Das Geheimnis des Arno Geiger
Rezensionen , Romane / 9. Januar 2023

Arno Geiger ist einen langen Weg gegangen, ehe er mit „Es geht uns gut“ 2015 den Deutschen Buchpreis bekam. Der Preis verschaffte dem bis dahin glücklosen Schriftsteller, der sein Geld 16 Jahre lang als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen verdient hatte, die lang vermisste Anerkennung seines Verlags. In seinem neuen Buch „Das glückliche Geheimnis“, weniger ein Roman als eine Art Geständnis, erzählt der Vorarlberger auch davon. Glückliche Sammelleidenschaft Und er enthüllt, was er bisher geheim gehalten hat: Dass er, der lange Zeit „im Zwischenreich der Erfolglosigkeit“ gelebt hatte, seine Einsichten einer Sammelleidenschaft verdanke. Dass er, wie die Buchpreis-Jury lobte, „Vergängliches und Augenblick, Geschichtliches und Privates, Bewahren und Vergessen in eine überzeugende Balance“ bringen konnte, führt Geiger auch darauf zurück, dass er sich als leidenschaftlicher Altpapier-Sammler auch fremde Leben aneignen konnte. Schamhaftes Plündern Ganze Briefkonvolute hat er aus den Altpapier-Tonnen gezogen, Tagebücher, Notizen, weggeworfene Bücher. Sie alle haben ihm Einblicke verschafft, die er in seinen Büchern verarbeiten konnte. Das Plündern der Altpapier-Tonnen, verschämt am frühen Morgen, blieb bis vor kurzem eine Konstante in seinem Leben, gesteht Arno Geiger, ein „glückliches Geheimnis“, für das er sich jahrelang geschämt hat. Rettung aus der Tonne Heute, als erfolgreicher Schriftsteller, kann er dazu stehen –…

Reisen als Lebenselixier
Reisebücher , Rezensionen / 11. Oktober 2022

Elke Heidenreich ist nicht nur eine interessierte Buchkritikerin, sie ist auch eine engagierte Reisende. Und davon erzählt sie in dem Hörbuch „Ihr glücklichen Augen“ – ganz so, als würde sie sich mit Freunden über ihre Reisen in alle Welt unterhalten. Dass Elke Heidenreich ihre auch in Buchform (Hanser Verlag) erschienen Reise-Erlebnisse selbst spricht, ist ein echter Glücksfall. Macbeth in Schottland Denn so kommen diese Reisen authentisch rüber, man glaubt ihr einfach, dass sie in Schottland auf den Spuren von Macbeth unterwegs war und in Wales auf denen von Dylan Thomas, dass sie sich in Lissabon Fernando Pessoa nahe gefühlt hat, dass sie sich im legendären Hotel Waldhaus im schweizerischen Sils Maria mit Literaten und Künstlern getroffen hat. Kritik am „name dropping“ Der ihr nicht immer wohl gesonnene Literaturkritiker Denis Scheck hat das „name dropping“ im Buch kritisiert. Mag sein, dass die Aneinanderreihung von klugen Zitaten noch klügerer Menschen am Anfang im gedruckten Exemplar nervt – sie tut es, wenn auch in geringerem Maße – auch im Hörbuch. Aber das ist schnell vergessen, wenn Elke Heidenreich von den Landschaften schwärmt, die sie durchwandert, von den Menschen, die sie getroffen hat. Schnoddrig und melancholisch Man hört ihr einfach gern zu, wenn sie…

