Per Telefon in die Kindheit
Allgemein / 19. August 2026

Alex Schulmann ist ein Autor, dem man leicht verfällt. In seinen Büchern, für die er viel aus der eigenen Kindheit schöpft, schwingt immer etwas Unheimliches, Bedrohliches mit. Das ist auch im neuesten Roman „Jetzt beginnt das Leben“ so, wobei der Titel etwas irreführend ist. Denn hier laufen zwei Erzählstränge fast parallel nebeneinander. Ein Tag in der Kindheit Dass das funktioniert, ist Schulmanns literarischer Meisterschaft zu verdanken.  Sie ist auch verantwortlich dafür, dass man die unwahrscheinliche Konstellation, dass der Ich-Erzähler über Telefon mit einem Tag aus seiner Kindheit in Verbindung treten kann, akzeptiert. Denn während man sich zunehmend genervt fragt, was diesen Vidar dazu treibt, sich immer mehr in die Scheiße zu reiten, folgt man seinen Anstrengungen, den 17. Juni 1986 zu rekonstruieren mit wachsender Spannung. Die Eltern am Telefon Vidars Leben war durch einen Vorfall in der Schule aus den Fugen geraten. Er hatte bei einer Schlägerei zwei Schüler getrennt und wurde bezichtigt, Gewalt angewendet zu haben. Weil er bis zur Aufklärung des Falls vom Schuldienst suspendiert ist, hat er viel Zeit. In dieser Zeit hat er in einem Karton mit Dingen aus dem Sommerhaus der Familie das Telefonbüchlein seines Vaters gefunden. Kurz darauf hat er seine Eltern am Telefon:…

Die Entzauberung
Rezensionen , Romane / 6. Juni 2026

Zoe Dubno traut sich was. Ausgangspunkt zu ihrem Romandebüt „Nur das Allerbeste“ sei Thomas Bernhards Roman „Holzfällen” aus dem Jahr 1984 gewesen, schreibt sie in ihrer Anmerkung am Ende des Buchs. Bernhards bitterböse Satire auf die Wiener Kulturszene sorgte vor 40 Jahren für einen Skandal , wurde sogar kurzzeitig aus dem Buchhandel verbannt. Jetzt also, gut 40 Jahre später, ein Nachhall – in der New Yorker Kunstszene. Anderer Kontinent, anderes Personal. Die Erregte ist eine Frau, der lang erwartete Gast eine Hollywood-Schauspielerin. Geballte Verachtung Und sonst – ist der Roman bewusst einem Gedankenfluss nachempfunden. Die junge Frau auf dem weißen Sofa steigert sich anlässlich eines „Künstleressens“ in immer größere Verachtung hinein. Kein Wunder, findet sie sich doch bei diesem vornehm inszenierten Essen in einem Bohème-Umfeld wieder, vor dem sie vor Jahren geflohen war. Ausgerechnet der Tod Rebeccas, einer gemeinsamen Freundin, führt sie wieder mit ihren früheren Förderern Nicole und Eugene zusammen, die sie früher schrankenlos bewundert hat und inzwischen verabscheut: „Eugene und Nicole waren die reinsten Zauberer für mich, Glücksfeen, die reinsten Götter.“ Je selbstständiger sie wird, desto mehr entzaubern sich die allzu übergriffigen Gönner. Zweifelhafte Moral Von der Couch aus geht die junge Frau mit ihrer ganzen Umgebung ins…

