Wunschtraum und Wirklichkeit

1. September 2020

Christine Cazon ist Deutsche und lebt in Frankreich.  Für viele Deutsche ist das Land ein Traum – und erst Cannes! Die Cote d‘Azur! Für  die deutsche Krimi-Autorin war beides Wunsch- und Albtraum. In ihrem Buch „Von hier bis ans Meer“ beschreibt sie fast schmerzhaft ehrlich ihren Weg aus Deutschland über die südfranzösische Provinz bis nach Cannes, wo sie mittlerweile erfolgreich Kommissar Duval ermitteln lässt.

Anpassung ein Leben lang

„Als Ausländerin in einem fremden Land passt man sich sein Leben lang an“, schreibt Cazon. „Ich wollte es anfangs gar nicht glauben, dass das Leben in einem europäischen Land gleich nebenan so anders funktioniert. Und dass es nicht damit getan ist, die Sprache zu lernen und irgendwann halbwegs flüssig zu sprechen. Je mehr man versteht, desto mehr versteht man nicht, sage ich immer.“  Christine Cazon ist durch eine harte Schule gegangen, hat viele Tiefs durchlitten und Enttäuschungen verarbeiten müssen, ehe sie mit ihrem – älteren – Mann zur Ruhe kommen konnte.

Christine Cazon will Cannes erzählen

Doch viele dieser Missverständnisse beruhten auf den unterschiedlichen Mentalitäten von Deutschen und Franzosen, auf den unterschiedlichen Gepflogenheiten. Vielleicht auch auf zu hohen Erwartungen. Cannes jedenfalls ist für Christine Cazon zunächst alles andere als das, was sie erwartet hat. Erst schüchtert die Filmstadt sie ein, dann stößt Cannes sie eher ab, und schließlich lernt sie, in ihren Kriminalromanen „Cannes zu erzählen“ – mit allen Problemen und Herausforderungen.

Blick hinter die Kulissen der Urlaubsidylle

Den Touristen, die Cannes (und die Cote) ganz anders sehen, schreibt sie ins Reisebuch: „In dem Moment, in dem man eindringt und nicht nur die Kulisse bestaunt, wird alles zum Alltag. Und das Leichte, das Heitere verlieren sich.“ Und so blickt man mit  Christine Cazon auch ein bisschen hinter die Kulissen der blauen Küste und des Film-Glamours. Dazwischen erfahren die Leser viel über das Leben und die Gedanken der Neu-Französin, die in ihren Blogbeiträgen auch so manche französische Tradition aufs Korn nimmt und vor allem mit der Bedeutung hadert, die Essen im Leben der Franzosen einnimmt: „Zu viel, von allem viel zu viel. Und zu fett.“
Am Ende philosophiert Christine  Cazon ein bisschen zu viel über ihr „Fremdsein in dieser Welt“ und die Probleme der Nachkriegsgeneration. Das sprengt eigentlich den Rahmen dieses Buches, das ja eigentlich die Leser mitnehmen will „von hier bis ans Meer“.

Hineingelesen…

in  die Probleme doppelter Loyalität

Ich bin doppelt loyal, auch wenn sich das Menschen, die nur eine Staatsangehörigkeit haben, nicht vorstellen können. Ich bin auch doppelt empfindlich: bin verletzt, wenn Deutsche Frankreich kritisieren, und genauso verletzt, wenn Franzosen Deutschland kritisieren.
In einem anderen Land zu leben verändert den Blick. Wenn man es denn zulässt. Ich wünschte mir, jeder Mensch lebte einmal ein paar Jahre in einem anderen Land, fremd zwischen Fremden mit anderer Sprache und Kultur, und müsste sich dort alleine zurechtfinden. Man bekäme eine andere Sicht auf Menschen und würde vielleicht selbst angesichts seiner eigenen Fremdheit sanfter, verständnisvoller und menschlicher mit sich und den anderen. Nur so könnte sich unser Blick wirklich weiten. Und wir würden vielleicht insgesamt offener, freundlicher für Unvollkommenes, für Uneindeutiges, für Fremdes. Eine doppelte Loyalität ist noch viel zu wenig.

Info: Christine Cazon. Von hier bis ans Meer, KiWi, 330 S.,  12 Euro

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