Der Osten im Westen
Rezensionen , Romane / 4. Mai 2022

Gelsenkirchen, die Heimat von Schalke 04, Stadt des Bergbaus und der dicken Luft. Und heute „die ärmste Stadt Deutschlands“ trotz sauberer Luft. Ausgerechnet diese Stadt macht der Schriftsteller Gregor Sander zum Objekt einer Erkundung.  In „Lenin auf Schalke“ geht es um den „Osten im Westen“, wie Sanders Freund Schlüppi meint. Schließlich werde es Zeit zurückzugucken. „Weil die aus dem Westen uns seit dreißig Jahren ununterbrochen beschreiben, filmen und betrachten. Die haben uns gedreht und gewendet wie die Schnitzel in der Pfanne und immer noch nichts begriffen.“ Die traurigste Stadtinformation Auch Sander begreift erstmal nichts, als er in Gelsenkirchen bei Schlüppis Cousine, der „Zonengabi“, absteigt und die Abraumhalden betrachtet. Warum die noch da sind, wenn doch schon längst Schicht im Schacht ist, fragt er Gabis Freund Ömer. „Für zum runtergucken“, sagt der und Gabi ergänzt: „Und wegen der Touristen.“ Darauf wäre Sander nun eher nicht gekommen, so abgetakelt wie sich ihm Gelsenkirchen präsentiert: geschlossene Kneipen, verrammelte Schaufenster, bröckelnde Fassaden. Und „die traurigste Stadtinformation der Welt“ in einer winzigen Bude, die sich tapfer abmüht, Gelsenkirchen etwas Sehenswertes abzugewinnen. Empathie für die Stadt der Abgehängten Außer Schalke, aber die sind ja inzwischen auch abgestiegen. Kein Wunder, dass bei den Fans in der Friesenstube…

In der Falle
Rezensionen , Romane / 17. April 2022

„Der Ausflug“ ist der neue Roman des Journalisten und Autors Dirk Kurbjuweit. Und dieser Ausflug, der ganz harmonisch beginnt, führt direkt ins Herz der deutschen Finsternis. Amalia, ihr Bruder Bruno und die Familienväter Gero und Josef, Freunde seit Schultagen, freuen sich auf eine gemeinsame Kanutour und das Auffrischen alter Erinnerungen. Doch schon an der ersten Station, einem Wirtshaus, macht eine Clique Einheimischer ihnen klar, dass sie hier nicht willkommen sind. Böse Vorzeichen Der unverhohlene Hass gilt vor allem Josef, dem schwarzen Deutschen. Doch die vier wollen sich nicht einschüchtern lassen, auch wenn sich böse Vorzeichen häufen. Die gemieteten Kanus sind alt, die Karte ist untauglich, manche Schleuse unpassierbar. Jeder Paddelschlag ist einer auf den Abgrund zu. Auch die Landschaft, in der sie orientierungslos driften, wirkt zunehmend feindlich, und schon bald ist von der anfänglichen Abenteuerlust kaum mehr etwas übrig. Der Kongo im Spreewald Allen ist klar, dass sie in eine lebensbedrohliche Falle geraten sind und es nur mehr darum geht, mit heiler Haut davon zu kommen. Dirk Kurbjuweit skizziert in diesem Roman eine beklemmende Versuchsanordnung, die an Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ erinnert. Nur dass sich der Kongo bei Kurbjuweit im Spreewald befindet. Die Fließe werden zum Symbol der Orientierungslosigkeit,…

