Ende Juli wäre Wolfgang Amadeus Mozarts Schwester Nannerl 275 Jahre alt geworden. Aus ihrer Perspektive zeichnet Stefan Cordes die Mozart-Geschichte nach. Der Roman beginnt mit der 78-jährigen, todkranken Maria Anna, im Buch Mariann genannt, und ist ein Rückblick auf ihre Kindheit und Jugend. Cordes macht daraus das Drama einer jungen Frau, die um Anerkennung ringt aber immer im Schatten des Bruders steht und vom ehrgeizigen Vater entsprechend vernachlässigt wird. Ein Mann mit zwei Gesichtern Dieser Vater ist Leopold Mozart, „ein Mann von vielem Witz und Klugheit“, wie Silke Leopold in ihrer gleichnamigen Biographie schreibt. Bei Cordes wird aus ihm ein Haustyrann schlimmster Art, der Mariann eine eigene Karriere verweigert, um sich ganz der Förderung des Sohnes zu widmen. Das Buch liest sich süffig: Intrigen, Familienstreitigkeiten, eine große Reise und erste Liebe. Dazu viel kaiserliche und königliche Prominenz. Desaströser Augsburg-Besuch Und ein desaströser Besuch im Heimatort Augsburg: „Sie schweigen, als sie durch die Straßen seiner Heimatstadt fahren, und sie empfindet vielleicht zum ersten Mal Mitleid mit ihrem Vater, auch wenn sie weiß, dass er Mitleid verabscheut. Sein Leben lang hat in der Gedanke angetrieben, seine Heimatstadt werde ich eines Tages vor ihm verneigen, aber verneigt haben sich nur die Bediensteten im…
Von Seneca bis Virginia Woolf, von James Joyce bis zu Michael Köhlmeier, von der Bibel bis zur Romantasy: Meike Winnemuth hat für ihr neues Buch „Eine Seite noch – warum Lesen uns so glücklich macht“ einen Sommer lang alles gelesen, was ihr in die Finger kam. In ihrem Buch schreibt die leidenschaftliche Leserin über Berührendes und Kurioses, über Wissenschaftliches und Persönliches beim Lesen. Bücher unterhalten sie nicht nur, sie geben ihr Antwort auf die Fragen des Lebens: „Poesie ist die Lösung für das Unlösbare. Die Schönheit des Paradoxons, genau das ist Literatur.“ Die Welt im Buch In Tolstois „Krieg und Frieden“, das sie anders als den doch ziemlich sperrigen Ulysses lange vor sich hergeschoben hat, entdeckt Meike Winnemuth eine ganze Welt. Lesend versucht sie sich selbst auf die Schliche zu kommen, verliert sich in Thomas Manns „Zauberberg“ und begibt sich auf die Spuren von Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“. Kreativer Lese-Prozess Ihr Buch sieht sie als Liebeserklärung ans Lesen, das sie als kreativen Prozess versteht. Als einen Dialog zwischen dem Geschriebenen und den Lesenden, die ihre ganze eigenen Erfahrungen, Erwartungen, kulturellen Hintergründe mit einbringen. „Wir lesen mit unserem ganzen Erfahrungsschatz“, ist Meike Winnemuth überzeugt und: „Nie lesen zwei Menschen dasselbe Buch.“…
Drei Frauen, drei Generationen, drei Außenseiterinnen – davon die bei Stuttgart lebende Autorin Hannah Häffner in ihrem Romandebüt „Die Riesinnen“, das sie in einem fiktiven Schwarzwalddorf ansiedelt. Da, wo noch bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts strenge Sitten galten und Unangepasstheit gesellschaftlich geächtet war. Großmutter, Mutter und Enkelin, die Riesinnen, scheinen nicht in diese enge, ja engstirnige Dorfgemeinschaft zu passen. Zu groß sind sie, zu knochig, zu rothaarig. Gegen alle Umstände Hannah Häffner begleitet die drei Frauen durch die Zeit: Liese ist als Frau des Metzgers