Verlorene Kindheit
Rezensionen , Romane / 25. April 2022

Der Papierpalast in Miranda Cowley Hellers  gleichnamigem Debütroman ist alles andere als ein Palast. Doch das schäbige Feriencamp mit Wänden aus Pappe ist der Dreh- und Angelpunkt für  das Leben  einer eigenwilligen Familienkonstellation.  Miranda Cowley Heller  weiß, wie man Geschichten aufbaut und den Spannungsbogen hält. Die Amerikanerin hat beim US-Sender HBO erfolgreiche Serien wie „Die Sopranos“ entwickelt. Kein Wunder, dass ihr  Papierpalast die „New York Times“-Bestsellerliste gestürmt hat und kurz nach Erscheinen auch auf der deutschen Bestsellerliste steht. Bestseller-Zutaten Der Roman hat alles, was einen Bestseller ausmacht: Eine sympathische Ich-Erzählerin, mit der Lesende sich gern identifizieren, lebendige Dialoge, eine komplexe Liebesgeschichte und ein dunkles Geheimnis.  An einem sonnigen Tag im August wird Eleanor Bishop, genannt Elle, klar, dass sie eine Entscheidung treffen muss. Will sie weiter mit ihrem liebevollen Ehemann Peter und den drei Kindern zusammenleben. Oder will sie endlich mit ihrem Jugendfreund Jonas zusammenkommen, mit dem sie ein tödliches Geheimnis teilt. Die Last der Erinnerung Schauplatz dieser schicksalsschweren Entscheidung ist das alte Ferienhaus der Familie auf Cape Cod, der  Papierpalast.  Das herunter gekommene Feriencamp spielt auch in Elles Erinnerungen eine wichtige Rolle. In Rückblenden wird klar, welche Last sie trägt und warum sie und Jonas nicht zusammenfinden konnten.  Miranda…

Von Thurnhosbach nach Indien
Rezensionen / 20. Juli 2021

Margot Flügel-Anhalt engagiert sich zwar in dem kleinen Thurnhosbach, wo sie Ortsvorsteherin ist. Aber die Rentnerin zieht sie immer wieder hinaus in die Welt. Nachdem sie mit ihrer Enduro „Über Grenzen“ durch Europa und Asien gedüst und mit dem gleichnamigen Buch und Film Furore gemacht hatte, bricht sie noch einmal auf – mit einem alten Mercedes Benz in Richtung Indien. „Wie wäre es, wenn ich einfach losfahre in Thurnhosbach und eines Tages wirklich ankomme in Jaipur?“ hatte sie sich gefragt. Kein Urlaub aus dem Katalog Im Buch „Einfach abgefahren“ beschreibt sie, wie es war. Auf jeden Fall nicht gerade einfach, nicht einmal für die welterfahrene und meist optimistische 65-Jährige. Aber sie hat es ja so gewollt. Hat sich für eine Reise entschieden, die „kein Urlaub aus dem Katalog“ sein sollte, kein „Rundum-Sorglos-Paket“. Sie wollte im wirklichen Leben unterwegs sein und „sogar ein bisschen am Alltag der Leute vor Ort teilnehmen“. Vom Glück der großen Freiheit Dazu hatte sie ausreichend Gelegenheit – dank der Bürokratie, die sie zu einem längeren Aufenthalt in der Türkei zwang. Auch wenn sie an der Grenze zu Syrien an den blutigen Bürgerkrieg erinnert wird, schwärmt sie gleich wieder vom „Glück der großen Freiheit“, von der „aphrodisierenden…

