Tod in der Wüste

15. März 2021

Laila Lalami  wurde in Rabat geboren und lebt in den Vereinigten Staaten. In ihrem bewegenden Roman „Die Anderen“  schreibt sie über die Folgen auch latenter Xenophobie.  Der mehrstimmige  Nachruf auf einen  Mann, der vor seinem Bistro in der Mojave-Wüste angefahren und getötet wurde, wurde vom Time Magazine als eines der besten Bücher des Jahres bewertet . Denn Laila Lalami erforscht darin unaufgeregt aber eindrücklich das Leben von Menschen abseits des amerikanischen Mainstreams.

Zweifel an der Unfall-Version

Die Tochter des Opfers, Nora,  mag nicht glauben, dass es ein Unfall war. Obwohl integriert, hat die Familie doch immer das Gefühl gehabt, nicht dazu zu gehören, „Die Anderen“ zu sein. Und der Erfolg, den der Vater – Driss – mit seinem Restaurant hatte, erregte wohl auch den Neid der Nachbarn. Nora erinnert sich an einen Brandanschlag. Die Musikstudentin war ihrem Vater immer sehr nah anders als ihre Schwester Salma, die als Zahnärztin gutes Geld verdient.

Eine neue Existenz

Für die Mutter hat Salma erreicht, wonach sie selbst gestrebt hat, als die Familie von Marokko in die USA auswanderte.  Das Leben in der Heimat war unsicher geworden, vor allem für Regimekritiker wie Driss. Mit einem heruntergewirtschafteten Donut-Shop neben einer Bowling-Bahn baut der Philosophiestudent für seine Familie eine neue Existenz auf – gegen den Willen seiner Frau und zum Ärger des amerikanischen Nachbarn. War der in den Unfall verwickelt? Und war es überhaupt ein Unfall?

Schwierige Aufklärung

Nora lässt nicht locker. Ihr Schulfreund Jeremy, ein Afghanistan-Veteran, unterstützt sie, und seine Chefin bei der Polizei, eine schwarze Kommissarin, ahnt ebenfalls, dass mehr hinter dem Unfall stecken könnte. Sie hat ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus. Die Angst vor Fremdenfeindlichkeit ist es auch, die den illegalen Einwanderer Efrain davon abhält, zur Polizei zu gehen und zu sagen, was er beobachtet hat. Erst eine hohe Belohnung kann ihn überzeugen – und bringt so etwas wie Aufklärung.

Ankommen in der neuen Heimat

Für Nora, die sich entschlossen hat, das verwaiste Restaurant zu übernehmen, eine Genugtuung. Endlich kann sie Frieden schließen mit ihrer Familie und die neue Heimat annehmen.
Laila Lalami hat ein wichtiges Buch geschrieben, ein Buch nicht nur über Xenophobie und die Folgen. Ein Buch auch über Migranten und das Gefühl der Entwurzelung. Auf Schwarz-Weiß-Malerei hat sie dabei verzichtet. Niemand ist nur böse oder nur gut. Alle müssen mit prägenden Erfahrungen leben – Nora mit dem Mobbing in der Schule, Jeremy mit den grauenhaften  Erinnerungen an den Krieg gegen den Islam, Efraim mit der Angst vor der Fremdenpolizei…

Hineingelesen…

… in Noras Gedankenwelt

Vielleicht hatte sich zwischen uns (Mutter und Tochter) endlich etwas verändert. Das Gespräch über das lang gewahrte Geheimnis hatte ihrem Panzer Risse versetzt. Alles, was sie sich für mich erträumt hatte, musste sie aufgeben und akzeptieren: Ich war nur Musikerin und würde nie etwas anderes sein. Jetzt schien sie bereit zuzuhören, und ich begann von meinem Aufenthalt in Boston zu erzählen, von dem Schlagzeuger und der Bassistin, die ich dort kennengelernt hatte, von unseren gemeinsamen Plänen, von den guten und schlechten Erlebnissen.
Danach ließ ich das Fenster herunter und streckte den Ellenbogen hinaus. Die Luft war warm und trocken. Bald würden die Santa-Ana-Winde durch die Pässe fegen und Feuersbrünste bringen. Wie oft hatte ich nachts im Bett gelegen und davon geträumt, die Wüste eines Tages zu verlassen. Konflikte und Schuldzuweisungen hatten sich dort angesammelt, und beides würde nicht so schnell verschwinden…
Und ich war geblieben. Ich hatte alles getan, um ihr zu entfliehen, doch die Wüste war meine Heimat. Die Weite, das makellose Licht, die Stille. Heimat aber war vor allem die Familie, die mich liebte. Erst jetzt, nach dem Tod meines Vaters, begann ich zu verstehen, dass Liebe kein zahmes, passives kleines Wesen war, sondern ein rebellisches, nervöses wildes Tier, unberechenbar, großherzig und versöhnlich, das mir den Schmerz nehmen und mich aus dem Dunkel tragen würde.

Info: Laila Lalami. Die Anderen, Kein & Aber, 430 S, 24 Euro

 

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