Mönch am Scheideweg

23. April 2022

Moritz Heger hat neben Germanistik und Theaterwissenschaften auch evangelische Theologie studiert. Das spürt man in seinem Roman „Aus der Mitte des Sees“, in dem es um eine Lebensentscheidung geht.  Bisher hat Lukas seine Entscheidung, Mönch zu werden, nie hinterfragt. Aber nun hat sein Mitbruder und Freund Andreas geheiratet und ist Vater geworden. Lukas fühlt sich allein gelassen in der großen Benediktiner-Abtei, in der außer ihm nur noch alte Mönche leben.

Suche nach Klarheit

Auch Lukas ist mit Ende 30 nicht mehr jung. Was ist mit seinem Leben? Er hadert mit dem Freund und dessen Entscheidung. Wie konnte Andreas das Kloster, ihr gemeinsames Zuhause, verlassen? Wie konnte er sich draußen ein neues Leben aufbauen?  Schwimmend im See versucht Lukas, Klarheit in seine Gedanken zu bringen. Er liebt es, sich vom Wasser tragen zu lassen, fühlt sich dabei geborgen wie in Gottes Hand.

Der See und Sarah

Doch dann taucht Sarah auf, auch sie eine Schwimmerin. Und Lukas entdeckt viele Gemeinsamkeiten.  Er fühlt sich zu der fremden Frau hingezogen und will trotzdem dem Klosterleben nicht entsagen. Zumal ihn die Mitbrüder drängen, gemeinsam mit einem Älteren die Leitung des Klosters zu übernehmen.  Moritz Heger dringt in seinem Roman „Aus der Mitte des Sees“ tief in die Gedankengänge des Mönchs ein und lässt die Lesenden teilhaben an seinen Zweifeln, an seinem Gottvertrauen, an seiner Liebe.

Träumerische Zwiegespräche

Es sind fast träumerische Zwiegespräche – mit dem verlorenen Freund, mit dem todkranken Mentor, einem alten Mitbruder, und mit Sarah, der Frau, die Lukas‘ Lebensentscheidung infrage zu stellen droht. Poetische Naturbeschreibungen wechseln ab mit philosophischen Gedanken und religiösen Betrachtungen. Muss Lukas sich wirklich entscheiden zwischen der Frau und dem Kloster?

Hineingelesen…

… in Lukas‘ Liebe

Ich würde können. Glaube ich. Ich würde bei dir besser können als bei einer Frau, da kann sie so schön sein, wie sie will, die nur die Sonnenseite des Lebens kennt. Du hast eine Wunde, und das ist eine Chance für mich, weil ich auch eine Wunde habe. So viel Versteinertes in mir, so viel Abgekapseltes. Aber bei dir, mit dir würde etwas ins Fließen kommen, unter deinen Fingern. Anschwellen wie die Bäche im Frühling und fest werden. Stabil und bereit. Mit dir könnte ich, das spüre ich, zusammen sein, Sarah, wirklich zusammen, nicht nur körperlich oder seelisch, als ob das eine das andere ausschließen würde. Und es würde sich auch nicht ausschließen, zusammen zu sein und doch jeder in sich selbst. Sich dabei spüren, sich nicht verlassen müssen. Das Denken Denken sein lassen. Sie erkannten sich, heißt es bei Adam und Eva. Nicht im Spiegel- in der Tiefe, mit den Augen des Körpers. Könnten mich deine Finger, deine spöttischen spielerischen , selbstverständlichen Finger, nicht führen?
Beides ist gerade mein Leben. Pater Silvanus‘ Anfrage, die im Raum steht, und Sarah. Ich werde Entscheidungen treffen müssen. Das ist auch richtig so.
Aber du bist keine Entscheidung, du bist ein Geschenk. Jetzt schon egal, was draus wird oder werden kann. Du hast mich wieder spüren lassen – das hören wir Gläubigen so oft, aber ich hatte es lange nicht gespürt -, dass das Leben ein Geschenk ist.

Info Moritz Heger. Aus der Mitte des Sees, Diogenes, 256 S., 22 Euro

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