Es war einmal… auf Sylt
Rezensionen / 2. Juli 2020

Susanne Matthiessen  ist Sylterin.  Ihr liegt die Insel, die derzeit vielen Deutschen wieder als Sehnsuchtsziel gilt,  am Herzen.  Und sie teilt gern ihre Erinnerungen an früher.  Das waren noch Zeiten, als Gunter Sachs auf Sylt Hof hielt und Arndt von Bohlen und Halbach bei Pelz Matthiessen seine Pelzmäntel kaufte. Das „deutsche Saint Tropez“ zog die Reichen und Schönen an wie das Licht die Motten.  Auch Rudolf Augstein war da Und es kamen nicht nur Stars und Sternchen, Banker und Unternehmer, sondern auch Politiker und Mediengrößen. Axel Springer residierte auf der Insel ebenso wie sein Lieblingsfeind Rudolf Augstein, an den sich die Autorin so erinnert: „Er war klein und hatte ganz dünne strähnige, ungewaschene, halblange Haare, die links und rechts über die Ohren hingen… Er saß die ganze Zeit in sich zusammengefallen da, als hätte er ein schlimmes Rückenleiden.“ Susanne Matthiessen nimmt in ihrem Buch „Ozelot und Friesennerz“ kein Blatt vor den Mund, wenn es um die prominenten Kunden ihrer Eltern, das Pelzgeschäft im besonderen und das Geschäft mit der Insel im allgemeinen geht. Kindheit im Schatten des Tourismus Ihre Erinnerungen beginnen mit einer Kindheit im Schatten des Tourismus, als die Eltern „jedes Bett in unserem Dünenhaus“ vermieteten und Gastgeber und Gäste…

Dit is Balin
Rezensionen / 25. Juni 2020

Sie sind beide keine Ur-Berliner, aber der Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt und der Kolumnist Harald Martenstein leben schon lange in und von Berlin. Schließlich versorgt sie die Stadt immer wieder aufs Neue mit Inspirationen und Irritationen. Ein Großteil davon ist in die 13 Kapitel des gemeinsamen Buches eingeflossen, und die beiden Autoren halten mit ihrem Frust über die deutsche Hauptstadt nicht hinterm Berg: „Nirgendwo sonst in Deutschland sind die Wartezeiten beim Bürgeramt länger, die Schulen maroder, die Baustellen chaotischer, die Verantwortlichkeiten verworrener.“ Der Flughafen, der immer fertiger wurde Die Geschichte mit dem BER, dem Flughafen, der immer fertiger wurde und in diesem Jahr vielleicht sogar wirklich fertig, kennt jede und jeder. Aber die beiden Journalisten haben auch noch ein paar andere Beispiele für Berliner Bauskandale auf Lager, erzählen von korrupten Politikern und betrügerischen Unternehmern, von Tricksereien und Betrug und vom Langmut der Berliner, die sich mit all den Skandalen und Unzulänglichkeiten ihrer Stadt scheinbar abgefunden haben – auch mit den Auswüchsen eines kaum zu bändigenden Tourismus. „Berlin bleibt anders“ behauptet die Stadt, und die Autoren fragen sich, „was ist hier anders? Okay, in Berlin ist der Tiergarten ein Park, der Tierpark ein Zoo und der Zoo ein Bahnhof.“ Berlin ist die…

Vincent Klink genießt in Wien
Rezensionen / 17. Dezember 2019

Nein, ein Wiener Kochbuch hat Vincent Klink nicht verfasst, eher einen literarischen Spaziergang mit einigen Rezepten. Es geht in dem lesenswerten Buch auch nicht nur um Gast- und Kaffeehäuser – die wichtigsten sind im Anhang extra aufgeführt. Vincent Klink nimmt die Leser mit auf einen genussreichen Bummel durch Wien, lässt sie am Nebentisch Platz nehmen, wenn er mit seiner Frau parliert und sich über die berühmte Wiener Melange amüsiert, die dank Zuwanderung entstanden ist. Kann man seiner Meinung nach doch „Volk und Sitten“ am besten im Gasthaus studieren. Schließlich ersetze „ein bratendurftendes Gasthaus jeden Psychotherapeuten“.  Plaudernd von Gasthaus zu Gasthaus Und so „hangelt“ sich das Paar schon auf dem Weg nach Wien von Gasthaus zu Gasthaus – vom Hofgut Hafnerleiten bei Bad Birnbach, „Fluchtort für gestresste Großstädter“ über das Schlosshotel Dürnstein in der Wachau bis zum Sacher. Schon die Anreise gibt dem belesenen Koch Gelegenheit für kurzweilige Geschichtslektionen und überraschende Gasthaus-Entdeckungen am Wegrand. Und erst recht in Wien findet Klink reichlich Gelegenheit zu plaudern – über das Sacher und den hauseigenen Lungenstrudel etwa, über die Habsburger und den Sisi-Mythos und natürlich über Wien, „die Kapitale des gekochten Fleisches“. Nebenbei wettert Klink gegen die „Erbsenzählerei“ in Deutschland, wo im Restaurant jeder…

