Vertreibung aus dem Paradies

24. Juni 2021

„Die Skrupellosen“ ist der Titel des neuen Romans von Sadie Jones.  Schade, dass der Verlag nicht den Originaltitel übernommen hat, The Snakes, die Schlangen. Denn die Schlangen-Metapher zieht sich durch den ganzen Roman. Der deutsche Titel „Die Skrupellosen“ dagegen führt eher in die Irre.

Die „heilige Bea“

Die Unterüberschrift für das Buch habe anfangs „Die Unmöglichkeit des Guten“ geheißen, verriet die Autorin. Und genau darum geht es auf den 458 aufwühlenden Seiten. Das Gute verkörpert Bea, Tochter eines skrupellosen Immobilienhais in London, Psychotherapeutin mit Helferinnen-Syndrom und verheiratet mit dem erfolglosen farbigen Künstler Dan. Die „heilige Bea“, so Dans Spitzname für seine Frau, ist eine moralische Instanz aber hin und wieder auch ziemlich nervig.

Auszeit mit Folgen

Sie hat komplett mit dem Elternhaus gebrochen – den Vater bezichtigt sie der Gier, die Mutter des Missbrauchs. Nur der gescheiterte aber liebenswerte Bruder Alex kann vor ihren Augen bestehen. Bea und Dan leben bescheiden in einer winzigen Wohnung und scheinen mit sich und der Welt zufrieden. Bis sie sich zu einer Auszeit entschließen – und bei Alex in Frankreich Station machen.

Verwahrloster Garten Eden

Der Drogensüchtige haust in einem heruntergekommenen Hotel, das ihm die Eltern gekauft haben. Als die dann in diesem verwahrlosten Garten Eden auftauchen, gerät die Welt aus den Fugen. Dan, in Armut aufgewachsen und den Verführungen des Geldes nicht ganz abgeneigt, sieht Beas Gutmenschentum plötzlich kritisch. Bea selbst scheitert beim Versuch, den Bruder vor den Übergriffen der Mutter zu bewahren.

Die Schlangen kriechen aus den Ecken

Doch erst Alex‘ Tod bringt die endgültige Vertreibung aus dem Paradies. Die Schlangen kriechen aus allen Ecken – buchstäblich und metaphorisch. Die französische Polizei lebt ihre Vorurteile aus. Die Mutter inszeniert sich als trauernde Witwe. Bea und Dan versuchen mühsam, wieder zur alten Vertrautheit zurückzufinden.

Ein Ende mit Schock-Effekt

Der Roman, der als Familiensaga begonnen hat, wandelt sich immer mehr zum Thriller – mit einem unerwartet brutalen Ende. Zwar hat Sadie Jones dafür ganz subtil den Boden bereitet, aber im Sog der Spannung kann man die leisen Hinweise leicht überlesen. Umso nachhaltiger wirkt der Schock.

Hineingelesen…

…in die Welt des Geldes

„Monsieur?“ Der Kellner brachte kaum die Lippen auseinander. In einem Kilometer Entfernung stand der Empfangschef hinter einem goldenen Tisch und beobachtete sie.
„Mr. Adamson?“, sagte Dan, „Griff Adamson? Wir sind hier mit ihm zum Abendessen verabredet.“
Es war, als hätte er einen Zauberstab geschwungen. Die Nennung von Griffs Namen verwandelte den Kellner in einen freundlichen, ehrerbietigen Begleiter.
„Monsieur“, bat er, „Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“
Sie gingen eine verspiegelte Treppe hoch und durch einen Ballsaal in ein gigantisches Terrassenrestaurant. Der Kellner geleitete ihn stolz an Griffs Tisch, einen weißen Leinenkreis, umgeben von anderen weißen Kreisen, die in der Abenddämmerung von Kerzen beleuchtet wurden. Griff, Arun, Roche und Liv saßen bereits.
„Da seid ihr ja“, sagte Griff.
Roche und Arun nickten ihm zu. Livs „Hallo“ klang, als würde ihr jemand eine Waffe an die Schläfe halten, und sie warf einen Blick zu Griff, als wäre er derjenige.
„Bea ist… sie kommt gleich,“ sagte Dan, der sich furchtbar linkisch vorkam. Er wünschte, er wäre ebenfalls kurz auf die Toilette gegangen, um sich ein wenig zu waschen, und er hätte gern etwas anderes angehabt als ein T-Shirt.
„Kein Problem“, sagte Griff. „Setz dich dort hin. Was zu trinken?“
Es war, als würden sie etwas feiern. Dan setzte sich und lange nach einer Flasche Mineralwasser, doch ein Kellner schnappte sie sich und goss ihm mit überheblicher Miene ein Glas ein.
„Möchtest du Wein? Ein Bier?“ fragte Griff.
Niemand sonst sagte ein Wort. Bevor Dan um ein Bier bitten konnte, goss man ihm auch schon Rotwein in sein langstieliges Glas. Er musste an Alex denken, wie er in Paligny den Wein in die schmierigen Gläser geschüttet hatte. Er war von einer bizarren Realität in eine andere geschleudert worden, von den Unterstellungen der Polizisten in ihren Betonbaracken zu dieser uralten Terrasse mit dem dunstigen Ausblick und den Kerzen, deren Flammen sich auf Porzellan und Glas spiegelten.
„Wo bleibt Bea denn?“,fragte Griff ungeduldig.
„Sie macht sich frisch“, antwortete Dan.
Erneutes Schweigen. Arun wirkte durch und durch entspannt, und Roche studierte die Speisekarte. Dan wischte sich die Handflächen an den Shorts ab. Frauen in Seide und behängt mit Diamanten und Männer in schicken Anzügen füllten langsam die Nebentische. Ein Streichquartett begann zu spielen. Lampen warfen ihren fächerförmigen Schein an die Wände hinter ihm. Der Himmel über ihnen war bläulich-lila, und in der Ferne leuchtete ein Dorf. Es war der Ausblick eines reichen Mannes, aber der reiche Mann interessierte sich nicht dafür.

Info  Sadie Jones. Die Skrupellosen, Penguin, 458 S., 22 Euro

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