Bis ans Ende der Welt
Rezensionen , Romane / 10. Mai 2026

In seinem dritten Roman „Bis die Bären tanzen“ greift der Schweizer Autor Michael Hugentobler auch auf die eigene Familiengeschichte zurück. Im Roman geht es um vier Geschwister, die es in der Zwischenkriegszeit in die halbe Welt verschlägt – von der Schweiz und Nazideutschland bis nach Brasilien und Australien. Sie heißen Belle, Elfie, Cob und Anne und ihr Leben ist so unterschiedlich wie ihr Charakter. Die Hüterin der Geheimnisse Belle ist verliebt in den Nachbarsjungen Baron und träumt von einer Hochzeit, bis er ihr von der Schwangerschaft seiner Frau schreibt.  Die Enttäuschung treibt sie bis in den brasilianischen Urwald. Anne liest sich in die Anarchistenszene ein, scheitert mit einem Attentatsversuch in Australien und kommt unverhofft zu einem Adoptivsohn. Cob verlässt die Familie als erster, als sein vom Krieg traumatisierter Vater die Waffe auf ihn richtet. Statt Turnlehrer zu werden, tourt er mit einem Zirkus und einer unzuverlässigen Geliebten durch Nazideutschland. Und Elfie? Die zarte Schönheit landet in einem Sanatorium in den Bergen, empfängt von allen Geschwistern Briefe und hütet deren Geheimnisse. Die wichtigsten Themen Denn die Geschwister wissen nur wenig von einander und verheimlichen vieles, was oft nur die „Mamme“ weiß, die vergeblich versucht, ihre verstreute Familie zusammenzuhalten. Der in drei…

Eine unmögliche Liebe
Rezensionen , Romane / 17. April 2026

Die beiden Protagonisten im Roman „Solange ein Streichholz brennt“ von Christian Huber könnten unterschiedlicher nicht sein: Der eine, Bohm, blickt mit 36 Jahren auf ein gescheitertes Leben zurück und ist seit fünf Jahren obdachlos. Die andere, Alina, hat Angst um ihre Zukunft. Sie fürchtet, vom Fernsehsender entlassen zu werden. Ihre letzte Chance auf eine TV-Karriere könnte eine Reportage über das Leben von Obdachlosen sein. Der Hund Und da kommt Bohm ins Spiel. Alina will ihn für ihre Reportage begleiten. Aber Bohm hat kein Interesse, über sein Leben zu reden. Auch wenn er nichts besitzt außer einem ungeöffneten Brief in seinem abgetragenen Parka, will er sich nicht kaufen lassen. Das ändert sich allerdings, als Fox auftaucht, ein kleiner Hund, der sich in Bohms Herz schleicht – und in das von Alina gleich mit. Die Annäherung Ja, das wird eine Liebesgeschichte – und nicht nur solange ein Streichholz brennt. Die beiden fühlen sich von einander angezogen. Gegen ihren Willen. Sie stoßen sich gegenseitig ab, nur um sich darauf noch näher zu kommen. Von dieser ungewöhnlichen Annäherung erzählt Christian Huber mit charmanter Leichtfüßgikeit: „Bohm sah sie an. Dann sahj er in ihre Augen. Ein funkeln, Ein Knistern. Gänsehaut auf Kopfhaut und Nacken. Licht…

Eine Frau am Scheideweg
Rezensionen , Romane / 28. Januar 2026

Sie ist über die besten Jahre hinaus, die Ehe dümpelt dahin, der Mann geht seine eigenen Wege. Die Psychotherapeutin Terese ist frustriert. Kein Wunder, dass sie in Indien mit einem deutlich jüngeren Liebhaber auflebt. Bodo Kirchhoff denkt sich in seinem Roman „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ in den Kopf dieser Frau hinein – allerdings über den Mann, Vigo. Doppelt verschränkt versucht der Schriftsteller, aus Tereses Perspektive über ihre Sehnsüchte und Bedürfnisse zu schreiben, über die Entfremdung in der Ehe und die Träume, die auch im fortgeschrittenen Alter noch da sind. Schwieriger Balanceakt Es ist ein Balanceakt, der auch dem stilsicheren Bodo Kirchhoff nicht immer gelingt. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, als Ich-Erzähler von einer Frau zu erzählen, niemals,“ sagte Kirchhoff in einem Interview. „Es ist immer ein Mann, der erzählt, wie er sich das denkt und vorstellt. Das ist das Wesentliche an diesem Buch.“ Es geht also um die Innenperspektive der Frau über die Vorstellungswelt des Mannes. Das wird an einer Stelle besonders heikel, als Vigo Terese gegen ihren Willen dazu bringt, mit ihm zu schlafen. Für ihn keine große Sache, für Terese mitentscheidend dafür, dass sie sich von Vigo trennt. Die indische Variante Dabei ist sie…