Großvater in Gefahr
Rezensionen / 16. Juni 2018

Mörderisch geht es im Allgäu zu, seit Kult-Kommissar Kluftinger in der eher für ihre Berge und Schlösser berühmten Region ermittelt. Und das ist durchaus nicht nur ein Zeichen unserer Zeit, denn schon viel früher – zum Karrierebeginn des Kommissars – gab es dort Mord und Totschlag. So nachzulesen in „Kluftinger“, dem neuesten Titel des erfolgsverwöhnten Autorenduos Klüpfel und Kobr, der wieder einmal ganz oben in der Spiegel-Bestsellerliste steht. Zurück in Kluftingers Vergangenheit Und ganz sicher erfüllt der Wälzer auch die Erwartungen der Kluftinger-Fans. Denn er gewährt ihnen tiefe Einblicke in Kluftingers Vergangenheit bis hinein in seine – langhaarige – Jugend. Da freilich war der Polizistensohn aus dem Örtchen Altusried ein allzu braver Mitläufer in einer eher wilden Clique. Später dann ist er mit seinem Scharfsinn und seiner Kombinationsgabe aufgefallen und hat als „Kriminaler“ Karriere gemacht. Auch, weil er in einem brutalen Mord durch seine Verhörmethoden einen Mann als Täter überführt hat. Ein Nachruf auf den Kommissar Diese Geschichte und eine „Jugendsünde“ holen ihn jetzt wieder ein. Jemand scheint dem Großvater nach dem Leben zu trachten – auf ziemlich perfide Weise. In der Lokalzeitung erscheint ein Nachruf auf ihn, auf dem Friedhof steht sein Name auf einem Holzkreuz und Kluftinger-Sterbebildchen liegen…

Superheldin im kalten Wasser
Rezensionen / 11. Februar 2017

Pirio Kasparov weiß nicht, dass sie eine besondere Gabe hat, bis ihr Freund Ned bei einem Fischzug ertrinkt und sie im eiskalten Wasser überlebt. Und sie weiß auch nicht, dass ihr die Gabe, nicht zu (er)frieren noch einmal das Leben retten wird – und dabei helfen,  einen unglaublichen Umweltfrevel aufzudecken. Doch eines weiß Pirio: Sie wird herausbekommen, warum Ned ertrunken ist – schon wegen Noah, dem kleinen Sohn des Fischers und ihrem Patensohn. Für die Wissenschaft ist Pirios Überleben ein Rätsel, und die Navy würde zu gern von ihrem Talent profitieren. Für viele Zeitungsleser ist sie als „die Überlebende“ eine Heldin, für die Kameraden von Ned allerdings ist sie eine Gefahr. Aufregende Kriminalgeschichte mit filmreifem Show-Down Elisabeth Elo erzählt in ihrem Debüt „Die Frau, die nie fror“ nicht nur eine aufregende Kriminalgeschichte mit einem filmreifen Show-down, sie lässt ihre seit langem mutterlose Heldin auch der eigenen Familiengeschichte auf die Spur kommen. Pirios Verhältnis zum autoritären, in undurchsichtige Machenschaften verstrickten Vater ist angespannt. Wie ihre vom Alkohol abhängige Freundin Thomasina, die Mutter von Noah, hat sie Probleme, eine Bindung aufzubauen, Vertrauen zu entwickeln. Nur der altkluge Noah hat es bisher geschafft, ihr Herz zu erobern. Und für ihn ist sie auch…