Auf der falschen Spur

5. Oktober 2023

Eva Björg Ægisdóttir hat ihren Geburtsort Akranes auf die literarische Landkarte gebracht. Hier spielen ihre – erfolgreichen – Krimis. Auch „Verlogen“, der neueste Wurf der Isländerin. Hier stellt die 35-jährige Mutter von drei Kindern wieder ihr Geschick unter Beweis, die Lesenden an der Nase herumzuführen.

Mord an einer jungen Mutter

Vordergründig geht es um den Mord an einer jungen Frau, die als Mutter Probleme hatte. Kein Wunder, war sie doch erst 15 Jahre alt, als sie schwanger wurde. Hekla, die Tochter, wuchs zeitweise in einer Pflegefamilie auf, in der sie sich wohler fühlte als zu Hause mit der alleinerziehenden Mutter Marianna.

Die Rolle der Tochter

Die Ermittler Elma, Sævar und Hörður schließen nicht aus, dass Hekla ein Interesse an Mariannas Tod hatte. Denn die Mutter stand den Wünschen der inzwischen 15-jährigen Tochter immer wieder im Weg.

Es menschelt im Ermittler-Team

Das Ermittlerteam und ihre Recherchen bilden den verbindenden Erzählstrang. Und natürlich wirken auch innerhalb des Teams Anziehungskräfte – zwischen Elma und Sævar, während Hörður die Krebserkrankung seiner Frau zu schaffen macht. Da kann schon einiges übersehen werden, zumal sich die Erkenntnisse nicht direkt aufdrängen. Merke: Ermittler sind auch nur Menschen.

Zwiespältige Muttergefühle

Doch Eva Björg Ægisdóttir hat noch einen anderen Erzählstrang eingebaut: Dabei geht es um die Probleme einer ungewollt schwanger gewordenen jungen Frau und ihre zwiespältigen Gefühle gegenüber ihrer Tochter. Erzählt wird aus der Sicht der Frau – von der Geburt über die Baby- und Kleinkindzeit bis zum Alter von 13 Jahren. Aus der anfänglichen Ablehnung ist fast so etwas wie Anerkennung geworden. Mutter und Tochter leben in einer nahezu symbiotischen Verbindung.

Eine Intrige in der Vergangenheit

Doch da ist auch noch etwas in der Vergangenheit, eine Intrige, die Familien zerstört und ein ganzes Dorf gespalten hat. Nur in kleinen Schritten – die Ermittler-Erzählung hat Wochentage als Kapitelüberschrift – kommen Elma und Sævar der Wahrheit und einem weiteren unaufgeklärten Todesfall näher.

Falsche Fährte

Den Lesenden geht es ähnlich. Bis sie die versteckten Hinweise richtig deuten, sind sie einer falschen Fährte gefolgt. Wie die Ermittler müssen sie den Fall nun neu überdenken – am besten nochmal nachlesen. Die Schlussfolgerung ist logisch, das Ende unbefriedigend. Nicht das Ende des Romans, wohl aber die rechtliche Lage. Ein starker Krimi!

Hineingelesen…

… in die Intrige

„Was ist mit Anton passiert?“
Þór sah Elma verwundert an, und sein Blick blieb eine Weile auf ihr, als sei er in seine eigene Welt abgedriftet und müsse die Frage erst verdauen. Scheinbar hatte er die ganze Zeit eher mit sich selbst gesprochen und nicht mit ihr.
„Anton ging auf eine Party.“
„Eine Party?“
„Ja. Er war in ein Mädchen verschossen. Ein Mädchen, das er nicht wirklich haben konnte, wobei man sich erzählte, dass viele sie zu jener Zeit sehr wohl haben konnten. Sie war so eine typische dumme Blondine, die dachte, sie bekäme immer alles, was sie wollte. Wie auch immer… das Mädchen war auf dieser Party, und irgendwie landeten sie beieinander und dann…“
Elma nickte.
„Wahrscheinlich hat sie es bereut und hielt Anton für ihrer nicht wert. Wenn du mich fragst, war es umgekehrt.“ Er zündete sich eine weitere Zigarette an und machte sich diesmal nicht die Mühe, sie erst zu fragen. „Sie sagte, er hätte sie gezwungen. Er wäre… wäre ein Vergewaltiger.“
Sævar und Elma schwiegen.
„Zu so etwas wäre Anton nie fähig gewesen. ER war ein guter Junge. Gutmütig und zurückhaltend. Das waren alles Lügen,. Lügen, nur weil sie… weil sie die eigene Haut retten wollte.“
„Wurde er angeklagt?“
„Nein, an den vorwürfen war ja auch nichts dran. Sie hat das nur so gesagt, weil es ihr peinlich war. Hast sich nicht untersuchen lassen, und es wurde auch nie Anklage erhoben. Es gab keine Beweise, stand nur Aussage gegen Aussage. Aber das war egal. Das war verdammt noch mal egal, die Menschen auf der Straße urteilen härter als jedes Gericht, und die hatten sich längst für eine Seite entschieden.“
Þór strich mit dem Ärmel über seine feuchte Wange. Offensichtlich fiel es ihm schwer, die Erinnerung an diese Dinge wieder hervorzuholen. Im Vorraum hatte Elma Bilder von ihnen gesehen. Keine neuen, nur alte aus einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war. Ein Familienporträt, auf dem Marianna keine fünf Jahre alt war. Ein Bild von einem jungen Paar auf Reisen. Þór mit dichten dunklen Haaren, noch ein Hinweis darauf, wie viel Zeit seitdem vergangen war. Am Kühlschrank in der Küche hing, mit einem Magneten festgehalten, ein Bild von Hekla. Kein Foto, anscheinend hatte Thor ihr Facebook-Profilbild selbst ausgedruckt.
„Der Ort hat sich gegen uns gewandt“, sagte Þór. „Das war eigentlich unfassbar. Wir haben schon immer dort gewohnt, unsere Freunde kannten wir unser ganzes Leben lang, aber von einem Tag auf den anderen löste sich alles in Luft auf. Es … löste sich einfach in Luft auf.“
„Sie ihr deshalb umgezogen?“
Þór ignorierte wieder ihre Frage und fuhr einfach fort. „Anton war so sensibel. Eine empfindliche Seele in diesem großen Körper. Ein gutmütiger Mensch. Und das war, glaube ich, der Grund, warum er getan hat, was er getan hat. Er hat es nicht ausgehalten, dass wir so litten, Konnte es nicht mehr mit ansehen.“ Þór starrte in die Luft. Die Zigarette in seiner Hand war ausgebrannt und die Asche fiel auf den Tisch. „Als ich von der Arbeit nach Hause kam, habe ich ihn gefunden. Er hat einen Strick aus der Garage benutzt, und da hing er dann.“

Info Eva Björg Ægisdóttir. Verlogen. KiWi, 361 S., 17 Euro

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