Baedeker: Zurück zu den Anfängen

23. Mai 2019

Die Bucket list ist ein alter Hut. Schon Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten Reisende „Pflicht-Sehenswürdigkeiten“ ab – die der Baedeker mit Sternchen versehen hatte. Da hatten Dampfschiff und Eisenbahn schon das „Massenreisen“ ermöglicht, und die wohlhabende Mittelschicht gönnte sich Pauschalurlaub in schwimmenden Hotels. Wer sich individuell auf Reisen begeben wollte, griff zum Baedeker.

Der Baedeker war so zuverlässig wie unverzichtbar

Die „Handbücher für Reisende“ im klassischen roten Einband profitierten auch davon, dass 1878 für Staatsdiener und später auch für Angestellte ein Anspruch auf Urlaub eingeführt wurde – Arbeiter und Dienstpersonal konnten davon nur träumen. Baedeker wurde zur Weltmarke, für Individualisten war er so zuverlässig wie unverzichtbar. Welche Ratschläge Karl Baedeker und seine Autoren ihren Lesern mit auf den Weg gaben, verrät das Handbuch für Schnellreisende.

Nilkreuzfahrt: Zwei Büchsen Ochsenzunge und 60 Flaschen Medoc

Für eine Nilkreuzfahrt etwa sollten die Reisenden ihren eigenen Vorrat organisieren, darunter z.B. so Unersetzliches wie zwei Büchsen Ochsenzunge oder zwölf große Büchsen Sardinen und immerhin 60 Flaschen Medoc (für drei Personen und zwei Reisemonate). Wenig Sympathie hatte der Autor für die Ägypter selbst, denen es bei Dienstleistungen vor allem ums Bakschisch gehe: „Man zahle nie früher,als bis alle Dienste geleistet sind und zwar die in diesem Buch angegebenen Preise, erwarte keinen Dank, den der Orientale dem Europäer gegenüber überhaupt nicht kennt.“

Mit dem eigenen Waschbecken im indischen Zug

In Indien allerdings erweist sich der Baedeker als durchaus fortschrittlich, wird hier doch die „gedrückte und unwürdige Stellung des weiblichen Geschlechts“ angeprangert. Unter anderem erfährt man außerdem, dass viele auch ein eigenes Waschbecken mit auf Reisen nehmen, da die „Becken im Zuge oft recht schmutzig und aus hygienischen Gründen nicht benutzbar sind“ – was allerdings das Reisegepäck „sehr erheblich“ vergrößere.
Weniger problematisch war da schon das Reisen in Europa. Nach Ostende etwa, wo das „Treiben der Badenden“ so lustig und verlockend aussieht, „das kaum Einer wird widerstehen kann“, wobei allerdings Ebbe und Flut zu beachten seien. Getadelt wird hier das „Küster-Unwesen“: „Diese Herren pflegen die Kirchen als ein Museum zu betrachten, dessen Ausbeutung ihnen zustehe.“

Vom Overtourism auf dem Rhein

Zwar war die „Rheinreise“ die Keimzelle des Baedeker, aber der Verleger musste bald erkennen, dass es ihm ging wie Goethes Zauberlehrling. Er wird die Geister, die er rief, nicht mehr los und schimpft über den „Reisepöbel“, der das Land „heuschreckenartig überflutet“. Wer denkt da nicht an dem modernen Overtourism? Es ließen sich auf den 384 vergnüglich zu leisenden Seiten noch viel mehr Parallelen zum Tourismus der Gegenwart finden, wenn es um Großbritannien („Hier Verhaltensregeln zu geben, scheint überflüssig“) oder um Russland geht, um Palästina und Syrien oder auch um Konstantinopel, das heutige Istanbul. Da macht selber Lesen Freude und führt zu den schönsten Entdeckungen.
Info: Baedekers Handbuch für Schnellreisende, DuMont Reiseverlag, 384 S., 17,95 Euro

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