugend bis ins hohe Alter bewahrt. Seine Inhalte sind antiautoritär und provokant, auch wenn sie als nette Bilderbücher daherkommen. Wie das weltberühmte Buch über Tiger und Bär und ihre Reise nach Panama. Riesenparty mit Überschwemmung Selbst in die „Riesenparty für den Tiger“,  die der Beltz-Verlag zum 90. Geburtstag des Autors herausbrachte,  schleicht sich Rebellisches ein:  Weil ihm die Party zu lasch ist und er sich mehr Rabatz wünscht, setzt Günter Kastenfrosch einfach die Bude unter Wasser „Heerjemine, war das eine Freude für die Gäste!“. So richtigen Rabatz wird sich der Jubilar auf seiner Insel wohl kaum mehr wünschen.  Auch ein Janosch wird ruhiger.  Die philosophische Seite des Autors hat die Zeit bis vor kurzem  in ihrem Magazin gefeiert und ich habe mich immer auf den nächsten „Wondrak“ gefreut.  Nachzulesen sind die Kolumnen in dem Buch „Herr Wondrak, wie kommt man durchs Leben?“  Viel Tröstliches ist unter den kurzen Sprüchen,  sie sind getränkt von einer warmen Mitmenschlichkeit. Kindheit in der Hölle Die hat der Künstler in seinem eigenen…

Schrullige Ermittler
Rezensionen / 18. Juni 2020

Leonie Swann hat mit ihren Schafkrimis „Glenkill“ und „Garou“ die Leser begeistert. Auch in ihrem neuen Roman „Mord auf Sunset Hall“  dürfen Tiere mitspielen. Doch Schildkröte und Hund müssen sich mit Nebenrollen begnügen. Die Hauptrollen sind von Senioren besetzt. Denn die leben in „Sunset Hall“, dem Haus von Agnes Sharp, die mit ein paar Gleichgesinnten eine Senioren-WG gegründet hat. Alte Frauen als Opfer Die erste Tote war die Mitbegründerin dieser WG, und ihr Tod scheint die alten Herrschaften nicht groß zu beunruhigen. Jedenfalls melden sie ihn erst der Polizei, nachdem es eine zweite Tote gegeben hat. Auch diese alte Dame kam durch einen Schuss ums Leben. Die Tote in der Nachbarschaft lässt den Senioren keine Ruhe. Misstrauen macht sich breit, und niemand glaubt, dass die Polizei den Fall wirklich lösen kann. Also macht sich Agnes mit ihrer Truppe auf, die Hintergründe dieses Mordes zu erforschen. Und dann geschieht wieder ein Mord, und wieder trifft es eine alte Frau… Recherchen in der Senioren-Residenz Die Senioren-WG ist in heller Aufregung. Vor allem, nachdem Agnes verschwunden ist. Sie hat sich in die Höhle des Löwen begeben, eine Seniorenresidenz, um dort womöglich eine Zeugin zu finden. Was sie herausfindet, ist allerdings etwas anderes. Die…

Auf der Suche nach der verlorenen Kindheit
Rezensionen / 26. März 2020

Sofia Lundberg, die mit ihrem Debüt „Das rote Adressbuch“ einen Überraschungserfolg verbuchen konnte, ist mit „Ein halbes Herz“ wieder ein Roman gelungen, der mit Sicherheit den Weg in die Herzen der Leser und Leserinnen findet. Es ist eine harte Kindheit, die Elin in Gotland erlebt, wo sie mit ihren zwei jüngeren Brüdern aufwächst. Der Vater, ein Alkoholiker, der im Rausch eine Frau beinahe erschossen hat, sitzt hinter Gittern. Die Mutter Marianne, frustriert und einsam, verliebt sich in den Nachbarn. Er ist der Vater von Elins Freund Frederick, der mit seiner Mutter wegzieht aus dem Dorf. Und Elin fühlt sich immer mehr allein gelassen von allen, die sie liebt. Die Vergangenheit meldet sich zurück Ist das dieselbe Elin wie die schöne, erfolgreiche Fotografin, die in New York von Termin zu Termin hetzt und dabei ihre Familie vernachlässigt? Eines Tages flattert ihr ein Brief ins Haus – von Frederick. Er hat einen Stern nach ihr benannt. Der Brief bringt ihr Leben aus dem Gleichgewicht, Erinnerungen aus ihrer Kindheit, die sie lange verdrängt hat, tauchen auf. Als ihr Mann Sam sie verlässt und sie Gefahr läuft, auch ihre Tochter Alice zu verlieren, beginnt Elin, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Als erstes muss sie…

Pilgern auf japanisch
Rezensionen / 3. Juli 2019

Es gibt viele Gründe, warum sich Menschen auf Pilgerschaft begeben. Bei Lena Schnabl war es eine Krankheit. Das Pfeiffersche Drüsenfieber hatte die Journalistin für lange Zeit außer Gefecht gesetzt. Auf dem 1300 Kilometer langen japanischen Pilgerweg auf der Insel Shikoku, dem wohl ältesten der Welt, wollte die junge Frau, die unter anderem Japanologie studiert hat, sich wieder mit ihrem Körper versöhnen. Japan jenseits der Klischees Geleitet von dem Mantra „Alle. Dinge. Sind. In. Wahrheit. Leer.“ macht sie sich auf die Suche nach dem Nirvana und findet nicht nur 88 Tempel, ein Japan jenseits der Klischees mit ranzigen Unterkünften und vielen alten Leuten, sondern auch schrullige Mit-Pilger, die ihr trotz allem über manche Krise hinweghelfen. Ehrlich beschreibt Lena Schnabl solche Krisen, die ihrer kaum bewältigten Krankheit geschuldet sind aber auch ihrem unpassenden Schuhwerk und mancher falschen Planung: Mal ist „alles Drama“, dann wieder wunderbar. Erkenntnisse im Auf und Ab des Wegs Die Stimmungen wechseln mit den Tempeln, dem Wetter, der Begleitung und den Anforderungen des Wegs. Im Auf und Ab erkennt sie: „Durch die Begegnung mit anderen begegnet man nicht nur sich selbst, man begegnet vielen Dingen. Vielleicht sogar einer neuen Heimat.“ Aber immer wieder gibt es Rückfälle, fragt sie sich,…