Abenteuerlust und Forscherdrang
Kinderbücher , Rezensionen / 10. Dezember 2021

Bald sind Weihnachtsferien, und dann sind die Tage oft lang.  Lesen hilft nicht nur gegen Langeweile.  Bücher können Anstoß dafür sein, sich zu engagieren.  Sie können aufklären, anregen, unterhalten.  Bücher sind die reinsten Wundertüten,  wenn man sie richtig nutzt.  Und diese Bücher machen neugierigen Kindern und kleinen Leseratten nicht nur an Weihnachten Freude. Das Neinhorn und die Schlangeweile Das Neinhorn von Marc Uwe Kling hat schon jetzt jede Menge kleine Fans. Denn wer kann besser nachvollziehen, wie lustig Neinsagen ist als Kinder? Jetzt gibt es ein neues Abenteuer, in dem zu den vier Freunden NEINhorn, KönigsDochter, WASbär und NahUND die SchLANGEWEILE dazukommt. Auch eine Vertreterin einer Stimmung, die Kinder gut kennen. Wem ist denn nicht mal langweilig? Vor allem in Corona-Zeiten? Doch wozu gibt es Freunde? Gemeinsam ist das Leben gleich viel lustiger – auch für die SchLANGEWEILE. Astrid Henn hat das Abenteuer wieder lustig in Szene gesetzt und sogar eine mehrseitige Panoramaweltsicht dazu gezeichnet. Und für alle, die sich doch mal wieder langweilen, nachdem sie das Bilderbuch mehrmals gelesen haben, gibt es am Ende wieder ein witziges Rätsel mit vertauschten Tieren und dazu noch das „Schleiterspiel“. Da ist mindestens ein vergnüglicher Nachmittag garantiert. Info  Marc-Uwe Kling/Astrid Henn. Das NEINhorn…

Tierische Gedankenwelt
Rezensionen / 23. August 2021

Wäre es nicht toll, wenn wir verstehen könnten, was Tiere so denken? Evie kann das. Sie hat „die Gabe“, wie ihr Dad und ihre Oma ihr verraten haben. Doch beide wissen, dass diese Gabe tödlich sein kann. Evies Mutter kam im Amazonas-Regenwald ums Leben, weil sie den Tieren dort helfen wollte. Und auch Evies Leben ist in Gefahr. Deshalb bittet ihr Vater sie, möglichst niemandem von ihrem Talent zu erzählen. Außenseiterin in der Klasse Aber wie soll das gehen, wenn ein kleiner Junge, der selbst die „Gabe“ hat, im Löwengehege in Todesgefahr gerät? Evie muss ihm einfach helfen. Dass sie sich damit selbst in Gefahr begibt und außerdem zur Lachnummer in der Schule macht, nimmt sie in Kauf. Längst schon hat sie ihre Freundin Leonora an Instagram verloren. Statt für Tiere interessiert sich Leonora nur mehr für Shoppen und Klicks. Da kann Evie nicht mithalten, sie wird in ihrer Klasse zur Außenseiterin. Wäre nicht der Junge Ramesh mit den langen dunklen Haaren, sie hätte gar keine Freunde mehr. Tödliche Gefahr aus der Ferne Doch alles ändert sich auf einen Schlag. Die Kunde von Evies guter Tat im Zoo ist bis an den Amazonas gedrungen und hat den Todfeind ihrer Mutter…

Rafik Schami: Magier der Erzählkunst
Allgemein / 23. Juni 2021

Vor einem halben Jahrhundert hat Rafik Schami Syrien verlassen. Das Land, aus dem seit Jahren wieder Millionen fliehen. Doch   der große Erzähler, der  jetzt seinen 75. Geburtstag feiern konnte,  trägt sein Land im Herzen. Und im Namen. Bedeutet doch das Pseudonym Rafik Schami doch „Freund aus Damaskus“. Sohn eines Damaszener Bäckers Die Lust am Erzählen hat der promovierte Chemiker wohl schon als Kind in den Gassen von Damaskus aufgesogen, wo er als Sohn eines Bäckers im christlichen Viertel aufwuchs,. Und wie es die Märchenerzähler in alten Zeiten taten, so webt auch er einen großen Erzählteppich aus vielen Mustern, die er übereinander legt. Ausufernde Fabulierfreude Seine oft ausufernde Fabulierfreude macht weder vor der Bibel noch vor dem Tod halt und gibt in einer Fülle von Geschichten immer wieder tiefe Einblicke in die syrische Gesellschaft. „Das Gedächtnis ist eine Stadt mit Gassen und Friedhöfen, mit Wirtshäusern und Gefängnissen – mit allem“, hat er einmal gesagt, oder auch „Die Zeit läuft wie ein Akkordeon.“. Erzählen gegen das Vergessen Ein Hauch von „Es war einmal“ durchzieht sein Werk, liegen doch die meisten Orte, von denen er schreibt, heute in Trümmern. Die Häuser werde man wieder aufbauen, da ist sich der Deutsch-Syrer sicher. „Was mir…

