Brunetti im Netz der Erinnerung

2. Juni 2022

Es sind immer weniger die üblichen Krimis, die aus der scheinbar unversiegbaren Feder von Donna Leon fließen. Auch Brunettis 31. Fall „Milde Gaben“ beschäftigt sich intensiv mit dem, was der Autorin schon seit Jahren am Herzen liegt – Gesellschaftskritik.

Die Folgen von Corona

Venedig ist dabei, die Pandemie abzuschütteln. Doch die Stadt hat gelitten, viele Läden bleiben geschlossen. Doch während Corona manche in den Ruin trieb, haben andere profitiert. Brunetti hat viel Zeit, sich Gedanken über die abstrusen Folgen der Pandemie zu machen und sich seinen Klassikern zu widmen. Auch das Verbrechen scheint zu pausieren.

Die Freundin, die keine war

Und dann bittet ihn eine alte Freundin um Hilfe, die in Wirklichkeit gar keine Freundin war, wie Brunetti sich widerwillig erinnert. Der Commissario muss nur zurückdenken an seine ärmliche Kindheit. Und so erfahren die Lesenden erstaunlich viel aus Brunettis Leben vor Paola. Von den beengten Verhältnissen, in denen er zusammen mit seinem älteren Bruder aufwuchs. Vom Vater, der seit der Heimkehr aus dem Krieg immer seltsamer wurde, und von der geliebten Mutter, die im Alter dement wurde.

Keine Lösung und viele Fragen

Es sind teilweise schmerzvolle Erinnerungen, denen sich Brunetti in diesem Fall stellen muss. Nach vielen Verwicklungen wird klar, dass ein im Grunde integrer Venezianer durch die Verlockungen des Geldes und weiblicher Reize korrumpiert wurde. Und dass Brunetti sich in einem boshaft gewobenen Spinnennetz verfangen hat. Zum Schluss gibt es keine echte Lösung und auch kein richtiges Happy End. Brunetti hat zwar die halbe Questura in den Fall eingeschaltet, den er eigentlich als Privatsache betrachtete. Und alle hatten mit ihren Recherchen zur Aufklärung beigetragen. Aber die Lösung bleibt unbefriedigend und führt nur zu neuen Fragen. Wenigstens kommen sie nicht von Vice-Questore Patta. Der bleibt bei diesem Fall außen vor.

Hineingelesen…

… in Brunettis Nach-Covid-Venedig

Brunetti und Paola brauchten fünfzehn Minuten. Dort angelangt passierten sie die Cassa di Risparmio, deren Hässlichkeit von der Dunkelheit gedämpft, aber nicht gelöscht wurde, und hielten sich links. Brunetti sprach es Paola gegenüber nicht aus, aber er kam sich vor wie bei einer Autopsie, oder genauer, wie in der Leichenhalle des Ospedale. Tote Geschäfte säumten den Campo bis hin zum Kanal. Ein toter Asia-Imbiss, ein totes Sportartikelgeschäft, ein toter Kleiderladen mit zwei toten Schaufensterpuppen, und schließlich das tote Reisebüro.
Zum Glück haben Geschäfte keine Füße, sonst hätte jedes von ihnen ein Schildchen am linken großen Zeh gehabt, mit Name, Alter und mutmaßlicher Todesursache. Die hier am Campo waren alle an Covid gestorben.
Die Schaufensterpuppen im Reisebüro trugen immer noch Badeanzüge und Sandalen, doch nach Monaten in der Sonne war ihre Haut abgeblättert und lag ihnen in grauen Häufchen zu Füßen. Brunetti hatte eine Taschenlampe mitgenommen und leuchtete damit zum Fenster hinein, auf der Suche nach den Broschüren, die er bei früherer Gelegenheit dort am Boden gesehen hatte. Schließlich entdeckte er sie, dicht aneinandergedrängt, auf halbem Weg in den rettenden Schatten des Verkaufstischs vom Tode ereilt. Da waren sie, hingestreckt, gegeißelt von der Sonne: Griechenland mit fast weiß gebleichtem Meer, drei kuwaitische Albinokamele, Wolkengespenster über einem namenlosen Ort auf dem Umschlag eines Prospekts, der dicht am Fenster gelandet war und folglich mehr Stunden in der Sonne verbracht hatte als die anderen, und dann endlich, hinter einem mit Palmen bestandenen Rasen, ein weißes, vierstöckiges Gebäude, über dessen Eingang – zwei Glasschiebetüren, flankiert von weißen dorischen Säulen – ein verblichenes Schild hing: Hotel des Bains.
Er hielt den Lichtstrahl so lange darauf gerichtet, dass Paola schließlich frage: „Was ist das?“
Er schaltete die Taschenlampe aus und steckte sie ein. „Der Beweis.“

Info  Donna Leon. Milde Gaben. Diogenes, 344 S., 25 Euro

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