Tote Kumpel und ein alter Hass

3. Juli 2019

„All diese Reliquien, sagte sie, machen mein Herz zu Stein.“ Cécile, die Frau des Ich-Erzählers Michel Flavent in dem neuen Roman von Sorj Chalandon, kann nicht verstehen, warum ihr Mann in seiner Werkstatt eine längst vergangene Tragödie am Leben hält: Das Grubenunglück in der Zeche Saint Amé von Lievins, dem 42 Bergleute zum Opfer fielen. Auch Joseph Flavent, genannt Jojo, überlebte es nicht. Nach Meinung von Michel, der den älteren Bruder über alle Maßen bewunderte, wurde Jojo „im Alter von 30 Jahren durch die Grube ermordet“.

Rachefeldzug nach 40 Jahren

Als Cécile stirbt, fühlt sich Michel frei für den Rachefeldzug, den er seit 40 Jahren geplant hat. Ziel ist der Vorarbeiter, der damals für die Sicherheit des Schachts verantwortlich war und der bei der Trauerfeier für die toten Bergleute nicht geweint hat. Michel schließt sein Leben in Paris ab und kehrt heim ins ehemalige Revier, wo er per Zufall auf sein „Opfer“ stößt. Lucien Dravelle ist inzwischen ein alter Mann, der auf den Rollstuhl angewiesen und Michel eigentlich ganz sympathisch ist, „ein armer Teufel mit einem Atemgerät“, ein Greis im Rollstuhl. Dennoch hält er an seinem Plan fest.

Das Gericht wird zur Bühne eines Familiendramas

Bis dahin hat es der französische Autor  Sorj Chalandon geschafft, die Leser mit Michel leiden zu lassen, hat sie in die Unterwelt der Bergleute begleitet, hat ihnen ein Leben vor Augen geführt, das ebenso gefährlich wie faszinierend war und einen einfachen Famlienalltag: „Mir fiel meine Kindheit wieder ein. Die Frau der Liebe, der Mann der Scholle. Der Sohn der Kohle. Ihre Gesichter, ihre Stimmen. Unsere Familie abends am Tisch, Wort und Brot achtend.“
Nun allerdings wird es schwierig. Kann der Hass von 40 Jahren den Angriff auf einen hilflosen, vertrauensseligen Greis rechtfertigen? Doch Chalandon schlägt eine weitere Volte und rollt das Geschehen um den Tod von Jojo Flavent neu auf. Staatsanwalt und Anwältin machen das Gericht zur Bühne für ein Familiendrama, das Michel, den Fernfahrer, in einen mörderischen Hass trieb.

Die Angst der Kumpel vor der Zeche

Man spürt, dass der Journalist Sorj Chalandon  gründlich recherchiert und dabei viel Sympathie für die Kumpel entwickelt hat, die er als Opfer kapitalistischer Ausbeutung schildert: „Er hat sich sein Leben lang abseits gehalten von Streiks und Lohnforderungen. Weil er Angst um seine Familie hatte. Angst vor Pflichtverstößen, Abmahnungen, Entlassung, Kündigung, Arbeitslosigkeit, Angst, von der Zeche aus der Siedlung geworfen zu werden, Angst, sein Dach über dem Kopf zu verlieren, seinen staubigen kleinen Garten, seinen Taubenschlag. Angst, dass seine Kinder von der Schule der Zeche fliegen könnten oder aus deren Ferienkolonie, Angst, ihre Kleidung nicht mehr in der Konsumgenossenschaft einkaufen zu können, Angst ein Nichts zu sein in diesem Land, in dem die Kohle alles ist.“ So schilder die Anwältin Michels das Leben ihres Großvaters, der an der Staublunge starb.
Und so wird der Roman, der auch ein Krimi hätte sein können oder ein Familienroman, zu einer gesellschaftspolitischen und sprachmächtigen Abrechnung mit einem System, das die Würde seiner Arbeiter mit Füßen tritt. Dass er auch stilistisch ein echtes Erlebnis ist, ist der großartigen Übersetzung von Brigitte Große zu verdanken.
Info: Sorj Chalandon. Am Tag davor, dtv,316 S., 23 Euro

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