Ein Frauenleben zwischen den Welten
Rezensionen , Romane / 30. März 2022

Anne Müller („Sommer in Super 8“) hat mit „Das Lied des Himmels und der Meere“ zwar einen historischen Roman geschrieben. Doch die Hauptperson Emma, die nach Kalifornien auswandert statt einen Mann zu heiraten, den sie nicht lieben kann, ist ihrer Zeit weit voraus. Von Feminismus war zu ihren Lebzeiten noch keine Rede, aber Emma schafft es, ein in vielen Bereichen selbst bestimmtes Leben zu führen. Inspiration durch die Ururgroßtante Hartnäckig kämpft sie gegen die Bevormundung der Eltern und später des Ehegatten an. Anne Müller, die gern Biographisches in ihren Romanen verarbeitet, hat sich vom Leben ihrer Ururgroßtante zur Figur der Emma inspirieren lassen. Sie ist den Spuren ihrer Ahnin gefolgt, die tatsächlich nach Amerika ausgewandert ist und hat aus Fakten und Fiktion einen lesenswerten Roman gestrickt. Zwischen zwei Männern Dabei hat sie es geschafft, die Atmosphäre der damaligen Zeit mit ihren zahllosen Konventionen so erlebbar zu machen wie das Streben der Protagonistin nach dem eigenen Glück. Das Leben der Ururgroßtante gab zwar den Anstoß für den Roman, doch die Leerstellen musste die Autorin mit der eigenen Vorstellungskraft füllen. Und so gerät ihre für die damalige Zeit reichlich emanzipierte Emma zwischen zwei Männer. Dass sie sich für den ihr angetrauten Gatten…

Traumwelt Berg
Rezensionen , Romane / 22. Oktober 2021

Kaum einer beschreibt das Leben in den Bergen so poetisch wie Paolo Cognetti („Acht Berge“). Der aus Mailand stammende Schriftsteller lebt seit 13 Jahren in einer einsamen Hütte im Aostatal. Für ihn eine Art Heimkehr, die er auch literarisch verarbeitet. „Die Berge, in denen ich immer die Sommer meiner Kindheit verbracht hatte, wurden für mich zu einem Ort, um mich wiederzufinden und nochmals neu anzufangen,“ erklärte er in einem Interview mit der FAZ. „Es ist, als verginge die Zeit dort oben viel langsamer. Das ist einerseits befreiend, weil alles andere im Leben sich so schnell wandelt. Andererseits ist es bedrückend, weil man fühlt, wie kurz man selbst nur auf Erden ist.“ Zuflucht an der kalten Quelle Im neuen Roman „Das Glück des Wolfes“ hat Fausto nach der Trennung von seiner langjährigen Partnerin Zuflucht in Fontana Fredda gefunden – „vom Salz der Freiheit kostend und an der Bitterkeit der Einsamkeit knabbernd“. Er ist gern in den Bergen unterwegs und findet in dem knorrigen Santorso einen Freund, dem er nach einem Unfall beisteht. Statt zu schreiben versucht er sich als Koch. „Jemand, der etwas zu essen macht, wird immer gebraucht, jemand, der schreibt, nicht unbedingt“. Seelenverwandtschaft In der kellnernden Bergfreundin Silvia glaubt…

Vertreibung aus dem Paradies
Rezensionen / 24. Juni 2021

„Die Skrupellosen“ ist der Titel des neuen Romans von Sadie Jones.  Schade, dass der Verlag nicht den Originaltitel übernommen hat, The Snakes, die Schlangen. Denn die Schlangen-Metapher zieht sich durch den ganzen Roman. Der deutsche Titel „Die Skrupellosen“ dagegen führt eher in die Irre. Die „heilige Bea“ Die Unterüberschrift für das Buch habe anfangs „Die Unmöglichkeit des Guten“ geheißen, verriet die Autorin. Und genau darum geht es auf den 458 aufwühlenden Seiten. Das Gute verkörpert Bea, Tochter eines skrupellosen Immobilienhais in London, Psychotherapeutin mit Helferinnen-Syndrom und verheiratet mit dem erfolglosen farbigen Künstler Dan. Die „heilige Bea“, so Dans Spitzname für seine Frau, ist eine moralische Instanz aber hin und wieder auch ziemlich nervig. Auszeit mit Folgen Sie hat komplett mit dem Elternhaus gebrochen – den Vater bezichtigt sie der Gier, die Mutter des Missbrauchs. Nur der gescheiterte aber liebenswerte Bruder Alex kann vor ihren Augen bestehen. Bea und Dan leben bescheiden in einer winzigen Wohnung und scheinen mit sich und der Welt zufrieden. Bis sie sich zu einer Auszeit entschließen – und bei Alex in Frankreich Station machen. Verwahrloster Garten Eden Der Drogensüchtige haust in einem heruntergekommenen Hotel, das ihm die Eltern gekauft haben. Als die dann in diesem verwahrlosten…