Eine Pandemie in Zeiten des Terrors
Rezensionen / 26. Januar 2021

Ludmila Ulitzkaja geht es um die „Pest zu Zeiten der politischen Pest“: Die studierte Biologin erzählt von einer „drohenden Pestepidemie in Moskau 1939, die durch das schlimmste und mächtigste Machtinstrument jener Zeit gestoppt wurde, durch das NKWD, den Geheimdienst der UdSSR.“ Diese scheinbar allmächtige und skrupellose Organisation hat wie eine Krake ihre Fühler überall und sie schreckt vor nichts zurück. Die Menschen sind ihr hilflos ausgeliefert, die Angst um die eigene Existenz zerstört jede Zwischenmenschlichkeit. Brutalität gegen Infektiosität Bei der Bekämpfung der Pandemie erweist sich der Geheimdienst mit seinen brutalen Maßnahmen als effektiv. „Tatsächlich war es damals ausgerechnet der Geheimdienst, der seine einschlägige Erfahrung bei der Verhaftung und „Liquidierung“ von Menschen nutzte, um binnen weniger Tage eine strenge Quarantäne zu organisieren und so eine Epidemie verhinderte“, schreibt Ludmila Ulitzkaja im Vorwort. Und: „So verblüffend es scheint: Die Sicherheitsorgane waren stärker als die Kräfte der Natur. Das bietet Stoff zum Nachdenken…“ Ein Arzt als Held Allerdings: Wie in Camus‘ „Die Pest“ ist es auch hier ein unerschrockener Arzt, der durch seinen selbstlosen Einsatz dafür sorgte, dass sich die Infektionen nicht noch weiter verbreiteten. Das weckt Erinnerungen an den chinesischen Augenarzt Li Wengliang, der frühzeitig vor dem Coronavirus in Wuhan warnte und…

Kuscheln mit Schimpansen
Allgemein / 24. Januar 2021

Ein Schimpanse als Lebensgefährte? „Tiere sind auch nur Menschen“, heißt es eher scherzhaft. Doch wie menschlich sind Tiere wirklich? Der amerikanische Erfolgsautor T.C. Boyle („Wassermusik“, „Amerika“, „Die Terranauten“) geht in seinem neuesten Roman „Sprich mit mir“  der Frage nach, ob Tiere uns nicht ähnlicher sind als wir denken. Zum Beispiel Affen. Der Schimpanse als Kleinkind Sam, der Schimpanse, den Professor Guy Schemerhorn in eine TV-Show bringt, kann in der Gebärdensprache nicht nur einen Cheeseburger bestellen, sondern auch seinen Namen sagen. Wie ein Kleinkind wird er von Wissenschaftlern umsorgt, trägt anfangs Windeln und Latzhose und isst mit  am Tisch. Vor allem für Frauen entwickelt Sam ein besonderes Faible. Doch zu keiner fühlt er sich so hingezogen wie zu der schüchternen Studentin Aimee. Ende einer Menage à trois Die beiden entwickeln eine eine einzigartige Beziehung zu einander, in die anfangs auch der Professor eingebunden ist. Dass er und Aimée ein Liebespaar werden, verfolgt Sam mit der Eifersucht eines Liebhabers. Es ist eine verrückte aber glückliche Menage à trois, bis Guys Mentor das Projekt Sam abbricht und den Schimpansen zurückholt – in einen Laborstall mit anderen Affen. Während Guy resigniert aufgibt, wird Aimée zur Rebellin. Sie reist Sam nach und verdingt sich als…