Einmal Hölle und zurück
Rezensionen , Romane / 7. Dezember 2025

56 Jungs fliehen 1934 aus einer berüchtigten Strafkolonie auf einer bretonischen Insel. Alle werden wieder eingefangen, nur einer nicht – das ist der Ausgangspunkt von Sorj Chalandons mitreißendem Roman „Herz in der Faust“. Er erzählt in dramatischen Szenen von der Hölle eines Jugendknasts, von sadistischen Wärtern und zerbrochenen Kinderseelen. Er erzählt aber auch von einer Hexenjagd biederer Bürger auf Kinder, die schon den Dichter Jacques Prévert zu einem Gedicht in inspiriert hat. Auf Kinderjagd „Chasse à l‘enfant- Jagd auf ein Kind“, geschrieben 1934, handelt vom Aufstand jugendlicher Insassen im Straflager von Belle-Ile-en-Mer. Dort wurden jugendliche Straftäter aber auch Waisen drangsaliert, geschlagen, missbraucht. Am 27. August kam es zur Meuterei – und zum Ausbruch von mehr als 50 Insassen. Auf den Kopf jedes einzelnen wurden 20 Francs ausgesetzt – und nicht nur Einheimische auch Touristen gingen ohne Skrupel auf Kinderjagd. Mit den Augen von Jules 90 Jahre später hat sich der in Tunis geborene Sorj Chalandon dieser Geschichte noch einmal angenommen – und Prévert und sein Gedicht darin integriert. Chalandon erzählt aus der Perspektive eines fiktiven Insassen der Strafkolonie. Jules Bonneau, genannt Kröte, ist ein elternloser Minderjähriger, der schnell wütend wird und den die erlittenen Ungerechtigkeiten gewaltbereit gemacht haben. Aber er…

Die Genies ganz privat
Rezensionen , Romane / 30. Juni 2025

Die Genies erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Männerfreundschaft und deren skandalöses Ende. Der Peruaner Mario Vargas Llosa streckte 1976 seinen Freund und Kollegen, den Kolumbianer Gabriel Garcia Marques, mit einem Faustschlag nieder. Der Autor Jaime Bayly, in Peru geboren und in Miami lebend, hat in seinem Roman auch von seinen Erfahrungen als TV-Moderator profitiert. Stellenweise lesen sich die Genies wie Reportagen der Yellow Press. Familien-Klatsch Und so erfährt man auch einiges über Leben und Alltag der beiden Ausnahme-Literaten. Wobei Vargas Llosa da für Klatsch und Tratsch mehr zu bieten hat als Garcia Marques. Schließlich war der Peruaner mit seiner Tante verheiratet, ehe er sich in die damals 15-jährige Patricia, seine Cousine, verliebte und sie auch heiratete. Die beiden haben drei Kinder, als er sich bei einer Schiffsreise in Susana verliebt, ein Model. Die neue Liebe „Sie war eine traumhafte, göttliche Schönheit, von der ihr Freund, der berühmte Schriftsteller, immer noch geblendet war. Er liebte sie jede Nacht, ausgenommen die Zeiten, in denen er unterwegs war und Interviews und Filme aufnahm.“ Das spätere Leben Eines Tages zeigt Susana ihm eine Frau, die im späteren Leben des Schriftstellers noch eine wichtige Rolle spielen sollte: Isabel Preysler, die Frau von Julio Iglesias. 2015…