Mehr Pfützen braucht das Land
Rezensionen / 11. Mai 2021

„Noch ist es für unsere Heimat Natur nicht zu spät“, resümiert Jan Haft am Ende des ersten Kapitels seines gleichnamigen Buches. Der Natur- und Tierfilmer will die Leser wieder das Staunen über die Mannigfaltigkeit der Natur lehren – angefangen bei den kleinsten und unscheinbarsten Lebewesen. Wie dem Lumbricus badensis, dem badischen Riesenregenwurm, der bis zu einem halben Meter lang wird. Oder der Apornectodea Smaragdina, dem smaragdgrünen Regenwurm. Auch die langbeinigen Weberknechte weiß der Naturliebhaber zu schätzen. Zubetonierte Landschaft Umso größer ist sein Kummer über die bedrohte Natur – ob in Wald oder Feld, in Flusslandschaften oder in den Meeren. Auf den Feldern und Feldwegen registriert er einen ökologischen Niedergang als Folge von Herbiziden. Maisäcker bedrohen den Lebensraum Fluss ebenso wie Begradigungen, eine „unvorstellbare Misshandlung unserer Flüsse“. Darüber hinaus „werden jeden Tag etwa 80 Hektar Landschaft zubetoniert“. Kaum mehr ursprüngliche Natur Und im Wald dominieren Monokulturen und Plantagen – eine leichte Beute für Schädlinge oder Windbruch. Dabei hat schon 1713 der Oberberghauptmann Carl von Carlowitz eine nachhaltige Nutzung der Wälder gefordert: Für jeden gefällten Baum sollte in neuer nachgepflanzt werden. Der Erfolg lässt bis heute auf sich warten, weiß Jan Haft: „Es wurde abgeholzt, was der Wald hergab.“ Auch deshalb haben…

Von Bäumen und Menschen
Rezensionen / 5. November 2020

Michael Christie hat ein enges Verhältnis zu Holz.  Der studierte Psychologe lebt mit seiner Familie in einem selbst gezimmerten Holzhaus. Dafür musste er wohl auch Bäume fällen.  Vielleicht spielen Bäume deshalb in seinem neuen Roman „Das Flüstern der Bäume“ eine so große Rolle. 130 Jahre Leben Die Jahre graben sich in die Bäume ein. Hunderte von Jahren alt werden können Baumriesen, wenn das Klima und die Menschen es zulassen. Das Schicksal von Mensch und Natur ist enger verwoben, als die meisten Menschen glauben. Das zumindest lässt sich aus Michael Christies großer Familiensaga  herauslesen. Von 2038 bis 1908 und zurück bis 2038 verfolgt der kanadische Autor vier Generationen von Menschen, die das Schicksal zu einer Familie zusammengeschmiedet und dann wieder getrennt hat. Durch Zufall Familie Diese Greenwoods sind keine moderne Patchwork-Familie, die sich selbstbestimmt gegründet hat. Reiner Zufall hat Harris und Everett, zwei Jungen, die einen traumatischen Unfall überlebt haben, zu Brüdern gemacht. Das Leben wird den einen zum Holzmillionär, den anderen zum Vagabunden machen – und sie doch wieder zusammenführen, als es darum geht, das Leben eines ausgesetzten Kleinkinds zu retten. Generationenkonflikte Everett bringt das größere Opfer und geht für seine Rettungsaktion in den Knast. Der zunehmenden erblindende Harris zieht…

Im Reich der Wölfe
Rezensionen / 26. Dezember 2019

 „Wolfsegg, sagte der Vater. Früher waren die Berge das Reich der Wölfe, es erstreckte sich bis hinunter nach Slowenien. Die Wölfe besaßen Kristalle und Edelsteine im Überfluss, während die Menschen nur Eisensteine aus dem Berg holten. Die Wölfe verlachten sie wegen ihrer armseligen Ausbeute. Da begannen die Menschen das Erz unten im Tal zu schmelzen. Aus dem Eisen fertigten sie Waffen und rächten sich an den Wölfen, beraubten, vertrieben und töteten sie. Nur diese Mulde war für die Menschen unerreichbar, und so wurde sie zum letzten Zufluchtsort der Wölfe.“ Der Mob aus dem Dorf Es ist eine düstere, archaische Welt, die Peter Keglevic in seinem Thriller Wolfsegg beschreibt. Von Anhang an hängt das Verhängnis wie eine schwarze Gewitterwolke über Agnes und ihrer Familie. Das Mädchen leidet darunter, dass ihrem Vater ein Diebstahl angehängt wurde, als er seine Arbeit beim Herrn des Tals verlor. Förster war der Vater, und als solcher kannte er das Land und die Berge wie seine Westentasche. Trotzdem entkommt er nicht seinem Schicksal – und dem aufgehetzten Mob aus dem Dorf, der einen Mann rächen will, dessen guter Ruf durch Agnes und seine Familie Schaden gelitten hat. Die Hölle im Heim Der Vater wird tot geprügelt, die…