in ihrer Zeit und deren Konventionen verhaftet. Im Dorf ist sie Außenseiterin wie der Franz, mit dem auch niemand redet. Aber als sie nach dem überraschenden Tod des Ehemanns, der die Tochter schlug, mit Cora allein auf sich gestellt ist, wächst sie über sich selbst hinaus. Sie erkämpft sich und der Tochter ein selbstbestimmtes Leben – gegen das Dorf und die Umstände. Die Welt und das Dorf Anders als die Mutter ist Tochter Cora von Anfang an unangepasst, nimmt sich, was sie will. Sie will hinaus aus der dörflichen Enge, wo keine Freunde hat. Sie will die Welt erobern, sich selbst er-spüren. Ihre Rückkehr ist nicht freiwillig, aber sie knüpft an die…
In seinem ersten Buch für Kinder, Alexander, geht Ferdinand von Schirach den Prinzipien des Zusammenlebens auf den Grund. Gerechte Gesetze sollen dabei helfen, in Frieden miteinander zu leben. Nur, was sind gerechte Gesetze? Der Hoffnungsträger Klären soll das der kleine Alexander. Das jedenfalls schlägt der dicke Fischhändler vor. Er ist der beste Freund Alexanders, dessen Vater in einem ungewollten Krieg gefallen ist. Nach einigen Fehlversuchen kommen die Menschen des Städtchens Kalliste überein, den Knaben auf Reisen zu schicken, um von Weisen Antworten auf ihre Fragen einzufordern. Die Weisen Und so macht sich der Junge auf den Weg und trifft dabei die unterschiedlichsten Gesprächspartner, darunter einen Winzer, einen Modeschöpfer, ein ungewöhnliches Orakel, streitlustige Zwillinge und eine Leserin. Von jedem und jeder kann Alexander etwas lernen, und am Ende bringt ihn ein ungewöhnliches Pferd gerade noch rechtzeitig zurück nach Kalliste, um einen neuen Krieg zu verhindern. Lehren fürs Leben Das Büchlein, zu dem Ferdinand von Schirach selbst die Skizzen gezeichnet hat, erinnert in vielem an den Kleinen Prinzen. Wie dieser ist Alexander ein wissbegieriges Kind, das auf seiner Reise Antworten auf existenzielle Fragen bekommt. Und wie Saint Exupéry nutzt Schirach den Jungen dazu, philosophische Gedanken verständlich zu formulieren. „Das Leben kann nur…
Romy Hausmann weiß, wie man die Lesenden packt. 450 Seiten dick ist ihr neuer Krimi „Himmelerdenblau“ – und er bleibt spannend über den Schluss hinaus. Denn im Epilog, das kann man sagen, ohne zu viel zu verraten, tut sich ein neues Problem auf. Die verschwundene Tochter Da hat sich die Hauptperson dieses mit vielen Perspektiven spielenden Krimis schon verabschiedet: Theo, ehemals erfolgreicher Herzchirurg und Leiter einer Klinik, leidet unter Demenz und versucht verzweifelt, seine Erinnerung dem Vergessen zu entreißen. Vor allem die Erinnerung an die Tochter Julie, die vor 20 Jahren spurlos verschwand. Der Podcast Hilfe erhofft er sich von der jüngeren Tochter Sophia, die den demenzkranken und nach dem Krebstod der Mutter auch verarmten Vater im Alltag unterstützt. Und dann sind da noch Liv und Phil, das Pärchen, das mit seinem Podcast „Two Crime“ ziemlich erfolgreich ist und sich vom „cold case Julie“ einen Coup verspricht. Wer könnte Julie entführt und die kuriose Lösegeldforderung 30.000 Euro gestellt haben? War es wirklich der Ex-Freund Daniel, den Julies Vater vor 20 Jahren verprügelt hat? Verdächtige Perspektiven Und was ist mit dem Arzt, der Theo behandelt, angeblich ein Freund der Familie? Geschickt führt Romy Hausmann ihre Leser über die verschiedenen Perspektiven immer…
