Verlorene Kindheit

25. April 2022

Der Papierpalast in Miranda Cowley Hellers  gleichnamigem Debütroman ist alles andere als ein Palast. Doch das schäbige Feriencamp mit Wänden aus Pappe ist der Dreh- und Angelpunkt für  das Leben  einer eigenwilligen Familienkonstellation.  Miranda Cowley Heller  weiß, wie man Geschichten aufbaut und den Spannungsbogen hält. Die Amerikanerin hat beim US-Sender HBO erfolgreiche Serien wie „Die Sopranos“ entwickelt. Kein Wunder, dass ihr  Papierpalast die „New York Times“-Bestsellerliste gestürmt hat und kurz nach Erscheinen auch auf der deutschen Bestsellerliste steht.

Bestseller-Zutaten

Der Roman hat alles, was einen Bestseller ausmacht: Eine sympathische Ich-Erzählerin, mit der Lesende sich gern identifizieren, lebendige Dialoge, eine komplexe Liebesgeschichte und ein dunkles Geheimnis.  An einem sonnigen Tag im August wird Eleanor Bishop, genannt Elle, klar, dass sie eine Entscheidung treffen muss. Will sie weiter mit ihrem liebevollen Ehemann Peter und den drei Kindern zusammenleben. Oder will sie endlich mit ihrem Jugendfreund Jonas zusammenkommen, mit dem sie ein tödliches Geheimnis teilt.

Die Last der Erinnerung

Schauplatz dieser schicksalsschweren Entscheidung ist das alte Ferienhaus der Familie auf Cape Cod, der  Papierpalast.  Das herunter gekommene Feriencamp spielt auch in Elles Erinnerungen eine wichtige Rolle. In Rückblenden wird klar, welche Last sie trägt und warum sie und Jonas nicht zusammenfinden konnten.  Miranda Cowley Heller hat jede Menge Drama in ihren Roman hineingepackt: Vernachlässigung, Verrat, Missbrauch, Vergewaltigung. All das in einer Atmosphäre von flirrender Sommerhitze, unschuldigen Badefreuden, Verfall und Horror.

Pappwände und tote Mäuse

Dabei hat Miranda Cowley Heller wohl auch aus der eigenen Geschichte geschöpft. Auch sie hat als Kind die Sommer auf Cape Cod verbracht – für sie eine dunkle Zeit der Vernachlässigung aber auch einer schier grenzenlosen Freiheit.  Diese Atmosphäre findet sich auch im Papierpalast wieder, dieser Anti-Kindheitsidylle zwischen Pappewänden, verstaubten Büchern, toten Mäusen und  Familiendramen.

Am Ende ist alles offen

Ja, Miranda Cowley Heller weiß, wie sie die Lesenden auch über lange Strecken fesselt. Sie hält die Erzähl-Fäden bis zum – offenen – Ende fest in der Hand. Wie Elle sich schließlich entscheidet? Bleiben oder gehen? Sicher ist nur die Unsicherheit.

Hineingelesen…

… in Elles Erinnerungen

Ich setze mich in einiger Entfernung neben Jonas.
„He.“ er klopft auf den Platz neben sich, aber ich beachte ihn nicht.
Conrad taucht unter eine Welle und wir umgeworfen. Seine dicken Beine ragen aus dem Wasser wie Riesenfinger, die das Friedenszeichen machen, dann richtet die nächste Welle ihn wieder auf.
„Hab ihr euch gestritten?“
„Nein. Es ist das Übliche. Er ist ein Ekel, und ich hasse ihn.“
„Warum tust du dann so, als wärst du sauer auf mich?“
„Ich tue nicht so. Du hast mir den Tag kaputt gemacht. Aber ist jetzt auch egal.“
„Ich habe den Tag nicht kaputt gemacht, Elle. Es ist ein schöner Tag, perfekt. Guck doch mal, das Wasser. Sogar Conrad ist froh, hier zu sein.“
„Na, dann ist ja alles gut.“ Ich stehe auf. 2Ich gehe am Strand spazieren. Macht ihr zwei es euch schön. Es sind sowieso nicht genug Sandwiches für drei da.“
„Du kannst meine haben, wenn du versprichst, dich nicht länger so bescheuert aufzuführen.“
„Sprich nicht so laut“, sagt ich irritiert und renne zum Wasser hinunter. Ich verabscheue mich. Conrad hat alles kaputt gemacht, den See, den Papierpalast, mich. Aber ich werde nicht zulassen, das er sich zwischen mich und Jonas drängt und das Einzige, das noch meins ist, mit seiner schwarzen Tintenfischtinte schwärzt.
Conrad steht mit dem Rücken zum Strand und hüpft über die heranbrechenden wellen. Ich bücke mich zum feuchten Sand hinunter und nehme einen schwarzen Feuerstein in die Hand – mein Herz, denke ich, und werfe den Stein mit aller Kraft in Conrads Richtung, ziele auf seinen Kopf. Der Stein trifft nicht und fällt mir einem Meter Abstand neben Conrad ins Wasser…
… Als ich vom Strand zurückkomme, sitzt Jonas auf den Stufen zu meiner Schlafhütte. Er hält etwas in der Hand. „Guck.“ Es ist ein Baumfrosch, so groß wie ein Knopf.
„Süß.“ Ich gehe an ihm vorbei und mache die Tür zu meiner Hütte auf. „Ich bin mir sicher, dass du Froschpisse auf der Hand hast. Sie pissen, wenn man sie anfasst.“
„Das stimmt“, sagt Jonas. „Es ist eine instinktive Angstreaktion.“
„Dann sehen wir uns wahrscheinlich am Montag.“
„Elle, warte. Es gut mir leid.“ Er setzt den Frosch auf den Boden und sieht zu, wie er davon hüpft.
„Was tut dir leid?“
„Ich weiß es nicht. Du bist so sauer auf mich. Sei bitte nicht sauer. Bin ich nicht genug bestraft worden? Conrad hat über nichts anderes als Wrestling und Van Halen gesprochen, zwei Themen, die mich kein bisschen interessieren.“
Er sieht aus wie ein kleiner Junge. Ich komme mir so schäbig vor. Nichts von alldem ist seine Schuld, aber ich kann es ihm auch nicht erklären, weil nichts ausgesprochen werden kann.
„Es hätte der schönste aller Tage sein können“, sage ich und setze mich neben ihn. „Es tut mir leid, dass ich so eklig war.“

Info Miranda Cowley Heller. Der Papier Palast, Ullstein, 445 S., 23,90 Euro

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