Von Bäumen und Menschen

5. November 2020

Michael Christie hat ein enges Verhältnis zu Holz.  Der studierte Psychologe lebt mit seiner Familie in einem selbst gezimmerten Holzhaus. Dafür musste er wohl auch Bäume fällen.  Vielleicht spielen Bäume deshalb in seinem neuen Roman „Das Flüstern der Bäume“ eine so große Rolle.

130 Jahre Leben

Die Jahre graben sich in die Bäume ein. Hunderte von Jahren alt werden können Baumriesen, wenn das Klima und die Menschen es zulassen. Das Schicksal von Mensch und Natur ist enger verwoben, als die meisten Menschen glauben. Das zumindest lässt sich aus Michael Christies großer Familiensaga  herauslesen. Von 2038 bis 1908 und zurück bis 2038 verfolgt der kanadische Autor vier Generationen von Menschen, die das Schicksal zu einer Familie zusammengeschmiedet und dann wieder getrennt hat.

Durch Zufall Familie

Diese Greenwoods sind keine moderne Patchwork-Familie, die sich selbstbestimmt gegründet hat. Reiner Zufall hat Harris und Everett, zwei Jungen, die einen traumatischen Unfall überlebt haben, zu Brüdern gemacht. Das Leben wird den einen zum Holzmillionär, den anderen zum Vagabunden machen – und sie doch wieder zusammenführen, als es darum geht, das Leben eines ausgesetzten Kleinkinds zu retten.

Generationenkonflikte

Everett bringt das größere Opfer und geht für seine Rettungsaktion in den Knast. Der zunehmenden erblindende Harris zieht das elternlose Mädchen groß, das sich schon bald gegen ihn und seinen Raubbau an der Natur auflehnt. Das Erbe bringt Willow in eine Stiftung ein, was für sie und ihren Sohn Liam ein Wanderleben am Rand der Gesellschaft bedeutet. Auch Liam rebelliert später gegen die Mutter, wird zunächst Holzfäller und dann Schreiner.

Komplexes Schicksalsgeflecht

Seine Tochter Jacinda schließlich – auch sie trägt den Namen Greenwood – arbeitet als Naturführerin auf Greenwood Island, das von einem Großkonzern als Naturreservat betrieben wird. Von der verwickelten Geschichte ihrer Vorfahren hat sie keine Ahnung – bis sie ihr Ex-Freund mit dem Tagebuch ihrer Großmutter konfrontiert. Jahresring um Jahresring erschließt sich Jacinda das komplexe Geflecht, dem sie ihre Entstehung verdankt.

Filmreifes Drama

Wie das Mycel  im Waldboden,die sich unsichtbar zu einem großen Ganzen verbinden, verknüpfen sich sich die Schicksale dieser Menschen, halten sich Widerstand und Anpassung, Hochmut und Heldentum die Waage. Damit das alles sich fügt, muss der Autor zwischendurch schon ein bisschen nachhelfen. Aber das stört kaum im spannenden Lesefluss. Im Kopf spielt sich ein filmreifes Drama ab, in dem die Zerstörung der Natur einhergeht mit der Zerstörung der sozialen Bindungen.

Hineingelesen…

… in das Denken von Harris Greenwood

Im Verlauf seiner Karriere hat Harris Greenwood die Rodung von über zweihundert Millionen Hektar Primärwald überwacht. Einige der dicksten, höchsten, prächtigsten bäume, die dieser Planet je genährt hat, sind unter seiner Führung gefallen, Aber in nur drei Monaten wird seine Genehmigung für diese Insel erlöschen, was vermutlich ein Bietergefecht auslösen wird, das zweifellos das Holzsyndikat von Harris‘ finanziell bessergestelltem Rivalen  H. R. MacMillan gewinnen wird. Und auch wenn ihn diese Holzverschwendung schmerzen wird, ist ihm der Gedanke, die Bäume würden entweder von Baumwilderern oder von Mac Millan gefällt, unerträglich.
Mit einer kurzen Bewegung lässt er das Streichholz aufseufzen. Während die Flamme in seiner Hand von warm zu heiß wechselt, zählt Harris in Gedanken alles auf, was notwendig war, um einen solchen Baum hervorzubringen: ganze Ozeane an Regen und Jahrhunderte von Sonnenlicht. Dasselbe Sonnenlicht, das die Helme der Römer zum Funkeln brachte. Derselbe Wind, der die ersten Entdecker zu diesem Kontinent trug.  Hier stehen Bäume, die höher sind aus zwanzigstöckige Häuser! Bäume, die schon riesig waren, als die ersten Druckerpressen anliefen. Baudelaire hatte sie „lebendige Pfeiler der Natur“ genannt, und Harris stimmt ihm zu. Und doch – fragt man irgendjemanden, der sein Leben inmitten von Bäumen verbracht hat, sagt er einem, dass Bäume zwar unbestreitbar beeindruckend, aber zugleich auch nur Unkraut auf Pfählen seien.
Info: Michael Christie. Das Flüstern der Bäume, Penguin, 560 S., 22 Euro

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