Luca d’Andrea: Südtiroler Abgründe
Rezensionen / 8. Oktober 2019

„Meine Hauptinspirationsquelle sind meine Mitmenschen“, sagt der in Bozen geborene Thriller-Autor Luca d‘Andrea, der wie kein anderer Südtiroler Abgründe auslotet. Auch in seinem neuen Roman „Der Wanderer“ konfrontiert der Erfolgsautor die Leser mit dörflicher Beschränktheit, Liebe, Hass und Wahnsinn. Es geht um Mütter und Töchter, Väter und Söhne, gestörte Familien und skrupellos zementierte Machtverhältnisse. Alles andere als ein Bilderbuchsee Vor allem aber geht es um eine junge Frau, die vor langer Zeit  ermordet an einem abgelegenen Bergsee gefunden wurde und deren Tod nie aufgeklärt wurde.  „Es war kein Bilderbuchsee. Kein Vergleich mit den Alpenseen, die der Traum eines jeden Fotografen waren. Der See von Kreuzwirt war alles andere als eine Augenweide. Er ähnelte eher einem Tümpel mit ausgefransten Rändern. Als wenn Gott an dem Tage, an dem er ihn schuf, in Eile gewesen wäre.“ Scheinbare Idylle Ein Foto, das sie im Briefkasten findet, ruft der Tochter Sybille die tote Mutter ins Gedächtnis und lässt ihr keine Ruhe mehr. Zusammen mit dem Schriftsteller und damaligen Lokaljournalisten Tony versucht sie herauszufinden, was wirklich geschehen ist mit der „narrischen Erika“, wie die Dörfler die Frau nannten, die aus Tarotkarten die Zukunft las und die so gar nicht in die verschworene Gemeinschaft des nur…

Abstieg in die Unterwelt
Rezensionen / 8. Oktober 2019

„Seit jeher vertrauen wir dem Unterland an, was wir fürchten und loswerden wollen und was wir lieben und bewahren wollen“, stellt Robert MacFarlane im Eingangskapitel zu seinem großartigen Buch „Im Unterland“ fest. In drei „Kammern“ nimmt der ausgezeichnete Literaturwissenschaftler und Naturschriftsteller die Leser mit auf die Reise in unterirdische Gefilde. Reise über drei Kammern ins Unterland Zunächst in seiner Heimat Großbritannien in stillgelegte Bergwerke, zu Forschern, die sich mit der dunklen Materie beschäftigen, und ins Unterholz, zum Netzwerk von Bäumen und Pflanzen. Dann in Europa zu unterirdischen Städten, zu den Katakomben von Paris, in die Kanalisation, wo Obdachlose hausen und in slowenische Abgründe der Partisanenzeit. Die dritte Kammer schließlich ist dem Norden vorbehalten: den Höhlen aus der Urzeit, dem Kampf gegen die Ölbohrungen in Naturschutzgebieten, dem schmelzenden grönländischen Eis, den Grabkammern radioaktiver Abfälle auf der finnischen Insel Olkiluoto. Die Hinterlassenschaften unserer Zivilisation MacFarlane, eigentlich ein begeisterter Höhenbergsteiger, hat sich körperlich und seelisch viel zugemutet, um die Leser teilhaben zu lassen an seinen Exkursionen in die Unterwelt, die hin und wieder tatsächlich an die biblische Hölle erinnert. Er ist hinabgestiegen in enge Räume, die ihm die Luft zum Atmen nahmen, hat sich im Norden dem Wüten der Natur ausgesetzt und ist…