Leiden an der Mutter
Rezensionen , Romane / 30. Mai 2025

Alex Schulman arbeitet sich in seinen autofiktionalen Romanen an seiner Familie ab, auch in seinem neuen Buch „Vergiss mich“, in dem er über das ambivalente Verhältnis zu seiner alkoholkranken Mutter schreibt. Er tut das mit gewohnter Sensibilität, aber auch mit harscher Kritik: Mutter und Sohn „Wie soll ich ihr jemals verzeihen können, was in dieen Nächten geschieht? Diese Nachrichten auf meinem Handy, mit denen ich jeden Morgen erwache? Selbst wenn sie eines Tages trocken ist, wie soll ich ihr in die Augen schauen, nachdem sie mir solche Dinge geschrieben hat? Ich weiß einfach nicht, wie das gehen soll! Wie kann ich nach alldem noch ihr Sohn sein und sie meine Mutter?“ Wehmütige Erinnerungen Und doch will dieser Sohn, den die Mutter von sich gestoßen hat, nachdem er ihren Alkoholmissbrauch angesprochen hat, den Kontakt nicht ganz abbrechen. Mit Wehmut erinnert er sich an sorglose Zeiten mit der Familie im Ferienhaus, an die Nähe zur liebevollen Mutter, an ihre zeitweilige Komplizenschaft. Aber das alles ist lang vorbei. Das Schweigen der Eltern Allerdings erinnert sich der Sohn auch an eine Frau, die ihre Launen an den Kindern auslässt, sie durch Nichtbeachtung manipuliert. Ihn, der die Mutter so innig liebt, trifft das besonders. Auch…

Jenseits der Idylle
Rezensionen , Romane / 12. März 2025

Hier Draussen, das klingt nach Freiheit, frischer Luft. Wer in einer hektischen Großstadt lebt und noch dazu möglicherweise in beengten Verhältnissen, träumt gern vom Leben auf dem Land. Von viel Platz und viel Natur, von Kühen auf der Weide, frei laufenden Hühnern, kurz von einer Idylle. Doch was ist dran an solchen Träumen? Martina Behm, Journalistin und Strickdesignerin, kennt wohl beide Seiten, die städtische und die ländliche. In ihrem Debüt „Hier Draussen“ erzählt sie mit warmherzigem Verständnis vom dörflichen Leben jenseits der Idylle. Schattenseiten Lara und Ingo sind mit ihren Kindern raus aufs Land gezogen – auf den Reuserhof, einen „Resthof“ im fiktiven Dorf Fehrdorf. Doch die scheinbare Idylle zeigt schnell ihre Schattenseiten. Nichts da von den erträumten Selbstversorgerhöfen mit ein paar Schweinen, Kühen und Hühnern. Statt dessen industrielle Schweinemast und „Bodenhaltung“ von Hühnerhunderten. Und Ingo muss auch noch täglich zu seinem hippen Start-Up nach Hamburg pendeln. Die Sage Als er dann auf dem abendlichen Heimweg eine weiße Hirschkuh anfährt, erschüttert das die ganze Dorfgemeinschaft. Wenn so ein Tier getötet wird, geht die Sage, stirbt ein Mensch im Dorf binnen eines Jahres. Auch deshalb hat der jagende Nachbar die Hirschkuh zusammen mit Ingo getötet. Er wollte nicht allein verantwortlich sein….

Der alte Mann und das Tier
Rezensionen , Romane / 25. Januar 2024

Bodo Kirchhoff kennt den Gardasee, wo er ein Haus hat. Und er weiß, wie Männer über 70 ticken: er ist Jahrgang 1948. In seinem neuen Roman „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt“ fließen die eigenen Erfahrungen ein, wobei dem Tier – in diesem Fall die rumänische Straßenhündin Ascha – eine bedeutende Rolle in diesem Fünf-Personenstück zukommt: „Seit er sein Leben mit einem Tier teilt, denkt Schongauer in schlaflosen Nächten sogar manchmal daran, dass er gern als dieses Tier auf die Welt gekommen wäre, nur mit dem Gedächtnis für Gut und Ungut, Freund oder Feind, und ohne Wissen um die Zeit.“ Verheerungen des Alters Doch der Hauptfigur Louis Arthur Schongauer, einem ehemaligen B-Schauspieler in Hollywood, ist das Vergehen der Zeit schmerzlich bewusst. Der 75. Geburtstag droht. Und als die 24 Jahre junge Influencerin Frida mit ihrem Wohnmobil vor seinem Garten strandet, spürt er mehr denn je die Verheerungen des Alters. Dabei war er doch auch einmal jung, damals in Hollywood, als er in Nebenrollen immer den bösen Nazi verkörpern sollte. Und als sich die junge Lynn in ihn verliebte. Zwei Frauen und viele Fragen Mehr denn je wird dem alten Mann am Berg die Vergangenheit bewusst, als zusätzlich zu…