Die Fuggerei in allen Facetten
Rezensionen / 22. Dezember 2020

2021 im Sommer könnte die Fuggerei in Augsburg 500. Geburtstag feiern. Ob es zum Jubiläum eine große Feier gibt, hängt von Corona ab. Aber schon jetzt kann man sich in die Geschichte der ältesten Sozialsiedlung der Welt vertiefen. Das kenntnisreich geschriebene und ausführlich bebilderte Buch „Die Fuggerei“ öffnet nicht nur die Türen zu den Stiftern, sondern auch zu heutigen Bewohnern. 500 Jahre Verpflichtung für die Familie Fugger „Auf ewig mit der Vollstreckung“ seiner 1521 gegründeten Sozialsiedlung verpflichtete Jakob Fugger seine Nachfahren. Und dieser Verpflichtung kommen die Fuggers auch nach 500 Jahren nach. In fünf Jahrhunderten haben bedürftige Menschen in der Fuggerei ein Dach über dem Kopf gefunden – auch nach den Zerstörungen im 2. Weltkrieg. Im Buch erfährt man, was den reichen Global Player und genialen Strategen Jakob Fugger zu seiner Stiftung bewogen hat und warum die Fuggerei-Bewohner bis heute drei Gebete für den Wohltäter und seine Familie sprechen sollen. Man erfährt auch, wie die Architektur dieser heutigen Puppenstuben-Idylle einzuordnen ist: Im Grundriss schließe sie sich an den Kleinhaustyp spätmittelalterlicher Handwerkshäuser an. Ehrenhafte Arme und 88 Cent Miete „Ehrenhafte Arme“ hatte Jakob Fugger für seine Sozialsiedlung im Sinn, die sich bis heute als Stadt in der Stadt gehalten hat -noch…

Wiedersehen mit Nero Corleone
Allgemein / 25. November 2020

Ach, wie habe ich diesen Kater geliebt: Elke Heidenreichs Nero Corleone ist mir ans Herz gewachsen als wäre es mein eigener. Ja, auch unser Mikesch war ein Streuner gewesen, ein schöner grauer Tiger mit einer ganz eigenen Persönlichkeit, der uns per Zufall ins Haus geschneit war. Die Söhne waren allesamt hin und weg über den vierbeinigen Familienzuwachs und mutierten über Nacht zu Katzenfans. Hinauswurf aus Neros Katerwelt Und dann habe ich dieses Buch entdeckt – Nero Corleone mit Bildern von Quint Buchholz. Wir haben es alle gelesen, dem Jüngsten habe ich es vorgelesen – und alle, auch der Vater, waren hingerissen. Nero hat uns verzaubert – und das „Aus“ im Buch erschien uns wie ein Hinauswurf aus Neros Kater-Welt. Wir aber wollten ihn gar nicht loslassen, haben das Buch wieder und wieder gelesen. Und der Jüngste hat sich angeeignet – und später auch mitgenommen in die eigene Wohnung in Berlin, in der jetzt auch Katzen leben. Willkommene Rückkehr Als Elke Heidenreich ihren Nero dann zurückkehren ließ, da hießen wir ihn so herzlich willkommen wie die Isolde im Buch. Auch die Söhne, die schon (fast) erwachsen waren. Wieder machte das Buch die Runde und wieder war es der Jüngste, der es…

T.C. Boyle: Abgründe und Visionen
Rezensionen / 15. Februar 2020

Die Zukunft hat schon begonnen – irgendwann, irgendwie – in diesen Kurzgeschichten von T.C. Boyle. Der Meister der Short Story braucht nur wenige Sätze, um eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen, zu zeigen, wie ohnmächtig wir Menschen der Natur gegenüber sind. „Sind wir nicht Menschen“ ist der Titel dieses Sammelbandes, dem der Amerikaner ein Zitat von Lord Byron voranstellt: „Den Menschen lieb‘ ich, mehr noch die Natur“. Ameisenplage und Wassermangel Und diese Natur ist nicht immer menschenfreundlich, schon gar nicht zu Zeiten des Klimawandels. Eine Ameisenplage verdirbt einer jungen Familie die Freude am neuen Haus: „Sie waren überall, diese Ameisen, sie brachen sich in winzigen Wellen an unseren Sandalen, krochen in die Zehenzwischenräume und krabbelten, sobald wir unseren Sohn berührten, in rasender Geschwindigkeit an unseren Händen und Armen hinauf.“ Jahrelange Dürre lässt auch die Liebe eines Paares verdorren: „Wir stritten endlos über die banalsten Kleinigkeiten – wer das letzte saubere Handtuch genommen hatte oder wer das Spülwasser nutzlos in den Abfluss hatte laufen lassen.“ Wiedererleben statt leben T. C. Boyle ist ein genauer Beobachter, ein hellsichtiger Zeitgenosse und ein grandioser Erzähler. Die über Jahrhunderte unterjochte Natur schlägt zurück – in Gestalt eines Tigers, der im Zoo aus seinem Käfig ausbricht. Und…