Poetisch und empathisch erzählt die irische Autorin und Booker-Preisträgerin Anne Enright in ihrem neuen Roman „Vogelkind“ von Mutter und Tochter, die um ihre Selbstermächtigung ringen. Dabei wechselt Enright fast sprunghaft die Perspektiven zwischen der Tochter Nell, ihrer Mutter Carmel und deren Vater Phil. Der später mit seinen Gedichten berühmt gewordene Ire hat seine Familie verlassen, als seine Frau an Krebs erkrankte. Im Stich gelassen Kein Wunder also, dass die Beziehung kompliziert ist. Carmel ist das Vogelkind aus dem gleichnamigen Roman und zugleich eine Figur aus einem Gedicht des Vaters: „Das Vogelkind/Sah heraus/Aus der Höhle/Meiner Faust/Und hielt still“. Die Kleine ist Phils Liebling, auch wenn er schon im Gedicht den Abschied vorwegnimmt: „Der Rückstoß/Kaum zu spüren/Als sie aufstieg/Weg von mir“. Doch für Carmel war es der Vater, der sie im Stich gelassen hat. Und so fühlt sie sich auch als Erwachsene, unfähig für Beziehungen. Die scheinbar flatterhafte Tochter Nell scheint diese Unfähigkeit geerbt zu haben und sucht sich die falschen Männer aus. Komplexes Beziehungsgeflecht Mit dem Wechsel an Perspektiven, die sie auch stilistisch unterschiedlich gestaltet, lädt Anne Enright die Lesenden dazu ein, die Lebensentwürfe der Protagonisten zu vergleichen. Nell, die ihr Geld mit dem Schreiben von Reisetexten über Länder verdient, die…
Ganz Deutschland macht Ferien – auch zu Hause. Auch da kann man Abenteuer erleben und gemeinsam Neues entdecken. Zum Beispiel in der Natur. Der Biologe und Outdoor-Experte Manuel Larbig liebt die Natur und ist schon mit Zelt und Schlafsack durch ganz Deutschland gewandert. Mit seinem Naturführer „Warum hämmert der Specht?“ will er Eltern und Kinder dazu animieren, vor der Haustür auf Entdeckungsreise zu gehen. Nachhilfe in Naturkunde Erwachsene bekommen darin eine „Art Nachhilfe in Naturkunde“, Kinder interessante Antworten auf neugierige Fragen. Etwa, was sich hinter den dicken Beulen an den Bäumen verbirgt oder warum die Blätter sich im Herbst bunt färben. Welche Pflanzen giftig sind, ob Pflanzen Gefühle haben oder warum sich manche Seen grün färben. Anregungen für kleine Experimente vertiefen die erworbenen Kenntnisse. Von Mücken und Fliegen Und dann erfährt man auch, dass nicht der Wolf bei uns das gefährlichste Tier ist, sondern viel eher die Mücke, weil sie alle möglichen Krankheiten übertragen kann. Manuel Larbig kann seine Kenntnisse richtig spannend vermitteln. Zur Veranschaulichung erzählt er kleine Anekdoten. Zum Beispiel rund ums Fliegen-Leben, das er in eine Küche verlegt. Wer hätte gedacht, dass so ein kleines Tier mit seinen Facettenaugen 200 Bilder pro Sekunde erfassen kann? Das hilft ihnen…
In den großen Ferien haben nicht nur Schulkinder viel Zeit, oft sind auch Kitas und Kindergärten geschlossen. Dann müssen sich auch die Kleinsten beschäftigen. Hier ein paar Bilderbücher zum Allein- oder Gemeinsamlesen. Kitakinder Constanze von Kitzing hat schon etliche Pappbücher und Wimmelbücher gestaltet, in denen sie zeigt, wie sich unsere Gesellschaft verändert hat. Das Motto „Ich bin anders als du – ich bin wie du“ gilt auch für das Pappbilderbuch „Jetzt gehe ich in die Kita“ (Carlsen, 15 S, 10 Euro, ab 2). Constanze von Kitzing erzählt von Junas erstem Tag