Ulla Hahn und das Eichhörnchen

1. September 2022

Wendelin Kretzschnuss heißt der Erzähler des Romans „Tage in Vitopia“, ein Eichhörnchen. Aufgeschrieben hat seine philosophierenden Ausführungen Ulla Hahn. Dass sich die 77-jährige Schriftstellerin hinter den Sciurus Vulgaris zurückzieht, hat ihr die Freiheit des Drauflos Fabulierens ermöglicht. Und das tut sie in dem Roman, der die Utopie eines guten Lebens in friedlicher Koexistenz von Mensch, Tier und womöglich auch Cyborg in den schönsten Farben zeichnet.

Götter, Gelehrte und Gaia

Wie in einem Wimmelbuch tauchen prominente Vertreter der Menschheit auf, Götter und Gelehrte ebenso wie Charaktere aus der Literatur. Schatzhauser, der Wünsche erfüllende Waldgeist aus Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ spielt eine Hauptrolle, Nils Holgersson, Kater Murr und Pinocchio sind dabei. Luther und Jesus von Nazareth, Franz von Assisi und Charles Darwin, Hildegard von Bingen, Marie Curie, Mutter Teresa, Richard Wagner, Wilhelm Hauff, Dichterfürst Goethe, sein persischer Kollege Hafis und unzählige andere geben sich bei den Tagen in Vitopia die Ehre, um die Menschheit wieder auf den rechten Weg zu bringen. Zurück zur Natur. Das ist vor allem das Anliegen von Gaia, der „großen Mutter Erde“, die unter den Zerstörungen der Umwelt ächzt.

Marx und Morus

Geleitet wird die Weltkonferenz im antiken Epidaurus von Karl Marx und Thomas Morus, von Wendelin kurz Marx und Morus genannt. Überhaupt hat der Eichhorn mit seiner multikulturellen Familie und der klugen Gattin Muzzli viel Sinn für Humor. Das verhindert, dass seine Erzählung, die zuweilen arg romantisierend wirkt, nicht gänzlich in Kitsch abgleitet. Es geht darum, das Gute zu bewahren und den Krieg zu ächten, um Liebe und Frieden. Angelas „Wir schaffen das“ ist die Losung der versammelten Humanimals, die trotz aller Schrecken dieser Welt „Zuversicht und Fröhlichkeit im Herzen“ spüren.

Umweltzerstörung und Versuchskaninchen

Denn die Konferenz schont die Teilnehmenden nicht, konfrontiert sie mit grausamen Bildern der Umweltzerstörung, der vor allem die Tiere zum Opfer fallen, oder auch von „Versuchskaninchen“ in der Forschung. Den menschlichen Begleitern Wendelins, dem klugen Akademikerpaar Maria und Josef, ist das alles mehr als bewusst. Und Maria bleibt skeptisch, was die menschliche Zukunft angeht: „Die Erderwärmung kriegen wir am Ende schneller in Griff als unsere eigene Unmenschlichkeit“, fürchtet sie.

Die Leichtigkeit des Eichhörnchens

Doch ein Eichhörnchen wie Wendelin verliert auch angesichts großer Dramen nicht seine Leichtigkeit. Und so fabuliert er munter weiter, tanzt mit seiner Muzzli mit beim „Buuredanz“ der Bläck Föös und lauscht Schuberts Forellen-Quintett. Dass auch Fische per Video zugeschaltet werden, verblüfft da schon nicht mehr. Wozu hat man denn einen Translator?

Hilfreiche Anmerkungen

Es sind viele interessante, auch mutige, Gedanken, die in diese Geschichte von der Konferenz der „Humanimals“ einfließen, Ideen für eine bessere Zukunft – trotz Corona. Mal als nüchterner Report, mal als poetische Betrachtung und immer mit einer schier grenzenlosen Fabulierlust. Und Ulla Hahn nutzt den Kunstgriff des erzählenden Eichhorns, um nach eigenen Worten „mal so richtig vom Leder zu ziehen“. Die sieben Seiten Anmerkungen am Buchende braucht sie dazu auch. Sie helfen – zum Teil mit Verweisen auf Wikipedia – dabei, die Protagonisten zu erkennen und ihre Botschaft zu entschlüsseln.

Info Ulla Hahn. Tage in Vitopia, Penguin, 256 S., 24 Euro

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