in der Kita in bunten Bilder und kurzen Texten. Papa begleitet sein Töchterchen, denn es wird aufregend für Juna. Sie muss sich erst zurechtfinden bei all den Kindern, den unterschiedlichen Namen. Wie gut, dass auch die Erzieherin sie dabei unterstützt. Und das Spielen mit den anderen Kindern macht Spaß. Nur hin und wieder vermisst Juna ihren Papa. Aber das wird sich sicher bald ändern… Mamakind „Das schönste Kind überhaupt“ heißt das schönstens illustrierte Bilderbuch von William Papas (aracari Verlag, 26 S., 15 Euro, ab 3). Papas erzählt von einem großen Wald, in dem viele Vögel leben – große und kleine, mürrische und glückliche und – wunderschöne wie der Herr…
Sandra Schulz hat ihre Erfahrungen mit Wohnmobilreisen schon in Spiegel-Kolumnen verarbeitet. Jetzt also auch ein Buch über die Monster Touren mit netten Tipps für Nachahmer und viel Selbst-Ironie. Übers Leben lernen Beim Campen, findet die Autorin in der Einleitung, „kann man viel übers Leben lernen… Man lernt auszuhalten, dass zusammenkommt, was nicht zusammenpasst: die Sehnsucht nach Freiheit und die Nähe zum Stellplatznachbarn, das Bedürfnis nach Privatsphäre und die Öffentlichkeit des Intimen, der Wunsch nach Individualität und die Gesetze der Tourismusindustrie, der Drang nach Originalität und das Diktat der Massenware. Und vielleicht der krasseste Widerspruch: das Bedürfnis nach Erholung und der Urlaub mit der Familie.“ „Bezaubernde Widrigkeiten“ Das gilt insbesondere für ihre Familie, denn die dritte im Bund ist das Töchterchen mit Down-Syndrom. Die Kleine sorgt für „Tage voller bezaubernder Widrigkeiten“ und die beschreibt Sandra Schulz umwerfend ehrlich und mit kaum nachlassendem Humor. Da tut es dann auch der Liebe zum fahrbaren Monster keinen Abbruch, wenn an einem Weihnachtsabend „alle mit heiligem Zorn ins Bett“ gehen. Am nächsten Tag ist sowieso alles wieder anders. Es macht auch nichts, wenn eine nahe Jauchegrube beim Campingplatz für dicke Luft sorgt oder wenn die Nachbarin grenzüberschreitend ihre Markise ausfährt. Übung in Toleranz Das Camperdasein…
Nicht von dieser Welt, so auch der Titel des Romandebüts von Michael Ebert, scheint für den 13-jährigen Ich-Erzähler Mischa die 17-jährige Sola. Das dunkelhäutige Mädchen kommt im Rahmen eines deutsch-französischen Schüleraustauschs in Mischas Leben und wird zu einer Seelenverwandten. Nahe am Tod Sola öffnet ihm nicht nur die Türen zu einer neuen Welt, sondern auch zu seinem Innersten, wo er den Kummer um den Freitod des Vaters vergraben hat. Dabei kommt Mischa ständig mit dem Tod in Berührung, wohnt er doch mit seiner Mutter in der Personalwohnung eines Krankenhauses, in dem jeden Tag Menschen sterben. Nicht nur Alte, auch Einsame, Unfallopfer, Wasserleichen. Mischa sieht sie kommen und gehen – und er wird sie nicht los. Denn sie nutzen den Jungen als Verbindung zum Leben. Das Abenteuer Darüber reden kann der Junge nicht. Auch nicht in den innigsten Momenten mit seiner Mutter. Erst bei Sola, dem Mädchen aus Zaire, kann er sich öffnen. Die selbstsichere, lebenslustige Sola nimmt Mischa ernst und zeigt ihm, dass es ein Leben außerhalb von Schule und des Krankenhauses gibt. Ja sie überredet ihn kurz nach der Wende, mit ihr nach Halberstadt zu fahren, um dort den in einem Stollen vergrabenen Staatsschatz der DDR zu finden –…